Große Koalition in Herzogenrath im Blick

Große Koalition in Herzogenrath : Selbst überrascht, was alles auf dem Weg ist

Ein Großteil ist abgehakt im SPD-CDU-Kooperationsvertrag. „Konstruktive Diskussionen“ und „viele Kompromisse“ hat es erklärtermaßen dazu gegeben. Strittige Projekte stehen noch an.

Die Stimmung der Koalitionäre sei insgesamt gut, das bekunden die Protagonisten von CDU und SPD in Herzogenrath unisono. Wenn die gute Laune der jeweiligen Partei- und Fraktionsspitzen während des Gesprächs mit unserer Zeitung ein Gradmesser dafür ist, mag dies tatsächlich stimmen. Und auf einen Vergleich mit der großen Koalition auf Bundesebene will sich CDU-Fraktionschef Dieter Gronowski gar nicht erst einlassen.

Ausschläge des Stimmungsbarometers in Berlin könne er nicht beurteilen, bekundet er, in der Tat aber selbst „überrascht“ gewesen zu sein, was derweil in Herzogenrath so alles auf den Weg gebracht worden ist, seit am 12. September 2014 der gemeinsame schwarz-rote Kurs vertraglich besiegelt wurde. Was natürlich nicht ohne – konstruktive – Diskussionen vonstatten gegangen sei: „Wir haben viele Kompromisse gefunden.“ Aufgrund der unmittelbaren Nähe zu den Bürgern, deren Wohl den Handelnden „am Herzen“ liege, konstatiert Unions-Stadtverbandsvorsitzende Marie-Theres Sobczyk, raufe man sich auf kommunaler Ebene eben schneller wieder zusammen als im Bund.

In diesem Sinne „hin und wieder die Köpfe zusammenzustecken, wenn Turbulenzen entstehen, um die Hintergründe zu erfahren“, würde er sich denn auch für die Akteure in der Hauptstadt wünschen, ergänzt SPD-Fraktionsvize Wolfgang Goebbels. Der örtliche SPD-Parteivorsitzende Robert Savelsberg hat indes das „gemeinsame Ziel“, nämlich die Haushaltskonsolidierung, als den Kitt zwischen Rodas Koalitionären ausgemacht.

„Ohne Wenn und Aber“, so Gronowski, wolle man den Kooperationsvertrag nun noch weiter abarbeiten, in dem das Gros der seinerzeit festgezurrten Punkte in der Tat als abgehakt angesehen werden kann. Unter anderem die strittigen Projekte stehen noch aus, die jetzt angepackt werden sollen. Der Radschnellweg ist solch ein Thema. Und bekanntlich der Umbau des August-Schmidt-Platzes mit der Frage: Restaurant Ja oder Nein?

Vertreten Herzogenraths große Koalition: vorne CDU-Stadtverbandsvorsitzende Marie-Theres Sobczyk und SPD-Stadtverbandsvorsitzender Robert Savelsberg, hinten CDU-Fraktionschef Dieter Gronowski (l.) und SPD-Fraktions-Vize Wolfgang Goebbels. Foto: Beatrix Oprée

Gronowski sagte im Vorfeld der jüngsten Bau- und Verkehrsausschusssitzung auf Nachfrage offen, dass das Vorgehen der SPD (mit Ladung zu einer „Bürgerversammlung“) „nicht abgesprochen“ gewesen sei, gesteht im selben Atemzug aber zu: „Schwamm drüber!“ Differenzen kämen „in den besten Familien vor“, urteilt Sobczyk.

Auch das erklärte Hauptziel der großen Koalition, der Haushaltsausgleich, ist noch nicht erreicht. Doch aufgrund erhöhter Steuereinnahmen sowie dem „Konsolidierungskurs“ sieht man sich da weiter in gutem Fahrwasser.

Alle drei Stadtteile gleichermaßen im Blick zu halten, wird immer wieder gerne als Grundtenor politischen Handelns in Herzogenrath formuliert, so auch im Kooperationsvertrag. Und das ist bislang daraus geworden:

Kohlscheid: Der Entwicklung des Zentrums rund um den Markt, der Markttangente sowie ein Gestaltungsplan Langenberg und die entsprechende Verkehrsplanung sind eingestielt bzw. stehen kurz vor der Umsetzung, wobei die Zeitvorgaben Ende 2015 respektive 2016 im September 2014 wohl zu ambitioniert angesetzt worden waren. Es gibt eine Ersatzlösung für den wegfallenden Sportplatz Langenberg, Wolfgang Goebbels spricht gar von einem „Aushängeschild“:

„Wenn die Anlage an der Oststraße einmal fertig ist, wird sie ihresgleichen suchen.“ Sobald der Förderbescheid für die Tangente da sei, gehe es los, inklusive Sanierung und Erweiterung des Umkleidebereichs. Dieter Gronowski lobt im Kontext die Initiative der beteiligten Vereine, Kohlscheider BC und DJK Elmar, die das Stadion künftig gemeinschaftlich nutzen sollen. Die Bebauungspläne Finken- und Kämpchenstraße sind bearbeitet, bei Letzterem sogar Teil 2 auf dem Weg für weitere rund 100 Familien.

Begleitend erfolge die Schulentwicklungsplanung mit Ausbau der Maria-Sibylla-Merian-Gesamtschule an einem Standort sowie der Bau einer fünfgruppigen Kita. Unstrittig ist die Neuerrichtung einer Schwimmhalle, Einigkeit herrscht bei den Koalitionären bekanntlich bezüglich des Standorts an der Roermonder Straße. Divergierende Überlegungen stellen CDU und SPD indes über die Folgenutzung des in absehbarer Zeit vakanten Schulgebäudes Pestalozzistraße respektive des ehemaligen Schwimmbadgeländes Zellerstraße an.

Die aktuelle Idee, in den Räumen der Realschule neben besagter fünfgruppiger Kita Unterbringungs- und Versammlungsmöglichkeiten für Vereine zu schaffen, greift aus Sicht der SPD zu kurz. Erfordernissen der Vereine würde man nicht unbedingt gerecht, mit dieser Lösung bliebe überdies weitestgehend nur zweigeschossige Bauweise auf rund 14.000 Quadratmetern Grundfläche „in bester innerstädtischer Lage“ gebunden und für andere Zwecke, etwa Wohnungsbau, nicht nutzbar. So schwebt der SPD alternativ ein „Haus der Vereine“ auf städtischem Gelände, nämlich an der Zellerstraße vor, mit vier Vollgeschossen samt Staffelgeschoss.

Unten könne die neue Kita einziehen, darüber die Vereine, vielleicht sogar mit kleinem Veranstaltungsraum. Und darüber wiederum sei Wohnraum denkbar, etwa auch für einen Hausmeister. Die derzeitige Beschlusslage sieht indes noch die Vermarktung des Grundstücks Pestalozzistraße vor, das für Gesamtschulzwecke bekanntlich in Bälde nicht mehr gebraucht wird. Gronowski: „Damals unterlagen wir noch dem Haushaltssicherungskonzept und hatten keine andere Finanzierungsmöglichkeit.“ Die betroffenen Vereine, so gibt er noch zu bedenken, würden gerne in der Realschul-Aula als Veranstaltungsstätte bleiben. Für beide Varianten, so hat man sich geeinigt, sollen nun Wirtschaftlichkeitsberechnungen angestellt werden.

In Sachen Hallenbadneubau hat sich die Groko indes der Prüfung eines „Plans B“ für den Standort (bislang) verweigert: „Man muss bedenken, die wassersporttreibenden Vereine drängen auf die Zeit“, verweist Gronowski im Gespräch mit unserer Zeitung auf die Befürchtung, eine neue Variante berge eine unnötige Verzögerung. Per Gutachten seien mehrere Standorte betrachtet worden, man habe sich „mit vielen Themen“ auseinandergesetzt. Aufgrund der benötigten Besucherzahlen sei man aber auf eine gute „Wahrnehmungsschneise“ der neuen Halle angewiesen, und besser als direkt an der Roermonder Straße gehe es nicht.

Apropos Roermonder Straße: Diverse abbruchreife Bauten und dazu die vakante Immobilie der einst stolzen EBV-Hauptverwaltung prägen nach wie vor das Entree für den Stadtteil. „Immer noch ein Ärgernis“, sagt Gronowski, aber alle Überlegungen seien bislang an den Besitzverhältnissen gescheitert. „Intensivst“ arbeite man an vielen Projekten, „die nur im Kontext mit der Entwicklung in Kohlscheid-Mitte ziehen. Da ist schon Bewegung drin.“ Stolz ist man indes, dass der TPH trotz hoher Fluktuation auch eine hohe Auslastung aufweise und im Gewerbegebiet Dornkaul das letzte Grundstück vermarktet sei.

Nun richte man den Blick gen Aachen, ein ergänzendes gemeinsames Gewerbegebiet im Visier – im Zuge eines städteregionalen Gewerbeflächenkonzepts. Was den vorliegenden Entwurf für den neuen Regionalplan samt städteregionaler Bewertung der vorgesehenen Flächen für Wohnen und Gewerbe angeht, so hat die Groko aktuell einen gemeinschaftlichen Antrag formuliert, um im nächsten Haupt- und Finanzausschuss Antworten auf zahlreiche Fragen zu erhalten, die sich aufgeworfen hätten..

Herzogenrath-Mitte: „Jetzt tut sich endlich etwas“, stellt Marie-Theres Sobczyk fest. Im Zuge des „integrierten Handlungskonzepts“, das anfangs „belächelt“ worden sei. Sichtbarstes Ergebnis wird die Initiative einer Geilenkirchener Architektin sein, die mit dem Mehrgenerationenhaus „Wohnen an der Wurmpromenade“ und dem Apartmenthaus „Villa Marbaise“ Leuchtturmprojekte verwirklicht und – so die Hoffnung – andere Investoren nachzieht.

Im Sinne auch einer „Restaurant-Café-Kultur“, die sich rund um den Ferdinand-Schmetz-Platz etablieren möge. Auf die Nachfrage, warum im neuen „Innovations- und Gewerbepark Herzogenrath“ auf dem ehemaligen Vetrotex-Gelände an der Bicherouxstraße bislang erst ein einziger Betrieb gebaut hat, verweist Gronowski auf die bewusst gesetzten Auflagen, die eine „vernünftige optische Wahrnehmung“ für den Reisenden an diesem Eingangstor nach Herzogenrath per Bahn gewährleisten soll. Im übrigen setzt man auch in diesem Punkt auf die Tätigkeit der – ebenfalls bewusst – neu gegründeten Stadtentwicklungsgesellschaft (SEG) mit Geschäftsführer Michael Eßers (der auch Geschäftsführer des TPH ist) als zusätzlichem Motor. Zudem habe man Signale vernommen, dass St. Gobain an seinem Campus-Projekt wieder ansetzen wolle.

Merkstein: Stolz ist man, dass das stadtteilprägende Baugebiet An der Herrenstraß endlich Formen annimmt, so sei der erste Spatenstich nunmehr für Anfang/Mitte Juli vorgesehen und der Vermarktungsbeginn ab Oktober/November. Aber erst müssen noch Fledermäuse umgesiedelt werden. Der Gewerbepark Nordstern laufe voll, die Nachfrage aber sei ungebrochen, legen die Koalitionäre dar, dass es auch in Sachen Flächenerweiterung unterschiedliche Auffassungen gibt. Robert Savelsberg: „Flächenausweisungen können erst der zweite Schritt sein, zunächst muss man die bestehenden Gebiete volllaufen lassen.“

Damit schließt sich der Kreis: Konträre Auffassungen, so hatten die Groko-Partner mit Blick auf die Auseinandersetzung über Pläne für den August-Schmidt-Platz im Gespräch mit unserer Zeitung betont, sind „das Salz in der Suppe“. Und ein gemeinsamer Groko-Antrag in Sachen Flächenausweisungen ist ja auch gestellt worden.

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