Kommentar zu „Mafia del Musica“: Das Klischee ist gemeint

Kommentar zu „Mafia del Musica“ : Das Klischee ist gemeint

Giuseppe di Matteo war elf Jahre alt, als er von der Cosa Nostra entführt wurde. Zwei Jahre verbrachte er in Gefangenschaft, dann erdrosselten seine Entführer ihn und lösten die Leiche in Salzsäure auf.

Denn sein Vater hatte mit der Staatsanwaltschaft kooperiert. Heute steht Giuseppes Name auf einer Liste von Menschen, die von der italienischen Mafia ermordet wurden. Liest man die Namen zügig vor, dauert es 20 Minuten, bis man an ihrem Ende angelangt ist, sagt der Mafia-Experte Sandro Mattioli.

Mattioli blickt Tag für Tag in diesen Abgrund, und dass ihm das Lachen im Halse stecken bleibt, wenn die Mafia zum Gegenstand von Folklore wird, ist insofern nachvollziehbar. Ebenso nachvollziehbar ist es, dass es Italienern in der Seele weh tut, wenn ihr Land mit seinem Krebsgeschwür gleichgesetzt und aufgezogen wird. Es ist angesichts der Gräuel schwer, dagegen zu argumentieren.

Trotzdem: Es ist geboten, zu unterscheiden zwischen der schlimmen Realität, mit der Mattioli sich auseinandersetzt, und dem  popkulturellen Stereotyp, dessen die „Mafia del Musica“ aus Kohlscheid sich bedient. Viel mehr als den Namen hat beides nicht gemein, und im Grunde verraten das schon die Kostüme. Bei Auftritten trägt die „Mafia del Musica“ schwarze Anzüge, weiße Schals, Hüte mit Band und eine rote Nelke im Knopfloch. Das geht als Hommage an italienische Grandezza und an Marlon Brando in „Der Pate“ durch, an ein Klischee, das sich verselbstständigt hat. Ein realer, zeitgenössischer Mafioso aus Süditalien würde sich hingegen nicht erkennen. Er ist auch nicht gemeint.

Dass die Unterscheidung zwischen Realität und Klischee zumindest dann, wenn es um Karneval geht, ziemlich entscheidend ist, wird deutlich, wenn man Mattiolis Kritik auf andere gängige Kostüme überträgt. Wer als Cowboy feiern geht, setzt damit kein Statement zur Vertreibung der amerikanischen Ureinwohner. Durch ein Piratenkostüm macht sich niemand mit zur See fahrenden Mörderbanden gemein. Und die wenigsten Prinzessinnen, denen man im Festzelt begegnet, wünschen sich Feudalismus und Zwangsehe zurück. Sie wollen harmlosen Spaß und Alltagsflucht, schlimmstenfalls noch erhöhte Blutalkoholkonzentration. Der gemeine Kohlscheider Karnevalsmafioso dürfte da ganz ähnlich ticken.

Es steht jedem frei, das unreflektiert, sogar daneben zu finden. Eine Verpflichtung, die Dinge ernster zu nehmen als sie gemeint sind, gibt es aber für niemanden. Schon gar nicht im Karneval.