Alsdorf: Hospizdienst: Vier Sterbebegleiter schildern ihre Arbeit

Alsdorf: Hospizdienst: Vier Sterbebegleiter schildern ihre Arbeit

Dorthin gehen, wo es weh tut, wo Menschen verzweifeln, wo das Halten einer Hand mehr bewirkt als tausend Worte: Rund 9000 Ehrenamtler in Nordrhein-Westfalen tun dies. Sie begleiten Menschen am Ende ihres Lebenswegs.

Menschliches Leid und dessen Linderung durch Nächstenliebe lassen sich kaum in Zahlen aufrechnen, aber Statistiken lassen erahnen, wie bedürftig eine Gesellschaft ist — im Geben und im Nehmen: Insgesamt 226 ambulante Hospizdienste hat der Verband der Ersatzkassen (VDEK) im laufenden Jahr gezählt, sieben mehr als im Vorjahr. Auf 12,9 Millionen Euro Förderung hat der VDEK seine Unterstützung dieser Dienste für 2015 aufgestockt. Gedeckt werden damit die Personalkosten der Koordinatoren und die Schulungen der Ehrenamtler. Alles andere, etwa Sachkosten oder Fahrkosten der Ehrenamtler, müssen durch Spenden aufgebracht werden.

Christine Paulus (60) aus Busch und Doris Baltes (66) aus Hoengen sind zwei der 49 Ehrenamtler des Ambulanten Hospizdienstes der Aachener Caritasdienste (ACD), Region Aachen, mit Sitz in Alsdorf. Seit sechs, beziehungsweise zwei Jahren leisten sie Sterbenden Beistand. Manchmal nur ein paar Tage, manchmal über ein halbes Jahr. Verena Müller sprach mit den beiden Ehrenamtlern sowie mit den beiden Koordinatorinnen des Alsdorfer Hospizdienstes, Stephanie Eßer und Gabriele Krumbach, über die Relevanz ihrer Arbeit.

Frau Paulus und Frau Baltes: Warum haben Sie dieses Ehrenamt gewählt?

Paulus: Es ist schön, wenn man der Gesellschaft etwas zurückgeben kann, wenn man erleben darf, dass die Familie sich vor dem Tod eines Angehörigen wieder versöhnt oder wenn ein Mensch friedlich gehen kann. Der Tod, der freundlich kommt — den gibt es wirklich.

Baltes: Früher war ich Grundschullehrerin. Ich habe also zuerst Menschen am Anfang ihres Lebenswegs begleitet, und nun begleite ich sie an ihrem Lebensende.

Geht es letztlich nur darum, gebraucht zu werden?

Baltes: (zögerlich) Auch. Aber vor allem um die Auseinandersetzung mit Leben und Tod.

Ohne Ihnen zu nahe treten zu wollen: Meist spielt auch der nicht verarbeitete Verlust eines geliebten Menschen eine Rolle, oder?

Baltes: Das stimmt. Ich habe sehr früh ganz nahestehende Verwandte verloren. Für mich war es damals nicht möglich, Abschied zu nehmen.

Paulus: Das war bei mir ähnlich. Ich war nicht in der Lage, von meiner Mutter, zu der ich eine sehr enge Bindung hatte, Abschied zu nehmen. Ich wünschte, ich hätte damals das Rüstzeug gehabt, mit dem ich heute ausgestattet bin.

Muss man eine Ausbildung durchlaufen haben, um mit Sterbenden und deren Angehörigen umgehen zu können? Ist das etwas, was unsere Gesellschaft verlernt hat?

Eßer: So würde ich das nicht sagen. Es ist schon eine sehr spezielle Aufgabe. In der Reihe der vielen Ehrenamtler sind die Sterbebegleiter — neben den Telefonseelsorgern — nicht umsonst die, die am besten qualifiziert sind. Das heißt aber nicht, dass Sterbebegleitung nicht von Angehörigen zu leisten ist. In unserer Gesellschaft hat es nur als Folge des Zweiten Weltkriegs eine Institutionalisierung der Krankenhäuser und Seniorenzentren gegeben, die mit dem Tod nichts mehr zu tun haben will. Sterbende wurden lange Zeit im wahrsten Sinne des Wortes abgeschoben.

Baltes: Das merke ich immer wieder. Viele Menschen begegnen mir mit Unverständnis, wenn ich erzähle, was ich mache. Krumbach: Keiner setzt sich mit dem Tod gerne auseinander. Sterben, das tun ja immer nur die anderen, nicht man selbst.

Wenn ich noch mal kurz auf die Motivation, das Bedürfnis, etwas Versäumtes nachzuholen, zurückkommen darf: Ist Sterbebegleitung mit einem solchen Hintergrund nicht besonders schwer?

Eßer: Nein. Man muss sich selbst bewusst werden. Deshalb ist die Befähigung ja auch so wichtig. Wenn einem plötzlich schlecht wird, wenn man fahrig wird, muss man sich zurücknehmen können und sagen: „Halt. Irgendetwas wird da gerade in mir lebendig.“ Wenn man selbst auf schwammigem Boden steht, wird man zu einer zusätzlichen Belastung der Menschen an ihrem Lebensende. Das darf nicht passieren.

Wie haben Sie sich gefühlt, als Sie zu Ihrem ersten Besuch aufgebrochen sind, Frau Paulus?

Paulus: Ich war schon sehr unsicher. Man fragt sich: „Machst Du alles richtig?“ Am Anfang habe ich häufig den Austausch mit anderen gesucht.

Baltes: Das war bei mir natürlich auch so. Mein erster Fall war eine Frau, die nicht mehr sprechen konnte. Mit Blickkontakt, Handhalten haben wir kommuniziert. Die dankbaren Blicke, ein Händedruck, die Erleichterung, die man spürt, dass jemand einfach am Bett sitzt — auch bei den Angehörigen —das gibt einem sehr, sehr viel.

Wie lange haben Sie diese Frau begleitet?

Baltes: Sieben Monate.

Fällt es Ihnen in solchen Fällen selbst der Abschied schwer?

Baltes: Nein. Der Moment des Todes ist nicht der schwerste. Aber wenn jemand mit dem Tod ringt, er schlecht atmen kann oder mit Übelkeit zu kämpfen hat. Wir haben aber immer eine Dokumentationsmappe neben dem Bett liegen und wissen sofort, wen wir kontaktieren müssen. Wir sind ja weder Ärzte noch Pfleger.

Und bei Ihnen, Frau Paulus, welche Situationen gehen Ihnen am nächsten?

Paulus: Schwer, im Sinne von sehr emotional, ist es, wenn die Familie Abschied nimmt. Zum Beispiel, wenn die Enkelkinder ins Spiel kommen.

Sie erhalten sehr intime Einblicke.

Eßer: Ja, uns wird sehr großes Vertrauen entgegengebracht. Diesem entsprechen wir nicht nur durch die Entwicklung der Beziehung zueinander, sondern auch dadurch, dass wir alle der Schweigepflicht unterliegen.

Sie sagen „wir“. Sie sind als Koordinatorin noch in der Sterbebegleitung aktiv?

Eßer: Ja, wenn Menschen entsetzlich von Krankheit gezeichnet sind und ich sage: „Das kann ich keinem Ehrenamtler zumuten“, gehe ich selbst hin.

Ist es Betroffenen und Angehörigen nicht in Teilen unangenehm, wenn jemand Fremdes kommt?

Eßer: Wir erleben das Gegenteil: Da kommt jemand von außen, der kostet nichts und der unterliegt der Schweigepflicht. Dadurch ist es leichter, frei von der Leber weg zu sprechen. Man neigt dazu, Menschen, mit denen man in Beziehung steht, zu schonen. Das gilt sowohl für den Sterbenden als auch für die Angehörigen. Man möchte dem lieben Menschen nicht noch mehr Kummer bereiten. Hinzu kommt, dass wir einander auf Augenhöhe begegnen, von Mensch zu Mensch — nicht als Spezialisten, wie beispielsweise Ärzte oder Pflegedienste. Wir schaffen Freiräume. Während wir am Bett sitzen, kann zum Beispiel der Ehemann Einkäufe erledigen oder Anträge ausfüllen. Außerdem begleiten wir ja nur, wenn es vom Erkrankten und den Angehörigen gewünscht ist.

Wie wird der Kontakt hergestellt?

Eßer: Die Anfragen erreichen uns oft über die Pflegedienste, Ärzte oder Seniorenzentren, mit der Bitte, zu den jeweiligen Personen Kontakt aufzunehmen. Nach einem Erstgespräch, das die Koordinatorin mit den Betroffenen führt, wird in einem zweiten Schritt ein Ehrenamtler eingeführt und die Begleitung beginnt.

Überwiegend in Heimen?

Eßer: Nein, viele Anfragen kommen aus dem ursprünglichen häuslichen Bereich, da aber Seniorenzentren auch das Zuhause darstellen, nehmen die Anfragen aus diesem Bereich zu.

Kommt es häufig vor, dass Sie beim Eintreten des Todes anwesend sind?

Paulus: In diesem Jahr zweimal. Einmal wurde ich dazugerufen, einmal wusste ich am Morgen, dass es bald soweit sein würde und bin nach dem Mittagessen wieder hingefahren. Eßer: Das ist aber eher die Ausnahme. Für viele Menschen scheint es einfacher zu sein, endgültig zu gehen, wenn sie in diesem Moment alleine sind. Das ist eine Beobachtung, die überall gemacht wird, wo Menschen sterben.

Ich kann mir vorstellen, dass sich manche Angehörige an Sie gewöhnt haben.

Paulus: Ja, das stimmt. Ich gehe meistens zur Beerdigung und führe eine Weile später mit der Familie ein Abschlussgespräch. Dann muss die Trennung erfolgen.

Eßer: Bei Bedarf bieten wir den Angehörigen an, unser Trauercafé zu besuchen oder in ihrer Trauer von dafür zusätzlich ausgebildeten ehrenamtlichen Mitarbeitern begleitet zu werden. Möglich ist auch die Teilnahme am Trauergesprächskreis. Nach Beendigung einer Sterbebegleitung macht die betreffende Ehrenamtliche eine Pause. Dies ist für die Verarbeitung des Erlebten sowie das „Heil Sein“ der ja ehrenamtlich wirkenden Mitarbeiterinnen unabdingbar wichtig. Die Dauer bestimmen sie selbst und das funktioniert sehr gut.

Mussten Sie eigentlich schon einmal eine Anfrage für eine Sterbebegleitung ablehnen, weil niemand verfügbar war?

Eßer: Nein. Im ersten Halbjahr 2015 hatten wir 60 Anfragen, wir konnten uns um alle kümmern. Ich muss aber auch sagen, dass wir hier in der Städteregion Aachen sehr gut aufgestellt sind, was die Hospizarbeit anbelangt.

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