Baesweiler: Hunde nehmen Menschen an, wie sie sind

Baesweiler: Hunde nehmen Menschen an, wie sie sind

Michelles Augen leuchten. „Hund“ sagt sie kurz, zeigt auf den Vierbeiner, der sich hochoffiziell in den Räumen des Kindergartens „Paradiso“ an der Herzogenrather Straße 5a aufhalten darf. Dann kommt der große Moment: Michelle darf Daika, die Elo-Hündin, an die Leine nehmen. Ein paar Schritte sind es in der integrativen Kindertagesstätte des Deutschen Roten Kreuzes bis zur kleinen Turnhalle. Dort heißt es Schuhe und Socken aus für Michelle und Leinen los für Daika.

Kurz schaut die vierbeinige Therapeutin zu ihrem Frauchen Helga, dann geht es los: Hoch auf einen Kasten, wo eigens für Daika eine kleine Hundedecke mit Knochensymbolen ausgebreitet wurde. Michelle und Daika sitzen einträchtig nebeneinander, genießen ein wenig die Zeit des Kraulens. Dann folgt ein kurzes Kommando von Physiotherapeutin Helga Vervoort, und es geht die Rollenrutsche herunter. Vorher hat Michelle sich noch ein Spielzeug ausgesucht. Das nimmt sie nun mit, führt damit den Hund durch den kleinen Parcours, rutscht wie der Vierbeiner durch eine Kunststoffröhre, an deren Ende ein Tisch mit kleinen Zetteln wartet. „Was hast Du in der Hand?“, fragt Helga. „Ne Wurst“ sagt Michelle, lächelt und legt die zuvor ausgewählte Spielzeug-Wurst auf den Zettel mit dem entsprechenden Symbol. „Normalerweise sagt Michelle nicht viel und sie bewegt sich auch nicht so gerne“, weiß Rita Reichstein, Leiterin der Einrichtung.

Doch ihr geht es wie allen Menschen, die sich in der Einrichtung mit Therapiehund Daika beschäftigen: Es bewegt sich was, wenn die flauschig-weiche und intelligente Hundedame den Raum betritt. Dass hinter dem selbstbewussten Auftritt von Frau und Hund harte Arbeit steckt, weiß Helga Vervoort nur zu genau. Denn sie ist eigentlich Physiotherapeutin, kann sich aber nach gut einjähriger Weiterbildung ein Teil des THT-Teams nennen. „Das heißt Therapie-Hunde-Team und bedeutet nichts anderes als eine tiergestützte Therapie mit Hund“, so Frauchen Helga weiter. Zwei bis drei Mal die Woche ist sie mit Hund in der von 45 Kindern besuchten Einrichtung. 15 der Kinder haben eine Behinderung, sie werden in dieser Einrichtung interdisziplinär betreut. „Wir können Sprache und Bewegung nicht trennen“, so Vervoort, „denn die Erfahrungen, die wir mit dem eigenen Körper machen, benennen wir ja auch.“ So wie am Beispiel von Michelle, die das Down-Syndrom hat, wird mit der Therapie Bewegung und Sprache zugleich befördert.

Tarek hingegen hat Muskel-Dystrophie, einen angeborenen Muskelschwund, der dafür sorgt, dass er sich mit zunehmendem Alter immer weniger bewegen kann. Treffen allerdings Tareks Augen auf den treuen Blick von Daika, ist es um ihn geschehen. Er schnappt sich die Leine und absolviert mit ihr einen Parcours im Trainingsraum, der ihm alleine wahrscheinlich wenig Spaß bereiten würde.

„Der Hund ist ganz klar ein Motivator“, weiß auch Dan Münstermann, der als zweiter Physiotherapeut gemeinsam mit den Logopäden Hans Hofgräf und Anja Friedrichs das Therapieteam vervollständigt. Allerdings hat die Zeit, in der die Einrichtung im besten Sinne „auf den Hund kommt“, ihre Grenzen. Denn nach 15 bis 20 Minuten einer normalen Einzeltherapie oder der bis zu einer Stunde dauernden Therapie in kleinen Gruppen ist Daika auch erschöpft. „Bei Hunden gibt es dafür natürlich ganz andere Anzeichen“, weiß Expertin Helga Vervoort. Hecheln, aber auch das Jagen nach dem eigenen Schwanz kann ein Anzeichen dafür sein. Dann geht Daika ins Körbchen, wartet eine Zeit ab, bis sie wieder die Regie übernehmen kann. „Den Hunden ist es egal, ob der Mensch ein Handicap hat oder nicht“, schließt Helga Vervoort, „sie respektieren die Kinder und sorgen bei ängstlichen Menschen dafür, dass die Angst vor dem Hund einem respektvollen und spielerischen Miteinander weicht.“

(mabie)