Kohlscheid: Mafia-Experte kritisiert die "Mafia del Musica"

Kohlscheids „Mafia del Musica“ : Darf man über das Böse lachen?

Die Kohlscheider „Mafia del Musica“ spielt mit Klischees vom organisierten Verbrechen und zeichnet jede Karnevalssession einen „Ehrenmafioso“ aus. Dafür wird sie nun von einem deutsch-italienischen Mafia-Experten kritisiert. Er sagt: „Wir dürfen die organisierte Kriminalität in Deutschland nicht länger verharmlosen.“

Dass die Kritik nicht wirklich angenommen worden ist, ist schon geklärt, kaum dass „der Pate“ den Anruf entgegengenommen hat. Der Anrufer hat sich als Redakteur der Lokalzeitung zu erkennen gegeben und sein Anliegen mitgeteilt: die Protest-Mail des Berliner Anti-Mafia-Vereins, über die müsse man mal sprechen. Und „der Pate“ fragt nur: „Im Ernst jetzt?“ Dann muss Erwin Künkeler lachen.

Künkeler  und ist natürlich kein wirklicher Pate, sondern Versicherungsfachmann. Als „Pate“ stellt er  sich nur vor, wenn er mit der „Mafia del Musica“ unterwegs ist. Das ist ein Stammtisch aus Kohlscheid, dessen rund 45 Mitglieder sich einmal im Monat treffen, Künkeler ist Vorsitzender. Man singt zusammen, engagiert sich für wohltätige Zwecke und Brauchtum, feiert Karneval, und wenn gerade kein Karneval ist, bereitet die „Mafia del Musica“ sich auf die kommende Session vor. Deren zentrales Ereignis besteht darin, einen verdienten Mitbürger als „Ehrenmafioso“ auszuzeichnen. Der nächste wird der Geschäftsstellenleiter der VR-Bank in Kohlscheid sein, Thomas Leson.

„Protest-Mail“ aus Berlin

Normalerweise handelt es sich bei der Verleihung um ein lokales Ereignis, das in Herzogenrath besungen und begossen und vielleicht noch in den Nachbarkommunen wahrgenommen wird, das war es aber auch. Groß war also das Erstaunen, als die Verkündung des kommenden „Ehrenmafioso“ eine Reaktion aus Berlin nach sich zog. In einer „Protest-Mail“, die auch im Internet veröffentlicht wurde, wird Leson scharf dafür angegriffen, dass er erklärt hatte, die Auszeichnung annehmen zu wollen.

Fordert Thomas Leson dazu auf, seine Auszeichnung abzulehnen: Journalist und Mafia-Experte Sandro Mattioli. Foto: Uwe Zucchi/dpa/Uwe Zucchi

„Wie steht Ihr Arbeitgeber dazu, dass Sie, obgleich auch scherzhaft, sich einer kriminellen Organisation zugehörig erklären, die Tausende Ermordete auf dem Gewissen hat, darunter mehr als tausend Unschuldige, die zur falschen Zeit am falschen Ort waren oder Opfer einer Verwechslung wurden?“, steht da. „Überdenken Sie bitte die Annahme des Unehrentitels und geben ihn zurück!“

Kein rein italienisches Problem

Der Verfasser des Briefes heißt Sandro Mattioli und ist Journalist, Buchautor und Vorsitzender des Vereins „Mafia? Nein Danke!“, der in Berlin sitzt. Mattioli recherchiert und publiziert zur italienischen Mafia, manchmal tritt er im Fernsehen als Experte auf. Er macht aufmerksam auf die Morde, die die Mafia verübt, auf Land und Menschen, die sie durch illegale Müllentsorgung vergiftet, auf ihre Verbindungen bis in die innersten Machtzirkel von Wirtschaft und Politik.

Seine vielleicht wichtigste Botschaft: Die Mafia ist kein rein italienisches Problem, sondern auch in Deutschland höchst aktiv. Für den Stern enthüllte Mattioli die Verwicklung der ’Ndrangheta in einen Windpark in Süditalien, den die HSH-Nordbank finanziert hatte. Er kann nichts Witziges daran erkennen, wenn ein Banker sich zum „Ehrenmafioso“ ernennen lässt. „Wir dürfen die organisierte Kriminalität in Deutschland nicht länger verharmlosen, doch leider tragen Sie, Herr Leson, dazu maßgeblich bei“, schreibt er in seinem offenen Brief.

Wird bald Ehrenmafioso: Thomas Leson, Geschäftsstellenleiter der VR-Bank in Kohlscheid. Foto: Wolfgang Sevenich

Mattioli ist nicht der einzige, der sich daran stört, wenn die Mafia als cool, vielleicht etwas verrucht, letztlich aber harmlos dargestellt wird. Just diese Woche schaltete der italienische Innenminister Matteo Salvini sich ein, als McDonalds in Österreich seinen neuesten Burger mit dem Slogan „Für echte Mampfiosi“ bewarb. „Sind alle Italiener Mafiosi?“, fragte Salvini rhetorisch. Der Konzern, der auch in Italien Burger verkaufen will, entschuldigte sich und überdachte den Slogan noch einmal. Der Burger ist jetzt „für echte Amici“ (Freunde) gedacht.

Und unlängst sorgte sich der italienische Lobbyist Ettore Prandini angesichts von Pizzerien namens „Cosa Nostra“, Nudeln namens namens „Pasta Patrone“ und Gewürzmischungen namens „Palermo Mafia Shooting“ um das Image von italienischen Produkten. Wer mit Mafia-Klischees herumalbere, der übersehe, dass es um ein Problem gehe, „das dem ganzen Land Schmerz und Trauer gebracht hat“, sagte Prandini zu einem Autor der Deutschen Presse Agentur.

Jetzt also Kohlscheid. Was sagt der „Pate“ denn nun zur Kritik Mattiolis? „Wir halten das für lächerlich“, sagt Erwin Künkeler ziemlich unumwunden. Man distanziere sich selbstverständlich vom organisierten Verbrechen, wolle keinesfalls Mattiolis journalistisches Engagement diskreditieren. „Aber mit uns hat er sich die Falschen ausgesucht. Man sieht doch, was für eine Truppe wir sind.“ Es gehe um Brauchtum, Gesang, Karneval und sonst gar nichts.

Auch die VR-Bank sieht keinen Grund für Konsequenzen. Ein Sprecher teilt mit, dass Thomas Leson den Titel auf jeden Fall annehmen werde, wie zugesagt. Und zwar einzig weil die VR-Bank immer schon den Karneval unterstützt habe.

Die Gründung der „Mafia del Musica“ liegt fast 40 Jahre zurück. Damals, 1979, stand die Regentschaft von Prinz Günter I. bevor, und in der Gaststätte „Alt-Bayern“ überlegte sich eine Gruppe Karnevalisten, dass der doch Geleitschutz brauche. Weil Günter I. im normalen Leben bei der Polizei war, fand man es eine ulkige Idee, wenn er von Mafiosi beschützt würde. „Und dann ist man eben losgezogen“, sagt Erwin Künkeler. Die Regentschaft von Günter I. ging vorbei, doch die „Mafia Kohlscheid“, wie die Gruppe sich zunächst nannte, bestand fort, entwickelte neue Ideen und wurde nach und nach selbst fester Bestandteil des Karnevals. Es wurden auch immer wieder „Ehrenmafiosi“ ausgezeichnet, angesehene, verdiente Leute, auch Banker waren schon darunter. Anstoß hat all das nie erregt. Und nun soll plötzlich alles falsch sein?

Nachdenken erwünscht

Er habe eigentlich nie vorgehabt, Mafia-Experte zu werden, sagt Mattioli zu unserer Zeitung. 2008 aber, er saß damals als Korrespondent in Rom, wurde er auf kontaminiertes Erdreich aufmerksam, das nach Deutschland exportiert werden sollte. Mattioli recherchierte und stieß auf Verbindungen zur Mafia. Und die wurde zu seinem großen Thema. Mattioli hat auch schon Angehörige von Mafia-Opfern getroffen. Die Tochter einer Lehrerin, die von einem Querschläger getötet wurde. Den Sohn eines Automechanikers, der das richtige Öl für den Mafiaboss nicht hatte und erschossen wurde. Mattioli sagt: „Wer das gehört hat, nimmt das Wort Mafia nicht mehr leichtfertig in den Mund.“

Er gehe natürlich nicht davon aus, dass die „Mafia del Musica“ nun seinetwegen ihren Namen ändert. Und er habe auch nicht damit gerechnet, dass Banker Thomas Leson seinen Preis ablehnen würde. „Protest-Mails“ wie die an Leson seien ja ohnehin nur eine „Nebentätigkeit“ seines Vereins. „Aber wenn ein paar Menschen darüber nachdenken würden, wäre das ja auch schon ein kleiner Erfolg“, sagt Sandro Mattioli.

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