Schafe, Politik und ein globaler Auftrag im Solarpark Nivelstein

7 x Sommer : Schafe, Politik und ein globaler Auftrag im Solarpark

Auf Einladung unserer Zeitung im Rahmen der Aktion „7xSommer” hatten rund 30 Leser Gelegenheit, einen Blick hinter die Kulissen des Herzogenrather Solarparks zu werfen.

Charles Russel, Mitinhaber der Nivelsteiner Sandwerke, und Diplom-Ingenieur Franz-Josef Türck-Hövener, zuständiger Ingenieur für Erneuerbare Energien bei der EWV Energie- und Wasser-Versorgung GmbH, ermöglichten den Gästen, den Solarpark in all seinen Facetten kennenzulernen.

Die ganzjährige Stromerzeugung aus Sonnenenergie in den beiden Anlagen „Nivelstein” und „Hochfeld” ist in vielerlei Hinsicht untrennbar mit nationaler und globaler Energiepolitik verbunden. Nach der Anfangsidee im Jahr 2011 spielten bei der Finanzierung Fördergelder und ein zugesicherter konstanter Preis für den erzeugten Strom die Hauptrollen.

Wie auf einem Eigenheim

Die Funktionsweise der Solarpanele ist identisch mit denen auf einem Eigenheim, lediglich das Ausmaß des Baus erheblich größer. Türck-Hövener führte seine Zuhörer ein in die Geschichte der Herzogenrather Solarenergie, die gegenwärtig die größte Anlage in ganz NRW darstellt.

Politische Entscheidungen in Bezug auf die Förderung von Photovoltaikanlagen haben die verantwortlichen Planer schon mehrfach vor Herausforderungen gestellt. Bereits beim Bau der Anlage galt es, eng gesetzte Terminfristen einzuhalten, um noch im vollen Umfang in den Genuss der Fördermittel kommen zu können – andernfalls wäre noch vor Inbetriebnahme das ganze Projekt gefährdet gewesen.

Kürzungen von Zuschüssen und die Senkung staatlich zugesicherter Entgelte für eingespeisten Strom habe den „Photovoltaik-Boom” in Deutschland generell merklich gedämpft, so Türck-Hövener.

Lebendige Rasenmäher

Ein einziger Hersteller von Solarmodulen ist in Deutschland übrig geblieben. Materialknappheit und hohe Preise machen daher Anbieter aus Fernost attraktiver. Auch für den Solarpark mussten die Verantwortlichen auf chinesische Anbieter ausweichen – die schiere Menge an benötigtem Material für die Riesenanlage habe schlichtweg nichts anderes zugelassen.

Für den Alltag im Solarpark waren schon vor drei Jahren knapp 30 Schafe „eingestellt” worden. Die blökenden Zeitgenossen sollen als „tierische Rasenmäher” die recht steilen Hänge, auf denen die Panele stehen, vom übermäßigen Bewuchs freihalten. Allein in diesem Jahr wurden in der Herde 40 Lämmer geboren, dringend benötigter „personeller Zuwachs“. Während der Lesertour auf dem Hang „Nivelstein” konnten die fleißigen Rasenmäher auch gleich besucht und ausgiebig gestreichelt werden.

Wo viel Glas ist, muss auch geputzt werden: So stand 2019 erstmals ein groß angelegtes Reinigungsprojekt auf dem Programm. Mit einem ferngesteuerten Roboter wurde Panel für Panel durch eine Fachfirma gereinigt. Damit die Sonne auch angesichts Staubbelastung aus dem angrenzenden Tagebau sowie Moosbildung in den Fugen weiterhin „Durchblick“ hat, um ausreichend Strom zu erzeugen.

Schneefall sei laut Türck-Hövener allerdings ein „willkommenes Wetterphänomen“. Die Sonne taue die Schneedecke schnell wieder auf, und das Tauwasser spüle Staub und Schmutz großflächig ab. Nach dem Ende des Putzrobotereinsatzes verzeichneten die Verantwortlichen eigenen Angaben zufolge bis zu fünf Prozent Ertragssteigerung.

„Steinschläge” halten die Betreiber indes immer wieder in Atem. Vandalismusattacken konnten nach anfänglichem Verdacht ausgeschlossen werden. Vielmehr lassen offenbar Rabenvögel Steine auf die Glasfläche fallen, wohl um zu beobachten, ob es sich um eine Wasserfläche handelt. Kontrollteams begutachten die Solarpanele in regelmäßigen Abständen. Bei Beschädigung wird das Modul einfach ausgewechselt, bislang waren dies nur Einzelfälle, also keine große Sache.

Aber: „Die Größe insgesamt macht die Arbeit”, erklärte Türck-Hövener. Umfänglich angelegte Prüfungen aller Anlagenbereiche werden regelmäßig vorgenommen. So wurde jetzt etwa das Computernetzwerk mit aktueller Software ausgestattet.

Nicht zuletzt aufgrund der „Fridays-for-future-Bewegung” und der allgegenwärtigen Klimadiskussion sieht sich der Solarpark mit der Betreibergesellschaft Green Solar Herzogenrath GmbH als wichtige Institution und Informationsstelle in Sachen Energiezukunft und Politik. Türck-Hövener legte einen Fokus während der einleitenden Präsentation deshalb auch auf die Notwendigkeit des Umdenkens in der Klimapolitik.

Massive Differenz

Anlagen wie der Solarpark bedienen als Vertreter der Erneuerbaren Energien nach wie vor nur gut ein Viertel des in Deutschland benötigten Energiebedarfs. Besonders der Zubau an Photovoltaik-Kapazität stagniere seit der Förderungszäsur 2013 merklich. Das von der Bundesregierung ausgegebene Zubauziel von 2500 Megawatt, das seit 2016 jährlich erreicht werden sollte, konnte erst 2018 erreicht werden.

Eine einfache wie ausdrucksstarke Grafik in Türck-Höveners Präsentation verdeutlichte das Dilemma: Die Schere zwischen den tatsächlich erreichten Reduktionen an Kohlendioxidausstoß und dem Ziel der Bundesregierung klafft auseinander. Nimmt man aber als „ultimatives Ziel” jene Werte, die für eine globale Temperaturerhöhung von maximal 1,5 Grad Celsius notwendig sind, bleibt eine ganz massive Differenz.

Der Appell bleibt ewig jung: Fossile Brennstoffe müssen besser heute als morgen durch regenerative Energiequellen ersetzt werden.