Immobilien: Städteregion Aachen im Fokus ausländischer Investoren

100 Jahre Haus- und Wohnungseigentümerverein : Auch die Städteregion im Fokus ausländischer Investoren

Der Haus- und Wohnungseigentümerverein Nordkreis Aachen feiert am Samstag sein 100-jähriges Bestehen. Im Interview erklären der Vorstandsvorsitzende Stefan J. Becker und Schatzmeisterin Petra Hölscher-Griffith, warum der Verein die Politik in der Pflicht sieht, eine Lösung für den hohen Bedarf an Sozialwohnungen zu finden.

Wie kam es im Jahr 1919 zur Gründung des Vereins?

Stefan J. Becker: Blicken wir zurück, so kann man sagen, dass 1919 ein absolutes Umbruchjahr in der Geschichte der Deutschen darstellt. Am 19. Januar fand die Wahl zur Nationalversammlung statt, es folgte die Wahl von Friedrich Ebert zum Reichspräsidenten, und schließlich trat am 14. August 1919 die Weimarer Reichsverfassung in Kraft. Mit Ende der Kaiserzeit gründeten sich viele Vereine, so auch der Haus- und Wohnungseigentümerverein. Die Jahre 1919 bis 1923 stellen eine Phase der Verunsicherung und politischer Instabilität dar. Das Bürgertum, was sich schon während der Industrialisierung stark engagiert hatte, reagierte auf Wohnungsnot und Wirtschaftskrise mit Investment. Dass sich in dieser Zeit ausgerechnet Haus- und Wohnungseigentümer zusammenschließen, um als Interessenverband ein gemeinsames Sprachrohr zu bilden, ist also nicht weiter verwunderlich.

Sehen Sie einen direkten Bezug zur gegenwärtigen Entwicklung?

Becker: Auch heute gibt es viele Menschen, die nicht mehr wissen, in welchen Bereich sie investieren sollen, da angesichts der Niedrigzinspolitik und der globalen Vernetzung Risiken entstehen, die Investoren abschrecken und verunsichern. Neben Gold werden Immobilien immer noch als stabile Wertanlage gesehen, wie man an der Preisentwicklung feststellen kann. Insofern gibt es deutliche Parallelen zu 1919 im Bereich des Investments.

Mit über 1300 Mitgliedern ist Ihr Verein einer der größten in der Städteregion Aachen. Was zählt zu den wichtigsten Aufgaben? Wo besteht der höchste Beratungsbedarf?

Petra Hölscher-Griffith: Für viele Vereinsmitglieder ist sicher die Rechtsberatung ein ganz elementares Fundament des Haus- und Wohnungseigentümervereins. Mit Sabrina Prümm und Ramona Offermanns verfügen wir über zwei hervorragende Volljuristinnen, die nicht nur die Rechtsberatung übernehmen, sondern unserer Mitglieder auch vor Gericht persönlich vertreten können. Darüber hinaus sind Vermieter beispielsweise auch auf stets juristisch aktualisierte Mietverträge angewiesen, die bei uns erworben werden können. Die Neubesetzung des Vorstands wurde bewusst darauf abgestellt, auf eine breit gefächerte Expertise zurückgreifen zu können. Insgesamt ist der Verein auch Sprachrohr der Haus- und Wohnungseigentümer, und hier kommen die unterschiedlichen Expertisen der Vorstandsmitglieder dem Verein sehr zugute.

Wie bewerten Sie den Wohnungsmarkt im Nordkreis Aachen? Droht hier eine Überhitzung bei den Immobilienpreisen bzw. bei den Mieten?

Becker: Grundsätzlich ist festzustellen, dass auch die Städteregion Aachen inzwischen stark in den Fokus ausländischer Investoren gerückt ist. Das neue große Bauvorhaben in RWTH-Nähe wird beispielsweise von einem irischen Fonds umgesetzt. Gleiches gilt für den gesamten Bereich der Bestandsimmobilien. Solange die Niedrigzinspolitik und die allgemeine wirtschaftliche Konjunktur sich nicht verändern, wird der Trend der Preissteigerung anhalten.

Wo sehen Sie die größten Risiken?

Becker: Die große Gefahr besteht darin, dass niemand vorhersehen kann, wie sich der Trend verhält, wenn empfindliche Stellräder bewegt werden. Die Gefahr einer Überhitzung speziell für den Nordkreis sehe ich derzeitig noch nicht. Meiner Auffassung nach haben wir den Zenit noch nicht überschritten, aber wir nähern uns immer weiter an. Was die Mietpreise angeht, so muss man feststellen, dass man derzeitig mit 2400 bis 2700 Euro Baukosten je Quadratmeter im Bereich von Mietwohnraum rechnen muss. Rechnen Sie sich doch selbst einmal ihre Rendite aus bei einer Wohnung mit 50 Quadratmetern angesichts des derzeitigen Mietspiegels. Die Bundespolitik hat mit der Energieverordnung Vorgaben geschaffen, um auf niedrigem Energieniveau Wohnraum zu schaffen. Das freut die Mieter, da die Nebenkosten sinken, aber führt zu einer ungleichen Steigerung der investiven Kosten beim Vermieter. In der Städteregion erlebe ich indes lokale Investoren häufig als ausgesprochen sozial.

Aus der Politik werden immer wieder Forderung nach einer weiteren Verschärfung der Mietpreisbremse laut. Sind derartige Szenarien im Ergebnis nicht eher kontraproduktiv für den Wohnungsbau?

Becker: Diese Szenarien beziehen sich auf Großstädte wie Berlin. Im Ergebnis kann man festhalten, dass Großinvestoren hier mit teils krimineller Energie höchstmögliche Rendite machen wollen. Meiner Auffassung nach muss die Politik adäquat darauf reagieren. Dabei sollte aber nicht vergessen werden, dass es sich hierbei um wenige „schwarze Schafe“ einer ganzen Branche handelt. Die überwiegende Mehrheit unserer Mitglieder investiert ihr Privatvermögen mit allen damit verbundenen Risiken im Immobilienbereich. Im Nordkreis Aachen hat bisher keine Kommune eine Mietpreisbremse eingeführt, weil wir hier moderate Mietpreise haben.

Worüber sollte denn Ihrer Meinung nach eher gesprochen werden?

Becker: Wichtiger als eine Debatte über die Verschärfung der Mietpreisbremse wäre eine Debatte über zahlenbasierte Mietspiegel. Wenn man sich die Entwicklung der Mietspiegel in vielen Kommunen anschaut, stellt man fest, dass die jährlichen Mietsteigerungen in keinem Verhältnis zu den Baukostensteigerungen stehen. Das Resultat ist leider, dass Mietspiegel und Realmieten häufig weit auseinander klaffen. Hier muss ein Instrument gefunden werden, was Transparenz schafft. Gerade im Bereich des Wohnungsbaus ist es oft schwer, Investoren für die Kommunen zu finden, wenn die Mietspiegel im Missverhältnis zu realen Mieten stehen. In Deutschland haben wir einen Bedarf von mehreren Millionen Wohnungen im Bereich des sozialen Wohnungsbaus. Hier muss die Politik dringend zu einer Lösung finden, die Investoren animiert sich aktiv einzubringen. Anderenfalls muss die öffentliche Hand die Wohnungen selbst bauen, aber angesichts leerer kommunaler Kassen sehe ich hier derzeitig nicht, mit welchem Geld.

Am Samstag wird auf Burg Rode das runde Jubiläum ausgiebig gefeiert. Worauf dürfen sich die Mitglieder des Vereins an diesem Tag freuen?

Becker: Zunächst einmal ist die gesamte Veranstaltung so geplant, dass die Vereinsmitglieder zu einem freundschaftlichen Miteinander finden können. Wir wollen die Gemeinschaft fördern und haben uns wirklich viel Mühe bei den Vorbereitungen gegeben. Über 200 Vereinsmitglieder haben sich für die Veranstaltung angemeldet und freuen sich bestimmt schon über Headacts wie Torben Klein, den wir für den Tag engagieren konnten. Uns war bei der Auswahl von Rahmenprogramm und Künstlern wichtig, in der Städteregion zu bleiben, da wir uns mit der Region und den Menschen hier identifizieren. Rob Griffith und seine Freunde begleiten das gesellige Beisammensein mit Jazz, Blues and more, und viele fleißige Hände werden uns unterstützen, um das Fest unvergesslich zu machen. Wer schon einmal mit uns gefeiert hat, der weiß, dass auch das kulinarische Rahmenprogramm ein Hochgenuss ist.

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