Kohlscheid: Keine neuen Zeugen für angebliche versuchte Kindesentführung

Angebliche versuchte Kindesentführung : Kein Opfer, keine Täter, keine Zeugen

Die Kriminalpolizei verfügt auch zwei Tage nach einer angeblichen versuchten Kindesentführung in Kohlscheid über keinerlei belastbare Hinweise auf das Geschehen. Die Pressestelle bestätigte am Freitag vor Dienstschluss, dass kein einziger neuer Zeugenhinweis eingegangen sei.

Die ins Rollen gekommenen Ermittlungen stützen sich somit einzig auf die Schilderungen einer Kohlscheiderin, die die Entführung am Mittwoch um 18.20 Uhr verhindert haben soll.

„Mit aller Kraft losgerissen“

Dass der Vorfall überhaupt publik gemacht und angezeigt worden ist, liegt an der Tochter der Kohlscheiderin. Sie setzte am Mittwoch kurz nach dem Vorfall über Whatsapp eine Nachricht an ihren Bekanntenkreis ab. Ihre Mutter habe „vor einer halben Stunde gerade noch so eine Kindesentführung verhindert“, schrieb sie. Ein Mann habe an der Einmündung Forensberger Straße/Nordstraße versucht, einen sieben oder acht Jahre alten Jungen in ein schwarzes Auto zu zerren. Im Auto habe ein weiterer Mann gesessen. Ihre Mutter habe den Jungen „mit aller Kraft losgerissen“. Das Auto sei „mit quietschenden Reifen davongefahren“, der Junge verängstigt in Richtung Menzelstraße geflüchtet.

Binnen Stunden wurde die Nachricht tausendfach weiterverbreitet und über Nacht zum Stadtgespräch. Erst dadurch wurde die Polizei, bei der keine Anzeige eingegangen war, auf die Sache aufmerksam und rollte das Feld von hinten auf. Die Kohlscheiderin, die so couragiert eingegriffen haben soll, wurde ausfindig gemacht und vernommen.

Am Donnerstagnachmittag, knapp 24 Stunden nach dem Vorfall, setzte die Polizei ihre erste offizielle Meldung ab, sie basierte auf der Vernehmung. Die Frau hatte den Vorfall demnach im Grundsatz bestätigt. Von dem Detailreichtum der Whatsapp-Nachricht war jedoch offenbar nicht viel übrig geblieben. Weder können das Auto oder zumindest seine Farbe näher beschrieben werden, noch ist davon die Rede, dass dieses „mit quietschenden Reifen“ davongefahren sei. Angaben zum ungefähren Alter oder zum Aussehen der Männer gibt es nicht. Und offenbar war nicht einmal zum Geschlecht des Beinahe-Entführungsopfers eine zuverlässige Aussage möglich. Die Polizei jedenfalls spricht in aller Unverbindlichkeit von einem „Kind“.

„Fahndungsrelevante Angaben zu dem Fahrzeug oder den Personen konnte die Frau nicht machen. Derzeit sind mögliche Hintergründe völlig unklar“, schrieb die Polizei und bat weitere Zeugen dringend darum, sich zu melden. Bislang scheint es solche jedoch nicht zu geben, dabei geht es um einen Vorfall, der sich bei Tageslicht mitten in einem Wohngebiet abgespielt haben soll. Am eigenartigsten ist freilich, dass sich nicht einmal die Eltern des Kindes gemeldet haben.

Situation falsch interpretiert?

„Es könnte zu einer Straftat gekommen sein“, sagte Polizeisprecherin Petra Wienen am Freitag. Im Umkehrschluss bedeutet das, dass die Polizei sich da jedoch mitnichten sicher ist. Wurde womöglich eine ganz banale Situation – beispielsweise eine Auseinandersetzung zwischen einem knatschigen Kind und einer erwachsenen Bezugsperson  – falsch interpretiert? Wurde in der Whatsapp-Nachricht stark übertrieben? Die Polizei kann all das nicht beantworten und dementsprechend auch nichts ausschließen. „Wir haben keinen Pack-an, wir haben keinen Hintergrund“, so Sprecherin Wienen.

Völlig unabhängig davon, ob wirklich eine versuchte Kindesentführung vorgefallen ist oder nicht, ist die Angelegenheit ein kleines Lehrstück über die Erregungsmechanismen der Sozialen Medien und des digitalen Zeitalters. Denn die Whatsapp-Nachricht wurde nicht nur gelesen und weiterverbreitet, sondern auch fleißig kommentiert. Viele äußern Lob für die beschriebene Heldentat, andere formulieren Mordfantasien in Richtung der verhinderten Entführer und unterbreiten Vorschläge, wo man deren Leichen verschwinden lassen könnte, falls sie erwischt werden.

Wieder andere erinnern sich, wie sicher die Welt doch in ihrer eigenen Kindheit gewesen und wie gefährlich sie heute für Kinder sei. Das Entsetzen ist groß. Eher zaghaft und vereinzelt wird die Frage gestellt, wieso eigentlich nicht unverzüglich die Polizei eingeschaltet wurde. Und  ob die Sache sich wirklich so zugetragen haben kann, wie es in der Whatsapp-Nachricht steht.

Aufgabe der Polizei ist es, alles in ihrer Macht Stehende zu unternehmen, um genau das zu klären. Daher gilt weiter der Aufruf, Hinweise an 0241/957731201 oder 0241/957734210 (außerhalb der Bürozeiten) zu melden.

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