Retter klagen über steigende Gewaltbereitschaft ihnen gegenüber

Aggression gegen Rettungsdienste und Feuerwehr : Einsatzkräfte mit stichfesten Westen ausgerüstet

Die Einsatzkräfte von Rettungsdiensten und Feuerwehr sehen sich im Nordkreis einer wachsenden „Verrohung der Sitten“ ausgesetzt und möchten ihre Mitmenschen sensibilisieren.

Ihr Job ist aufreibend und kann ganz schön aufs Gemüt gehen. Denn jeder Alarm bedeutet Ungewissheit, was einen am Einsatzort erwartet, kann niemand vorausahnen. Entsprechend hoch ist die Anspannung schon auf der Fahrt dorthin. Leute wie Horst Werker und Ingo Tillmann leben damit. Hilfe leisten, Verletzte retten, Gefahren abwenden, sich auf alle möglichen Situationen einstellen müssen, das ist ihr Beruf.

Dass es dabei zu unschönen Begegnungen kommen kann, auch daran haben sie sich gewöhnt. Bis zu einem gewissen Grad, denn die allgemein zunehmende Aggressivität gegenüber Rettungskräften übersteigt immer häufiger das Maß des Hinnehmbaren. Und bereitet mittlerweile echte Sorgen. Da gibt es Situationen, die selbst den Hartgesottensten die Hutschnur platzen lassen. Die Anlass sind, den aufgestauten Ärger über rücksichtslose Zeitgenossen einmal öffentlich zu thematisieren, wie Wehrsprecher Thomas Hendriks sagt.

„Du Tuppes, haste se nich alle?“

Vor ein paar Wochen etwa. Als wegen Unwetters pausenlos Einsätze zu fahren waren. Geflutete Keller, umgekippte Bäume, weggerissene Bauzäune – das übliche Programm. Fliegende Wechsel der Einsatzteams waren angesagt, alles lief reibungslos. Bis zu folgendem Intermezzo: Eine „Technische Hilfeleistung Baum – ohne Eile“ stand an. Was bedeutete, dass das Einsatzfahrzeug der Hauptwache zwar sofort, aber ohne Blaulicht losfuhr – und an der Einmündung Erkens-/Dammstraße bei Rot warten musste. Just in dem Moment, als das Löschfahrzeug aus Kohlscheid in die Erkensstraße einbog.

„Die Besatzung brauchte den Schlüssel fürs Gerätehaus. Diesen haben wir dem Fahrer rübergereicht und ihm eine kurze Info gegeben“, berichtet Tillmann. Auf der Linksabbiegespur der Dammstraße stand derweil ein Auto, um ebenfalls in die Erkensstraße abzubiegen. „Der Fahrer musste den Gegenverkehr abwarten, zeigte unserem Maschinisten aber schon mal den ,Scheibenwischer’“, so Tillmann. Als er vorziehen konnte, dauerte es noch „zehn bis 15 Sekunden“, bis das Kohlscheider Wehrfahrzeug weiterfuhr und die Einmündung freigab. Was den erbosten Autofahrer keinesfalls besänftigte: Er stoppte neben dem Löschwagen der Hauptwache und beschimpfte den Fahrer: „Du Tuppes, haste se nich alle? Die ganze Kreuzung sperren? Ihr habt se doch nich alle!“

Wild gestikulierend sei er weitergefahren. Um dem Zeitgenossen klarzumachen, dass er gerade Feuerwehrleute im Einsatz beleidigt habe, stieg der Löschfahrzeugfahrer aus. Woraufhin der andere abrupt stoppte, seinerseits aus dem Wagen kletterte, sich vor dem Feuerwehrmann aufbaute, ihn weiter beschimpfte und mit körperlicher Gewalt drohte („Komm her, kriegste auf de Fresse, Du Lappen!“). Wehrkollegen versuchten zu beschwichtigen. Vergeblich. Schließlich schaltete sich ein kräftig gebauter Passant ein: „Guck mal, was auf dem roten Auto steht“, habe er dem renitenten Pkw-Fahrer sehr deutlich zu verstehen gegeben, dass er am besten schnell in sein Auto steigen und die Wehrleute ihre Arbeit machen lassen sollte. Was dieser widerspruchslos tat.

Auch das haben die Helfer erlebt: Ein Autofahrer betrat eine ihm fremde Wohnung, in der die Retter gerade mit der Reanimation der Inhaberin beschäftigt waren – und forderte, dass der RTW weggefahren wird. Ebenfalls keine Worte fanden die Sanitäter, als ein Patient, der wegen Atemnot ins Krankenhaus transportiert wurde, vom begleitenden Angehörigen eine brennende Zigarette gereicht bekam und schließlich beide den Rettungswagen vollqualmten. Auf die Aufforderung hin, dies zu unterlassen, seien sie frech geworden. Beispiele wie diese können Werker und Tillmann reihenweise aufzählen. Von gaffenden Passanten ganz abgesehen, die bei Unfall­einsätzen zum Handy greifen und alles, auch die Unfallopfer, minutiös filmen. Bis zu drei Einsatzkräfte müssten mittlerweile zwecks Sichtschutzmaßnahmen abgestellt werden, Helfer, die anderweitig dringend gebraucht würden.

Dreist zugeparkte Straßen und Autofahrer, die den mit Blaulicht heranbrausenden RTW geflissentlich übersehen, sind weitere Aspekte, die den Stress im Einsatz unnötig erhöhen. „In einem durchfahren zu können, funktioniert fast nie, einer zieht immer raus“, sagt Werker.

Rodas Wehrleuten ist es nun ein Anliegen, sich einerseits zu bedanken – bei dem deeskalierenden Passanten von der Erkensstraße im Speziellen und bei allen Mitbürgern, die die Arbeit der Retter zu schätzen wissen, im Allgemeinen. Andererseits möchten sie die Menschen sensibilisieren, wie der stellvertretende Wehrleiter Markus Albert im Gespräch mit unserer Zeitung darlegt. „Es macht uns sehr traurig, diese Verrohung der Sitten zu beobachten und unmittelbar zu spüren zu bekommen“, sagt er.

Rippenprellungen, Würgemale

Die Hemmschwelle sei immer weiter gesunken, nicht nur verbal, sondern auch im Hinblick auf körperliche Gewalt. So ist zurzeit ein Strafverfahren anhängig, das sich auf einen Einsatz in Merkstein im vergangenen Jahr bezieht, bei dem der Rettungsassistent von einem Patienten derart attackiert wurde, dass er Rippenprellungen davontrug. Weil der Renitente auch noch gegen den RTW trat, wurde er wegen Körperverletzung und Sachbeschädigung angezeigt. Ob das Strafmaß, das ihn erwartet, aber adäquat zum körperlichen und seelischen Schaden ausfällt, den der Kollege erlitten habe, bezweifelt Werker: „Da kann in dem ein oder anderen, der ja helfen will und soll, schon etwas zerbrechen.“

Körperliche Angriffe sind auch Tillmann und Werker selbst nicht fremd: „Ich bin von einem Patienten schon gewürgt worden, nur weil ich nach seiner Krankenkasse gefragt habe“, sagt Tillmann.

„Nach Erfahrungen wie diesen“, so erklärt Markus Albert, „haben wir uns entschlossen, stichsichere Westen für unsere Kräfte im Rettungsdienst anzuschaffen.“ Passend zur Dienstkleidung in Weiß, 2,2 Kilogramm schwer und immer dann zu tragen, wenn eine unklare Lage droht.

„Jeder kann selbst betroffen sein!“

Seit über zehn Jahren sind Werker und Tillmann im Rettungsdienst, beide waren in Großstädten tätig, bevor sie nach Herzogenrath wechselten. Um den Job, für den sie immer noch brennen, in einem weniger aggressiven Umfeld ausüben zu können, als es das urbane Umfeld mit sich bringt. Dass sie im ländlichen Raum aber mittlerweile auf ähnliche Probleme stoßen wie in der Großstadt, bedrückt sie. „Etwas Respekt vor Einsatzkräften tut keinem weh und kostet nichts“, sagt Werker. Und Tillmann ergänzt: „Jeder kann selbst einmal betroffen sein und dringend Hilfe brauchen.“

Mehr von Aachener Zeitung