Alsdorf: Herr Salami und die fünf Säulen des Islam

Alsdorf : Herr Salami und die fünf Säulen des Islam

Abdeslam Salami hört seinen Schülern zu, zieht die Augenbrauen hoch, nickt anerkennend. Urteile oder Beurteilungen kommen ihm selten über die Lippen, höchstens ermutigende Worte. „Wer sagt mir, wie man anderen helfen kann?“, fragt der Lehrer für islamischen Religionsunterricht die 4. Klasse der Schule am Annapark Alsdorf.

Fast alle Finger schnellen hoch. Die sogenannte vierte Säule des Islam steht heute auf dem Unterrichtsplan, „Zakat“ — die Pflicht zu spenden.

Salami, der sich Selami ausspricht, unterrichtet 28 Stunden pro Woche an verschiedenen Schulen in Alsdorf und Umgebung Islamkunde. Er stammt aus Marokko, wo er Grundschullehramt studiert hat, und ist seit 1992 in Deutschland im Schuldienst. Zuerst nur für Arabischunterricht, später erwarb er nach einjährigem Qualifikationskurs das notwendige Zertifikat für islamischen Religionsunterricht des Landes NRW. Berufen wurde er vom Beirat für den Islamischen Religionsunterricht in NRW. Dem Berufsstand nach unterscheidet er sich nicht von anderen Lehrern des Landes.

Wenn man behauptet, dass der 58-Jährige zu den ausgleichenden und moderaten Vertretern seines Glaubens gehört, hat man sicherlich nicht übertrieben. „Muslime müssen alle Religionen respektieren“, ist so einer der für Salami typischen Sätze, wenn man sich mit ihm alleine unterhält. Oder: „Der Islam ist ein Teil anderer Religionen. Der Islam ist die jüngste. Wir müssen auch Kenntnis von den anderen haben. Ohne diese Kenntnisse kann man nicht sagen, Muslim zu sein.“

Wieder im Klassenraum, wo Salami Antworten auf die Frage, wie man anderen Menschen helfen kann, sammelt: „Mit Geld“, lautet die erste Antwort. „Geld, ja, Geld... Es geht nicht immer nur um Geld“, wendet Salami ein und nimmt die nächsten Kinder dran. „Mit Essen“, „mit Organ- oder Blutspenden“, sprudeln die Antworten. Salami malt ein rotes Kreuz an die Tafel. „Was ist das?“, fragt er. „Krankenhaus?“, lautet die erste Rückfrage. „Deutsches Kreuz!“, die nächste. Salami malt das Pendant für die islamische Welt daneben. Den roten Halbmond. Das Symbol kennen die Kinder nicht.

Wie viel Vorkenntnisse die Kinder in den Unterricht über ihren Glauben wohl mitbringen? Salami weiß, dass die meisten seiner Schüler die Moschee besuchen. Was die Vorkenntnisse anbelangt, seien „manche Antworten richtig, andere falsch“. Irrige Annahmen, man dürfe Andersgläubigen nicht die Hand geben, kämen dadurch zustande, dass „manche Imame ohne Ausbildung“ predigten — im Gegensatz etwa zu der Ausbildung, die er und seine Kollegen genossen hätten. Salami sagt, dass er es begrüßen würde, wenn auch Imame eine solche Qualifizierung durchliefen.

Salami teilt die Kinder in Gruppen auf und verteilt Arbeitsblätter. Zu sehen ist etwa ein hungerndes Baby in den Armen seiner farbigen Mutter. Oder ein Rollstuhlfahrer, der vor einem Bordstein steht, in Sichtweite eine Gruppe Jugendlicher, die sich offenbar über ihn unterhält. Zu diesen und anderen Abbildungen sollen die Kinder ihre Emotionen und Vorschläge äußern, wie man helfen könnte.

In den kommenden 20 Minuten treten immer wieder einzelne Kinder leise an Salami heran, suchen flüsternd Rat. Salami hört geduldig zu, ermutigt zu eigenständigem Denken und dem Formulieren der eigenen Meinung. Am Ende tragen die Kinder nacheinander vor. „Gerade bin ich sehr traurig, weil das Baby so dünn und hungrig ist. Es braucht dringend viel Hilfe“, liest ein Mädchen. „Das ist prima, gut“, sagt Salami. Ein anderes Mädchen würde Bücher oder Kleidung für den guten Zweck verkaufen oder auch selbst gemachte Armbänder. Salami ist zufrieden. Manche könnten Böses denken, wenn sie den Rollstuhlfahrer sehen, glaubt ein Junge aus einer anderen Gruppe. „Schreib auf, was Du denkst. Das ist das Wichtigste“, wendet der Lehrer ein. Später wird der Junge vorlesen, dass man ihn nicht beleidigen darf. „Er könnte Teil unserer Familie sein.“

Salami greift zur Unterrichtsgestaltung auf „Mein Islambuch“, erschienen in einem großen Schul- und Wissenschaftsbuchverlag mit Sitz in München zurück. Im Inhaltsverzeichnis aufgelistet sind die fünf Säulen des Islam und die sechs Glaubenssätze. Beim Blättern fällt auf: Immer wieder wird Verbindendes mit anderen Religionen betont oder es werden Vergleiche gezogen. Etwa, was das Fasten anbelangt.

Nacheinander tragen nun die Kinder die Ergebnisse ihrer Gruppenarbeit vor. Wer fertig ist, darf eine Vorlage mit einem Genesungswunsch ausmalen. Es dauert nicht lange, da bittet ein Schüler darum, dass der Unterricht fortgesetzt wird. Salami lächelt.

Zwischen den verschiedenen Schulen ständig hin und herzufahren, sei schon aufwendig, gibt er zu. „Mein Auto ist mein Büro und mein Frühstückstisch. Nur ein Bett fehlt“, meint der Pädagoge und lacht. Daran, seinen Job an den Nagel zu hängen, hat er noch keine Sekunde gedacht.

Zum Abschluss der Stunde liest Salami eine Weisheit des Propheten Mohammed vor: „Der wahre Reichtum ist nicht Überfluss an Besitz. Der wirkliche Reichtum ist ein reiches Herz.“ Dabei führt der Lehrer kurz seine Hand zur Brust. Die Kinder nicken, Salami nickt. Zufrieden gehen sie nach kurzen Abschiedsworten ihrer Wege.

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