100 Jahre AWO: Ortsverein Merkstein einer der größten in Deutschland

100 Jahre Arbeiterwohlfahrt : Ehrenamt als unverzichtbare Säule des Verbands

Der AWO-Ortsverein Merkstein ist einer der größten in ganz Deutschland. Dennoch gibt es Nachwuchsprobleme beim ehrenamtlichen Einsatz. Immer weniger Akteure schultern die vielen Aufgaben. Das will man jetzt angehen.

Der „Hauptausschuss für Arbeiterwohlfahrt in der SPD“ war der Ursprung, begründet am 13. Dezember 1919 von Marie Juchacz (1879-1956), der großen Sozialreformerin und Frauenrechtlerin, die einst auch Abgeordnete der Weimarer Nationalversammlung war. Vier Jahre später wurde der AWO-Ortsverein Merkstein gegründet, der sich als einer der größten in ganz Deutschland entwickeln sollte und heute noch über 600 Mitglieder zählt.

„1923 gab es in Merkstein eine große Industriearbeiterschaft“, erläutert Horst Herberg, Ortsvereins-Vorsitzender seit 1998. Der Steinkohlebergbau bot Arbeitsplätze, unter anderem in der Grube Adolf hatten Menschen auch aus Hessen, Bayern, Sachsen, Schlesien und Elsass-Lothringen Lohn und Brot gefunden. Dass sich hier die „Selbsthilfe der Arbeiterschaft“, so hatte Reichspräsident Friedrich Ebert die neue Sozialbewegung seinerzeit eingeordnet, schnell entwickelte, lag auf der Hand.

Wilhelm Derichs war Gründungsinitiator der AWO in Merkstein, Vater von sechs Kindern, Arbeiter auf der Grube Adolf, in den 1920er Jahren Beigeordneter und Dezernent des Sozialwesens. „In diesem Ehrenposten ging er ganz auf“, würdigte ihn der frühere Gemeindedirektor Ludwig Kahlen in der Festschrift zum 50-Jährigen des Ortsvereins. Derichs‘ damalige Wohnung an der Freiheitsstraße 67 gilt als Gründungsstätte.

Stets mit Liebe vorbereitet: das Frühstücksbüffet, zu dem Ursula Foitzik regelmäßig einlädt. Foto: Horst Herberg

Im Dritten Reich verboten, folgte nach dem Zweiten Weltkrieg in einer von Mangel und Wohnungsnot geprägten Zeit der Neuaufbau der AWO. Die dringendsten Aufgaben für den Wohlfahrtsverband waren: Schulspeisung, Familien- und Altenhilfe, Krankenbetreuung, Aufteilung der amerikanischen Care-Pakete sowie die finanzielle Unterstützung Hilfebedürftiger.

Beratung, Betreuung, Geselligkeit

Die Stärke der AWO war und ist das große ehrenamtliche Engagement, dank dessen bis heute zu ein vielseitiges Programm in Sachen Beratung, Betreuung und Geselligkeit gewährleistet werden kann: „Wer damals dabei war, machte bis ins hohe Alter mit“, beschreibt das die stellvertretende Ortsvereins-Vorsitzende Ursula Foitzik, die sich selbst seit über 40 Jahren einbringt und deren Mutter bereits bei der AWO aktiv war. „Sie war es auch, die mich 1970 zu einer Jahreshauptversammlung mitnahm“, beschreibt Foitzik, wie das seinerzeit ging mit der Mitgliederwerbung. Prompt wurde die Tochter zur stellvertretenden Schriftführerin gewählt. „Da war ich noch berufstätig und hatte drei Kinder zu versorgen“, erinnert sich die heute 73-Jährige. „Aber mein Mann war sehr verständnisvoll.“

Foitzik ist fest in die Organisation diverser Veranstaltungen eingebunden. Eine ganze Stunde braucht es etwa, bis sie das monatliche gesellige Frühstückstreffen in der Begegnungsstätte an der Römerstraße 209 vorbereitet hat – mit einem Büfett, das keine Wünsche offen lässt und entsprechenden Anklang findet.

Heutzutage, so sagt sie, werde ein solches Engagement durch die allgemein wachsenden Anforderungen in Beruf und Familie immer schwieriger. „Ich hatte damals den Arbeitsplatz vor Ort und Schichtdienst. Doch die jungen Leute heute fahren morgens um halb sechs weg und kommen erst abends nach Hause.“ Zeit fürs Ehrenamt bleibt da kaum noch.

In den 1970er-Jahren hingegen habe es regelrecht „Gedrängel“ um die Funktionärsposten gegeben, wie Horst Herberg sich erinnert, da hätten sich gewöhnlich „die Alten“ durchgesetzt. „Junge Leute waren geradezu verpönt damals“, bekräftigt Maria Dünwald, Pressesprecherin des Ortsverbands, die als pensionierte Lehrerin unter anderem Förderunterricht für Kinder anbietet, in Kooperation mit der Grundschule Alt-Merkstein.

Ob sich das Gehabe der Altvorderen hinsichtlich der Führungsposten heutzutage rächt, wo immer weniger Leute zur Verfügung stehen, die sich einbringen können? Unter anderem die Turngruppe musste aufgelöst werden, weil sich niemand mehr fand, der sie hätte leiten können. „Die Menschen heute helfen gerne in Einzelfällen, aber regelmäßig Verantwortung tragen wollen oder können nicht mehr so viele“, sagt Foitzik. „Viele trauen sich die Verantwortung auch einfach nicht zu“, ergänzt Dünwald. Sie stellt klar: „Die Mitglieder und deren Vertretung in den Ortsvereinen sind – neben dem professionellen Zweig der AWO – die zweite Säule in dem Wohlfahrtsverband.“ Zwar sehe man sich in Merkstein noch gut aufgestellt, doch der Blick in die Zukunft gibt nicht unbedingt Anlass für Optimismus. Wo früher der Nachwuchs in die Arbeit „reinrutschte“ wie einst Ursula Foitzik, müssen heute andere Strategien ziehen, um Menschen zum Mitmachen zu gewinnen.

„Starke Basis. Starke AWO“

Mit der Erkenntnis, dass es immer schwieriger wird, Ehrenamtler zu finden, zudem die Mitgliederzahlen sinken, die Angebotsvielfalt schwindet und sich Ortsvereine auflösen, hat der AWO-Bezirksverband Mittelrhein zu Beginn des vergangenen Jahres das Projekt „Starke Basis. Starke AWO“ ins Leben gerufen. Um gemeinsam mit den Ortsvereinen Lösungsmöglichkeiten zu erarbeiten und umsetzen.

Die Merksteiner hatten im Zuge dieses Programms jetzt zum Workshop geladen. Arbeitstitel: „Was passiert, wenn der Vorsitzende und seine Stellvertreterin plötzlich auf unbestimmte Zeit ausfallen?“ Viele Fragen resultierten daraus, erklärt Maria Dünwald: Wer ergreift die Initiative? Was sind die ersten Schritte, um den großen Ortsverein handlungsfähig zu erhalten? Merksteiner AWO-Mitglieder spielten dieses Szenario durch, „realitätsnah, selbstkritisch und ohne Scheuklappen“, so Dünwald. Gecoacht wurden die Kursteilnehmer von AWO-Projektleiterin Madeline Mell aus Köln.

Eine der zentralen Fragen im Seminar sei schließlich gewesen: „Was tun wir eigentlich für die 50-Jährigen?“ Dünwald: „Für deren solidarische Mitgliedschaft sind wir dankbar.“ Aber ebenso gelte es, deren Potential zu nutzen, auch wenn viele Menschen dieser Altersgruppe noch im Berufsleben stehen. Dünwald weiter: „Geeignete Nachfolger gezielt zu suchen, bedeutet persönliche Ansprache, aber auch loslassen können.“

Das Projekt „Starke Basis – starke AWO“ versteht sich als „lernendes Projekt“. Neue Instrumente zu entwickeln und so an der eigenen Attraktivität zu arbeiten, das hat sich der AWO-Ortsverein Merkstein nun zur Aufgabe gemacht.

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