Kohlscheid: Verunsicherung nach Meldung über versuchte Kindesentführung

Angebliche Kindesentführung : In Kohlscheid bleibt die nagende Frage „Was wäre, wenn...?“

Knapp zwei Monate ist es her, dass es in Kohlscheid zu einer versuchten Kindesentführung gekommen sein soll. Die Verunsicherung bei vielen Eltern ist groß. Das wird bei einem Elternabend mit der Polizei deutlich.

Nicole Lennartz ist selbst Mutter, und irgendwann musste auch sie sich mit der Frage auseinandersetzen, wie sie ihre Tochter – einerseits – ohne zu große Sorglosigkeit allein auf den Schulweg schicken kann. Und wie sie ihrer Tochter dabei – andererseits – keine Angst einjagt. Lennartz verpackte das Ganze in ein „Was-wäre-wenn-Spiel“. Was wäre also, wenn jemand dich auf dem Schulweg anspricht? Und was, wenn derjenige sogar versucht, dich festzuhalten? Schließlich war das ganze Szenario durchdekliniert, ein bisschen wie ein Wettbewerb, spielerisch eben. Die Tochter wusste, wie sie die Polizei ruft und wo  sie auf dem Schulweg Hilfe bekommt. Und Nicole Lennartz wusste, dass ihre Tochter es weiß. Ein beruhigendes Gefühl.

Lennartz ist Kriminalhauptkommissarin bei der Aachener Polizei und dort zuständig für die Prävention von sexuellem Kindesmissbrauch. Im Rahmen eines Elternabends in der Grundschule Kohlscheid-Mitte Anfang dieser Woche gibt sie den Eltern Ratschläge, wie sie ihre Kinder schützen können. Auch zahlreiche Eltern der unweit gelegenen Grundschule Klinkheide sind gekommen. Hilfreich sei es, Kinder zur Pünktlichkeit anzuhalten, sie möglichst in Grüppchen zur Schule oder zum Spielplatz zu schicken und klare Absprachen zu treffen, erklärt Lennartz. Ganz grundsätzlich gelte, dass ein Kind durch Selbstbewusstsein am besten geschützt sei.

Wie aber vermitteln Eltern ihrem Kind Sicherheit, wenn sie Zweifel hegen, dass diese gegeben ist?

Der Anlass für den Elternabend ist die Aufregung, die vor knapp zwei Monaten um eine angebliche fehlgeschlagene Kindesentführung in der Forensberger Straße entstanden ist. Eine Nachricht mit entsprechendem Inhalt drehte damals auf Whatsapp und Facebook ihre Runden, wurde tausendfach kopiert und weiterverbreitet. Viele, die die Nachricht lasen, waren sich einig: Die Polizei will uns in trügerischer Sicherheit wiegen, die Presse hilft ihr dabei, und Kinder auf die Straße zu lassen, das geht ja heute leider nicht mehr.

Die Polizei war allerdings gar nicht informiert worden. Sie musste zunächst aufwendig den Ursprung der Nachricht ermitteln. Das gelang zwar. Der einzige handfeste Anhaltspunkt, den es zu dem Vorfall bis heute gibt, bleibt die Aussage einer Zeugin, die allerdings – anders als die Whatsapp-Nachricht es vermuten ließ – weder Kind noch Fahrzeug noch Täter näher beschreiben konnte. Alle weiteren Ermittlungen führten zu: nichts.

Für die Polizei ist das unbefriedigend. Für Eltern ist es unerträglich. Denn mit der Frage „Was wäre, wenn…?“ hat sich vermutlich jede Mutter und jeder Vater schon auseinandergesetzt. Die Frage hat dann allerdings keinen pädagogischen Hintergrund und erst recht nichts Spielerisches. Was wäre denn, wenn sich tatsächlich ein Triebtäter in Kohlscheid herumtreibt? Was wäre, wenn gerade mein Kind ihm im falschen Moment an einer wenig belebten Ecke über den Weg läuft? Derlei Überlegungen können nur in Horrorszenarien enden.

So nebulös der Vorfall aus der Forensberger Straße geblieben ist, so groß und so greifbar ist die entstandene Verunsicherung. Mehrere  Eltern machen an dem Elternabend in der Grundschule Kohlscheid-Mitte deutlich, dass ihr Sicherheitsgefühl empfindlich gelitten habe. Und eine Mutter bekennt, ihre Tochter seither lieber wieder von der Schule abzuholen, damit sie nicht nachmittags alleine an der Bushaltestelle steht. „Das ist natürlich ein Rückschritt“, sagt die Mutter. „Sie war so stolz, alleine mit dem Bus fahren zu können.“ Nicole Lennartz rät der Mutter dazu, die Tochter den Schulweg wieder allein bewältigen zu lassen.

Auch die Schulen stehen vor einer Herausforderung. „Durch die sozialen Medien nehmen diese Themen so eine Fahrt auf, dass wir kaum noch gegensteuern können“, sagt Daniela Bösche, kommissarische Schulleiterin in Klinkheide. „Wir wollen den Eltern vermitteln, dass lähmende Angst niemandem hilft. Der Spieß muss herumgedreht und das Kind gestärkt werden. Das muss unser Job sein.“

Eine Idee, die im Nachgang zu dem Vorfall in der Forensberger Straße entstanden sei, bestehe im Erarbeiten einer „Positiv-Liste“, die Kindern beispielsweise beibringt, bei wem sie ins Auto steigen dürfen (woraus sich ergibt, dass dies bei jedem, der nicht explizit auf der Liste steht, tabu ist). Und den Eltern wolle man vermitteln, dass die Grundschulen stets untereinander und mit der Polizei in Kontakt stehen. Bösche, die ebenfalls selbst Mutter ist, räumt aber ein, dass die Sache auch sie nicht kalt gelassen hat. „Die Aufregung ist total nachvollziehbar. Genau das macht es ja so schwierig.“

Wird zur Anzeige gebracht, dass ein Unbekannter ein Kind angesprochen hat, löst sich dies meist „in Wohlgefallen“ auf, erklärt Nicole Lennartz und berichtet von einem Vorfall aus Richterich. Ein Mann sei dort vor einiger Zeit beim Entrümpeln seines Kellers auf jede Menge altes Spielzeug gestoßen. Weil er es nicht wegwerfen wollte, sei er zur nächsten Grundschule gefahren und habe es dort verteilt – offenbar ohne jede böse Absicht. Die Aufregung sei gewaltig gewesen. „In aller Regel erfolgt das Ansprechen von Kindern durch Leute, die sich keinerlei Gedanken darum machen, was für eine Welle sie auslösen“, sagt Lennartz. Es gelte aber: „Wir gehen jedem Hinweis nach“ – es ist ein Satz, den Lennartz an diesem Abend sehr oft wiederholt.

Mehr kann schließlich auch der gewissenhafteste Polizist nicht versprechen, schon gar nicht absolute Sicherheit. Wie um das unter Beweis zu stellen, bedrohte rund sechs Wochen nach dem Vorfall in der Forensberger Straße ein Mann auf der Kaiserstraße in Herzogenrath ein Mädchen mit einem Teppichmesser. Das Mädchen konnte sich losreißen und eine Passantin um Hilfe bitten, die wiederum die Polizei rief. Der Mann, ein 46-Jähriger, wurde festgenommen, sitzt in Untersuchungshaft und hat laut Polizei eine „sexuelle Motivation“ eingeräumt. Mit einiger Sicherheit blickt er einer Anklage und einem Prozess entgegen.

Die nagende Frage „Was wäre, wenn…?“ wird dadurch nicht verschwinden.