Nordkreis: Helikopter-Eltern: Wenn Übermaß an Fürsorge ein Problem wird

Nordkreis: Helikopter-Eltern: Wenn Übermaß an Fürsorge ein Problem wird

Helikopter-Eltern — so bezeichnen Experten das Verhalten der Eltern, die sprichwörtlich wie ein Hubschrauber um ihr Kind kreisen. Sie tun alles zum Wohle ihrer Kleinen und hinterfragen nicht, ob die übermäßige Fürsorge im Interesse des Kindes geschieht.

Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeutin Sabrina Breuer-Nüsser aus Würselen kennt die Auswirkungen dieses Phänomens bei ihren Patienten nur zu gut. Immer häufiger befindet sich Nachwuchs von Helikopter-Eltern in Behandlung — „ein Phänomen, das immer häufiger auftritt und aktueller wird“, so Breuer-Nüsser. „Bei circa 25 Prozent der aktuellen Therapiepatienten wird, beziehungsweise wurde dieses Thema im Rahmen der Therapie und begleitenden Elterngesprächen behandelt“, so Breuer-Nüsser.

Auch Jugendfußballtrainer Norbert Klinkenberg vom VfR Würselen hat immer wieder mal mit Eltern zu tun, die ihre Kinder beim Fußballspielen zu sehr unter Druck setzen. Im Mittelpunkt stehen stets der Erfolg und der Schutz des Kindes.

Trotz der Überbehütung stellen Eltern auf der anderen Seite hohe Anforderungen an den Nachwuchs. Auf schulische oder sportliche Höchstleistungen getrimmt, versucht das Kind den Erwartungen der Erwachsenen gerecht zu werden. Spiel, Spaß und Freizeit werden hintangestellt. Das Kind gleicht einem Dressurpferd, das bei jedem Wettbewerb glänzen soll.

„Ein großer Faktor ist meiner Meinung nach der gestiegene gesellschaftliche Druck“, so Breuer-Nüsser. „Viele Eltern vermitteln ihren Kindern, dass in unserer Gesellschaft nur noch Leistung zählt. Nur der Beste wird etwas erreichen. Aber auch eigene Ängste spielen eine Rolle“, erklärt die Therapeutin.

Durch die Überwachung der Eltern würden die Jugendlichen und Kinder unter anderem Auffälligkeiten in der Individuationsentwicklung oder der Selbstständigkeit zeigen. „Eigene Entscheidungen werden ihnen verwehrt und selbstständiges Denken und Handeln unterbleibt. Weitere Reaktionen auf das Verhalten der Eltern können beispielsweise Ängste und Depressionen sein“, so die Expertin. Da den Kindern oft jeder Wunsch erfüllt werden würde, könne außerdem mangelnde Kompromissbereitschaft und überzogene Anforderungen seitens der Kinder eine Folge sein.

„Manche Eltern versuchen ihre verpassten schulischen oder sportlichen Erfolge mit Hilfe der Kinder zu verwirklichen“, sagt der Jugendfußballtrainer Norbert Klinkenberg. „Einige Jugendliche im Verein leiden unter enormem Druck der Eltern. Manche Eltern wollen aus ihren Kindern Profis machen“, so der Trainer. Da würde es schon mal zu Konflikten zwischen ihm und den Eltern kommen, falls diese mit seinen Entscheidungen nicht einverstanden sind.

Unter den Streitigkeiten leiden dann die Jugendlichen, die eigentlich nur Spaß beim Fußballspielen haben möchten: „Die Freude am Fußball geht so verloren. Neben dem schulischen Stress können viele Kinder mit dem sportlichen auferlegten Druck der Eltern nicht klarkommen und hören oft mit dem Fußball auf.“

Nicht aus bösem Willen

Dabei sollte ein Hobby dazu da sein, um den Alltagsstress hinter sich zu lassen.

Ein Lehrer einer Schule in Alsdorf, der anonym bleiben möchte, pflichtet Klinkenberg bei: „Manche Eltern ersehnen sich eventuell eine andere Schulkarriere für ihren Sprössling, als sie sie selbst hatten. Nicht jedes Elternteil findet hier per se den richtigen Weg, sein eigenes Kind in geeigneter Weise auf den richtigen Weg zu bringen. Grundsätzlich lieben alle Eltern ihre Kinder, auch wenn mancher Außenstehende diesen Eindruck nicht hat. Das geschieht nicht aus bösem Willen oder auch falsch verstandenem Ehrgeiz, sondern eher aus Unwissen, fehlgedeuteten Signalen, der eigenen Erziehung heraus, die doch früher für viele so anders war, als man sie heute zu vermitteln sucht.“

Gemeinsam würde er versuchen, mit den Eltern Lösungen zu finden und über die Fehler zu sprechen, die sie eventuell hinsichtlich der Erziehung machen. Für ihn habe dieses Phänomen jedenfalls nicht nur ausschließlich negative Aspekte.