Alsdorf: Grundschul-Kleingruppen: Starke und Schwache können voneinander lernen

Alsdorf : Grundschul-Kleingruppen: Starke und Schwache können voneinander lernen

Johann zählt an seinen Fingern ab: „Fünf minus vier ... eins!“ „Und welche Farbe ist das?“, fragt Angela Sieger. „Blau“. „Genau.“ Die Erstklässler haben die Aufgabe erhalten, ein Bild von einem Heißluftballon auszumalen, dessen einzelne Teile mit Rechenaufgaben versehen sind. Subtrahieren und addieren.

Für jede Zahl steht eine bestimmte Farbe. Am Ende ziert den Heißluftballon ein buntes Muster mit einem großen Schmetterling.

Mit dem sechsjährigen Johann (alle Namen der Kinder geändert) sitzen drei weitere Kinder am Tisch im Nebenraum des Klassenzimmers. Angela Sieger ist Sozialpädagogin und an der Grundschule am Annapark für Inklusion zuständig. „Eingeschlossen“ werden Kinder mit Lernproblemen, Behinderungen aber auch sozial-emotionalen Problemen. Und das nicht zwangsläufig per „Ausschluss“ in einer intensiv betreuten Kleingruppe im Nebenraum, sondern auch einzelne Kinder im Klassenverband. 376 Schüler zählt die Schule insgesamt in 15 Klassen. Vier bis fünf je Klasse hätten einen besonderen Förderbedarf, erzählt die 24-Jährige.

Die ersten Kinder in der Kleingruppe sind mit dem Ausmalen fertig und dürfen ihre Arbeitshefte holen. Die füllen die Kinder in eigenem Tempo aus. Jede gefüllte Seite wird von der Lehrerin oder der Sozialpädagogin gegengezeichnet. Angela Sieger setzt gerade eine Unterschrift unter die Seite von Ben. Wenn sie nicht mit den Kindern zusammensitzt, berät sie Mitarbeiter der Nachmittagsbetreuung (Offener Ganztag, OGS), Lehrerkollegium und Eltern.

Dass sie bei den Kindern gut ankommt, spürt man gleich. Dass das auch bei den Erwachsenen der Fall ist, hatte der stellvertretende Schulleiter Michael Witte kürzlich im Jugendhilfeausschuss der Stadt Alsdorf mit Worten des Dankes erwähnt. Angela Sieger hatte dort ihre Arbeit vorgestellt.

Beteiligt an der „schulischen Inklusion“ sind nämlich neben der Schule selbst einschließlich der OGS das Jugendamt und als Träger der Sozialdienst katholischer Frauen (SkF). Bei letzterem ist Sieger seit einem Jahr in Vollzeit angestellt, eine halbe Stelle ist für die Zeit am Annapark vorgesehen. Die anderen 50 Prozent ist sie als „Autismus-Beauftragte“ tätig und macht unter anderem pädagogische Angebote für Kinder und Jugendliche mit sogenannter Autismus-Spektrums-Störung.

Aber zurück zur Grundschule.

Das einzige Mädchen in der Kleingruppe, Ramira, hat Schwierigkeiten, eine Aufgabenstellung zu verstehen. Leise bewegen sich ihre Lippen beim Lesen des kurzen Textes. Sie stockt und fragt Aaron. „Du musst die Sterne zählen. Alle. Ok?“, sagt der und tippt leicht mit dem Zeigefinger auf die einzelnen Bilder. „Alle Sterne zählen.“ Ramira nickt. Sie ist mit ihrer Familie nach Deutschland geflohen und schon neun Jahre alt. Sie lernt noch nicht lange Deutsch, dafür aber rasant schnell.

Sehr beliebt

Aaron hat eigentlich keine Lernschwierigkeiten oder dergleichen. Dass er trotzdem Teil der Gruppe ist, gehört zum Konzept von Angela Sieger: Kinder mit und ohne Förderbedarf in einer Kleingruppe zusammenzusetzen, damit sie voneinander lernen. Und das macht den Kindern Spaß. Als sich die Kleingruppe aus dem Klassenverband löste, um nach nebenan zu gehen, schnellten gleich mindestens vier weitere Finger hoch, gefolgt von der Bitte, sich anschließen zu dürfen. Aber Kleingruppe ist Kleingruppe ...

... und bei der ist gerade das Licht ausgegangen. Angela Sieger lacht und schaltet es wieder ein. „Wir haben so ruhig und konzentriert gearbeitet, dass der Bewegungsmelder uns nicht bemerkt hat“, erklärt sie. Derweil buhlt Johann um ihre Aufmerksamkeit, nachdem er ihr schon eingangs gesagt hatte, wie lieb er sie hat. Ob sie ihm nun vielleicht ins Heft schreiben könne, dass er die Aufgabe sehr schön gelöst habe, fragt er. „Das ist nicht nötig“, befindet Sieger, „das sieht man.“ Sie lächelt.

Johann ist das unruhigste Kind am Tisch. Häufig wechselt er seine Position, trommelt Buntstifte gegeneinander, trappelt mit den Füßen oder schlägt sich mit den Handflächen an den Kopf. In der Klasse könne er sich nicht gut konzentrieren, erzählt Sieger, dabei sei er intelligent. In der Kleingruppe falle ihm das Lernen leichter.

Die halbe Inklusionsstelle an der Grundschule soll, so der Wille des Jugendhilfeausschusses, auf eine ganze aufgestockt werden. Für dieses Schuljahr stehen 55000 Euro (davor 28000 Euro) zur Verfügung. Wie die zusätzliche halbe Stelle besetzt wird, ist noch offen. Geplant ist nur, dass sie auch am Annapark angesiedelt wird und Zuständigkeiten für Schulen im gesamten Stadtgebiet entfaltet. „Von der Gemeinschaftsgrundschule Annapark hatten wir viele Hilferufe erhalten, deshalb haben wir hier ganz klar den Schwerpunkt gesehen“, sagte Michael Raida, stellvertretender Jugendamtsleiter im Ausschuss.

Aktuell erhielten 15 Kinder und Jugendliche in Alsdorf eine Schulbegleitung, drei besuchten eine private Schule, 24 hätten eine Autismus-Spektrums-Störung, 102 erhielten Hilfe bei der Wiedereingliederung in den Schulalltag. „Es ist zu erwarten, dass sich die Entwicklung dieser Fallzahlen fortsetzt“, so Raida.

(vm)