Herzogenrath: Hochwasser vom 30. April ruft in Herzogenrath Erinnerungen hervor

Herzogenrath: Hochwasser vom 30. April ruft in Herzogenrath Erinnerungen hervor

„Wir haben das Wasser immer als sehr schlimm empfunden.“ Bei Franziska Wagner sind unliebsame Erinnerungen an ihre Kindheit hochgekommen, als der Pegel der Wurm vor gut einer Woche sprungartig anstieg und Herzogenraths Innenstadt in kürzester Zeit überschwemmt wurde.

Das hatte es seit Jahrzehnten nicht mehr gegeben. Seit 1987 besteht der Hochwasserschutz, es schirmt unter anderem eine breite Mauer die Grundstücke der Albert-Steiner-Straße von der Wurm ab. Die in der Regel bei einem Wasserstand von 50 bis 70 Zentimeter friedlich dahin fließt. Doch das kann sich schnell ändern.

Albert-Steiner-Straße Foto: Wagner

„Als es die Mauer noch nicht gab, mussten wir bei jedem stärkeren Regen damit rechnen, dass wieder etwas auf einen zu kommt“, erzählt Wagner. „Zwei- bis dreimal im Jahr hatten wir Hochwasser.“

Sie kann sich noch sehr gut daran erinnern, wie Grundstücke und Gebäude an der Albert-Steiner-Straße vor 1987 mindestens zweimal jährlich überflutet wurden. Foto: W. Schweda

Hilflos habe man bei Unwettern am Fenster gestanden und zusehen müssen, wie die Wurm allmählich über das Ufer trat, erst den langgezogenen Garten flutete und schließlich ins Haus eindrang. Gleichzeitig sei im Keller das Grundwasser hochgedrückt worden. „Es blieb nur abzuwarten, bis der Höhepunkt erreicht war und der Regen nachließ.“ Um dann in hohe Gummistiefel zu steigen und den Keller Eimer für Eimer trockenzulegen.

Sie kann sich noch sehr gut daran erinnern, wie Grundstücke und Gebäude an der Albert-Steiner-Straße vor 1987 mindestens zweimal jährlich überflutet wurden. Foto: W. Schweda

Einst Unterschriften gesammelt

„Bis zur dritten Stufe der Kellertreppe stand das Wasser immer“, erinnert sich Wagner. „Die ganze Familie war dann im Einsatz, tagelang haben wir gebraucht, um alles abzuwaschen und zu putzen.“ Und um den üblen Geruch wieder loszuwerden, den die schlammige Brühe hinterlassen hatte. „Heute kann man einen Entfeuchter aufstellen“, sagt Wagner. „Doch damals half nur Lüften.“ Immer wurde auch Unrat angespült, und Ratten waren im Schlepptau. Franziska Wagner schüttelt sich heute noch beim Gedanken daran.

„Unser Nachbar Willi Schweda hat damals die Initiative ergriffen und Unterschriften gesammelt, damit endlich etwas zum Schutz vor dem ständigen Hochwasser unternommen wird“, erzählt Wagner. Eine Initiative, die nach viel Werben beim damaligen Kreis Aachen und der Stadt Herzogenrath schließlich von Erfolg gekrönt war, die Wurm erhielt Auenflächen vor der Stadt im Wurmtal und wurde in der Innenstadt begradigt und mit viel Beton umgeben.

Vor 15 Jahren ist Franziska Wagner mit ihrem Mann Rolf wieder ins väterliche Haus in Herzogenraths Zentrum zurückgezogen. Auf dem Sockel, den ihr Vater seinerzeit zum Schutz der Waschmaschine vor dem eindringenden Wasser im Keller aufgemauert hat, stehen jetzt ihre Haushaltsgeräte. „Mein Mann hat zudem einen Pumpensumpf angelegt, die Pumpe springt automatisch an, falls Wasser eindringen sollte“, erläutert Wagner. „Sonst könnten wir ja nie mal für längere Zeit unser Haus verlassen.“

Wie gut diese Vorsorge ist, habe sich im Juli 2014 gezeigt, als der Wurmpegel auf 2,85 Meter gestiegen war, wie Rolf Wagner berichtet. Online hatte er die Pegelstände verfolgt und die Nacht über ausgeharrt. Rund einen Zentimeter hoch sei das Wasser schließlich in den Keller gelaufen.

„Aber wir waren ja pumpenmäßig gerüstet“, sagt seine Frau und ist froh, dass der Keller bei dem Ereignis vor gut einer Woche verschont geblieben ist, nur der halbe Garten geflutet wurde. Woher das Wasser genau kam, wissen sie nicht. Über die Mauer ist es trotz Pegelstands von drei Meter zumindest nicht gelaufen, dazu hätten noch rund 20 Zentimeter gefehlt.

„Ich bin ein optimistischer Mensch“, sagt Franziska Wagner. „Doch aufgrund des Klimawandels wird es wohl öfters solche Starkregen geben.“ Ihr Mann verweist ergänzend auf immer mehr versiegelte Grundstücke: „Es ist auch viel Sickerfläche verloren gegangen.“

Das Hochwasserereignis vom 30. April habe auch bei vielen der Wehrleute in Herzogenrath zu Sprachlosigkeit geführt, sagt Wehrsprecher Thomas Hendriks. Selbst Kreisbrandmeister Bernd Hollands, der lange Zeit in Herzogenrath im Einsatz war, habe so etwas nicht erlebt, seit die Mauer gebaut wurde. „Das werden wir alle so schnell nicht vergessen“, sagt Hendriks.

Ob es wieder mehr solcher Ereignisse geben werde? Hendriks gibt sich vorsichtig mit einer Prognose, die Pegelstände aus den vergangenen Jahren gäben keinen Hinweis darauf: „Hier kamen einfach mehrere Faktoren zusammen: In Aachen herrschte nach dem Starkregen Land unter, das Wasser wird in die Wurm abgeleitet. Dabei wurde offenbar viel Unrat mitgespült. Der Scheitelpunkt hat dann Herzogenrath erwischt, wo es ja ebenfalls einen Starkregen gab.“

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