Herzogenrath: Gillian Baxter hofft, dass es nicht zum Brexit kommt

Vor der Brexit-Abstimmung im Unterhaus : „Ich bin Europäerin und möchte Europäerin bleiben!“

Was geht in Briten vor, die seit vielen Jahren in Deutschland leben und niemals geglaubt hätten, dass sich ihr Heimatland einmal aus Europa verabschieden könnte? Gillian Baxter aus Kohlscheid hofft bis zuletzt, dass es nicht zum Brexit kommt.

„Heartbroken – shocked – very upset“: Gillian Baxter sucht nach Worten, um auszudrücken, was sie vor gut zweieinhalb Jahren empfand, als sie nach einer aufreibenden Nacht vor dem Fernseher letztlich begreifen musste, dass das Referendum für den Brexit ausgegangen war. Das bis dahin Unvorstellbare war mit einem Stimmenanteil von nahezu 52 zu 48 Prozent eingetreten: Großbritannien kehrt der Europäischen Union den Rücken. „Die Brexit-Befürworter hatten selbst doch nie mit solch einem Ergebnis gerechnet, hatten deshalb ja auch gar keinen Plan“, sagt Baxter und ist überzeugt: „Das Votum gegen die EU ist in Wirklichkeit eines gegen die Regierung gewesen.“ Um einen Denkzettel sei es den meisten gegangen, weswegen auch keiner ernsthaft mit diesem Abstimmungsergebnis gerechnet habe. Und so kennt Baxter viele Landsleute, die niemals pro Brexit gestimmt hätten, wenn sie denn vollständig verstanden hätten, worum es überhaupt geht. „Natürlich kostet die EU Großbritannien viel Geld. Aber es fließen ja auch große Summen zurück, etwa für Bildung, für die Landwirtschaft ... Wo sollen diese Zuschüsse denn künftig herkommen?“

Da erfüllt es die 56-Jährige mit einiger Hoffnung, als am Montagmorgen noch berichtet wird, Premierministerin Theresa May halte einen Verbleib in der EU für wahrscheinlicher als einen ungeordneten Brexit. Später am Tag soll May jedoch verkünden, dass eine Aufschiebung des Brexit keinesfalls in Frage komme …

Baxter hegt indes Befürchtungen, dass es mit dem Austritt zur Anarchie im Königreich kommen könnte: „Die ganze Brexit-Debatte ist eine Plattform für Rassisten. Schon unmittelbar nach dem Referendum erlebte das Land, wie die Stimmung deutlich gegen Ausländer kippte. Es gab massive Attacken und Drohbriefe.“ Von Akteuren, die sich offenbar gar nicht vergegenwärtigten, dass unter anderem das Gesundheitssystem Großbritanniens von ausländischen Arbeitnehmern abhänge: „Wir haben einfach nicht genug Leute, um die benötigten Stellen zu besetzen“, sagt Baxter. Dennoch sei die Immigration das Hauptargument vieler Brexiteers gewesen. Studien belegten hingegen, dass die Zuwanderung keinesfalls negativen Einfluss auf die Zahl der Jobs für Einheimische habe, die Gesellschaft vielmehr davon profitiere. Baxter: „Ich kann einfach nicht verstehen, wie jemand glauben kann, dass Großbritannien außerhalb Europas besser dran ist!“

Geboren in Carlisle, Cumbria, nahe der schottischen Grenze, kam Baxter vor über 20 Jahren nach Deutschland, der Liebe wegen. Und ist geblieben, auch als die Beziehung in die Brüche ging. Sie hat zwei erwachsene Söhne, einer wohnt in England, der andere in Deutschland, verheiratet mit einer Deutschen. Die Familie lebt eine Internationalität, wie die Freizügigkeit der EU-Mitgliedsstaaten sie eben möglich macht. Drei bis viermal im Jahr besucht Gillian die Verwandten auf der Insel, nutzt dann natürlich auch die Gelegenheit, die wenigen Produkte nachzukaufen, die sie in Deutschland vermisst: die bevorzugte Teesorte etwa, oder Artikel der Lieblings-Kosmetikfirma.

Die studierte Literaturwissenschaftlerin arbeitet als Operations Manager bei Ericsson, dem international aufgestellten Mobilfunkausrüster, der im Business Lab in Kohlscheid fürs Internet der Dinge (Internet of Things/IoT) forscht. Bedauern habe bei ihren Kollegen geherrscht ob des britischen Votums. Baxter weiß aber auch um andere Stimmen, die, die sagen: Dann geht doch! „Die Briten werden eben auch als arrogantes Volk wahrgenommen.“ Deutlich ablesbar sei dies etwa bei internationalen Events wie dem European Song Contest, bei dem Großbritannien in der Regel schlecht abschneide, „da könnten wir den besten Song der Welt haben“, sagt Baxter und lacht. Um sofort wieder ernst zu werden: „Keiner weiß genau, wie die Auswirkungen des Brexit sein werden. Am wenigsten die Briten, die im Ausland leben und arbeiten.“ Sicherlich beschnitten werde die Freizügigkeit, sagt Baxter, die es genießt, im Dreiländereck zu leben. „Etwa nach Vaals umzuziehen, wird dann wohl nicht mehr drin sein.“ Auch andere Fragen erscheinen ihr ungeklärt: Krankenversicherung, soziale Absicherung, Rentenansprüche, Arbeitserlaubnis ... „Und was wäre im Falle von Arbeitslosigkeit?“

Was sie immer noch aufbringt, ist die Tatsache, dass sie selbst beim Referendum nicht mitstimmen durfte: Denn wer länger als 15 Jahre im Ausland lebt, steht nicht mehr im britischen Wählerverzeichnis, erklärt sie. Ein Unding, Briten im Ausland seien schließlich am unmittelbarsten vom Brexit betroffen. Und dann beginnt sie wieder zu sinnieren über eine Frage, die bislang nie eine Rolle gespielt hat: Ob sie nicht doch noch den deutschen Pass beantragen soll?

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