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Tochter eines Covid-19-Opfers schreibt : „Ich wollte doch ihre Hand halten“

Tochter eines Covid-19-Opfers schreibt : „Ich wollte doch ihre Hand halten“

Jedes Opfer der Pandemie lässt trauernde Angehörige zurück. Eine von ihnen ist Tina Kind aus Aachen, die Anfang dieses Jahres ihre Mutter verlor. Hier schildert Kind den Leidensweg der Würselenerin – so will sie dazu beitragen, dass die Bevölkerung die Gefahr, die vom Coronavirus ausgeht, ernster nimmt.

Als meine Mama von der Corona-Pandemie erfährt, beginnt sie ihr Leben umzustellen. Sie schränkt ihre sozialen Kontakte sehr ein und lernt, sich mit der Einsamkeit anzufreunden. Tapfer verzichtet sie auf Kontakte zu den geliebten Enkeln, auf Umarmungen mit mir.

Einen Satz wiederholt sie immer wieder, wenn ich ihr mit Maske begegne. „Ich freue mich, wenn ich dich endlich noch mal so richtig umarmen kann.“ Dazu sollte es nie mehr kommen…

Drei Tage lang liegt meine Mama krank im Bett. Auf mein Drängen hin kontaktiert sie an Tag vier freitags ihren Arzt. Sie bekommt die Auskunft, dass sie das Wochenende abwarten soll. Wird es nicht besser, soll sie Montag wieder anrufen. Fieber hat sie keines, deshalb wird es auch keinen Covid-19-Test für sie geben. Nach dem Wochenende bringe ich meine Mama, sie fühlt sich nicht schlechter, aber auch nicht besser, zu ihrem Arzt und von dort aus mit der Diagnose Lungenentzündung direkt in die Notaufnahme.

In der Notaufnahme kommt meine Mama direkt in Isolation. Ich darf nicht mit, es bleibt kaum Zeit, ihr noch etwas zu sagen, sich richtig zu verabschieden. Dann wird als erstes ein Corona-Schnelltest gemacht. Positiv!  Der folgende PCR Test bestätigt dies. Damit haben wir nicht gerechnet.

Mama ist Covid-19-positiv!

Auf der Covid-Station liegt sie von nun an in Isolation. Schwestern, die zu ihr ins Zimmer kommen, sind in Schutzkleidung vermummt und haben verständlicherweise wenig Zeit. Vier Covid-Stationen sind zu dieser Zeit voll belegt.

Uns bleibt das Telefon. Jeden Tag rufe ich sie an. Jeden Tag geht es ihr schlechter. Jeden Tag fällt das Atmen ihr schwerer. Jeden Tag werden die Telefonate kürzer. Jeden Tag wird die Luft zum Atmen weniger. Der Virus frisst sich in ihre Lunge.

Und ich, ich bin zu Hause, kann nichts tun, kann ihr nicht die Hand halten, ihr nicht in die Augen gucken und sagen: Alles wird gut! Ich schlafe kaum, rufe jeden Tag auf der Station an, in der Hoffnung zu hören, dass es ihr besser geht.

Am 17. Tag nachmittags, es ist Heiligabend, erkenne ich meine Mutter am Telefon kaum noch. Das Gespräch dauert keine Minute.

Am Abend, wir sitzen mit den Kindern bei der Bescherung, ruft das Krankenhaus an. Meiner Mama geht es jetzt so schlecht, sie muss auf die Intensivstation verlegt und beatmet werden.

Mir wird erlaubt, auf die Intensivstation zu kommen, damit ich meine Mama, bevor sie ins Koma gelegt wird, noch einmal sehen kann. Ich lasse alles stehen und liegen, meine Familie bleibt zu Hause zurück.

Bevor ich in Schutzkleidung das Zimmer meiner Mama betrete, atme ich tief durch, denn mir ist bewusst, dass ich sie vielleicht gleich das letzte Mal in meinem Leben sehen werde. Zehn Minuten, sage ich mir immer wieder in Gedanken, nicht länger, denn sie ist hochansteckend und sie muss unbedingt beatmet werden. Was kann ich ihr alles in zehn Minuten sagen, für den Fall, dass ich sie danach nie mehr wiedersehen sollte? Ich schwitze, es ist unglaublich warm unter der Schutzkleidung.

Als sie mich sieht, lächelt meine Mama. Dann kommen ihr Tränen. Meine unterdrücke ich. Ich möchte nicht, dass sie weint, und beginne ihre Wange zu streicheln, gehe mit den Fingern sanft durch ihr Haar, halte ihre Hand. Beruhige sie und sage ihr, dass alles gut wird. Endlich bin ich bei ihr! Wie oft in meinem Leben war sie für mich da, als es mir nicht gut ging.

Ich erkläre ihr, was nun mit ihr passieren wird. Und sie ist erleichtert, dass sie gleich endlich schlafen kann. Meine Mama freut sich auf das Koma, die Qualen sind zu groß.

Ich sage ihr, wie sehr ich sie liebe, wir sehr wir alle sie lieben, alle zähle ich auf, meine Geschwister, meinen Mann, alle Enkel und Freunde… ich sage ihr, wie stark sie ist. Dass sie diese Krankheit überstehen wird und dass sie bald wieder bei uns sein wird, wir zusammen sein werden. Mehrmals sagt sie: „Ich weiß nicht wo ich das her habe.“ Sie versteht es einfach nicht und ich genauso wenig.

Ich sauge ihren Anblick auf, möchte mir ihr Gesicht ganz genau einprägen, spüre ihre Hand in meiner. Die Hand meiner Mama, die mich schon so oft gehalten hat. Sage ihr immer wieder, wie lieb ich sie habe.

Und dann wird es Zeit zu gehen. Auf dem Flur schaue ich noch einmal durch das Fenster zu ihr hinein. Ein letzter Blick, und dann gehe ich. Erst im Auto erlaube ich mir zu weinen.

Sieben Tage lang kämpft meine Mama um ihr Leben. Jeden Tag rufe ich auf der Intensivstation an. Mal geht es ihr einen Hauch besser und dann doppelt so schlecht, ein beginnender septischer Schock zeichnet sich ab. Ich leide, kann nichts tun, nur hoffen, die Hoffnung ist das letzte, was einem bleibt.

Silvester klingelt dann das Telefon. Die Nieren beginnen zu versagen. Die Ärzte wollen meine Mama nicht aufgeben, nächster Schritt Dialyse. Silvester bekomme ich nur am Rande mit. Ich bin in Gedanken nur bei meiner Mama, immer wieder laufen Tränen über mein Gesicht.

Am 1. Januar 2021 um 1.15 Uhr klingelt mein Telefon. Eine Ärztin sagt mir, dass meiner Mama nicht mehr weitergeholfen werden kann. Sie wird sterben, noch in dieser Nacht. Und ich kann nicht bei ihr sein, noch immer ist sie ansteckend. Es zerreißt mich innerlich, nicht bei ihr sein zu können. Meinem Papa habe ich doch die Hand gehalten, als er gestorben ist, so wollte ich es auch bei Mama… um 1.30 Uhr ist sie dann gestorben. Es tut mir leid, Mama, 24 Tage lang musstest Du allein sein, alleine die Qualen dieser schrecklichen Krankheit ertragen.

24 Tage hat es gebraucht, einen geliebten Menschen qualvoll auszulöschen. Für mich waren es 24 Tage voller Angst, Sorge, Schlaflosigkeit und Hoffnung.

Sie war meine Mama, die eine, die man hat. Jetzt ist sie weg, und in mir ist ein Loch entstanden, welches ich mit Erinnerungen füllen werde. Ich bleibe in tiefer Trauer zurück.

Sie könnte Deine Mama, Deine Oma oder Deine Freundin sein, mit der Du noch viele schöne Momente verbringen möchtest.

Aus diesem Grunde erzähle ich diesen schrecklichen Weg, den meine Mama gehen musste. In der Hoffnung, dass Ihr euch bewusst macht, dass es Dich, Deine Familie, Deine Liebsten genauso treffen kann. Es kann jeden erwischen. Es hilft uns nicht, davor dir Augen zu verschließen und zu denken, es wird mir und meiner Familie schon nicht passieren.

Jedes unüberlegte Treffen oder Verhalten kann genau dieses Szenario auslösen. Ein geliebter Mensch kann sterben. Leider ist diese Pandemie noch nicht vorbei.

Haltet Abstand! Auch zu denen, die ihr besonders lieb habt! Beachtet die Hygienemaßnahmen! Tragt FFP2-Masken! Hätte ich in Gegenwart meiner Mama, schon Tage vorher, als noch keiner ahnte, was passieren wird, keine-FFP2 Maske getragen, wäre ich jetzt sicher auch Covid-19-positiv.

Nur so können wir weitere Leben retten, vielleicht auch Deins!