Grüne legen im Nordkreis bei Neumitgliedern etwas zu

Mitarbeit hält sich in Grenzen : Grüne legen im Nordkreis bei Neumitgliedern etwas zu

Spätestens seit den Europawahlen scheinen die Grünen die perfekte Welle zu reiten. Schon zuvor punkteten sie in der Wählergunst und bei der Mitgliederwerbung unter dem Slogan „Partei ergreifen – Jetzt Mitglied werden“.

Nachdem sie bundesweit im vergangenen Jahr bei der Mitgliederzahl die Marke 75.000 geknackt hatten, legten sie innerhalb der ersten sechs Monate dieses Jahres um weitere 10.000 auf 85.000 zu. Dagegen waren es Ende 2017 noch 65.000. Mittlerweile wird sogar Bundesvorsitzender Robert Habeck als möglicher Kanzlerkandidat gehandelt. Laut jüngster Sonntagsfrage des Forsa-Instituts (Was würden Sie wählen, wenn jetzt Bundestagswahl wäre?) liegen die Grünen mit 25 Prozent ein Prozent hinter der CDU und zeigen der SPD aus weiter Ferne die grünen Rückleuchten, die auf ganze zwölf Prozent kommt und sogar von der AfD mit 13 Prozent überflügelt wird. Und wie sieht die Entwicklung der Mitgliederzahlen der Grünen im Nordkreis aus? Was geben dort Neumitglieder als Gründe für ihre Entscheidung an?

In Alsdorf haben die Grünen trotz des sehr guten Bundestrends nicht abgehoben. Lokalpolitik bedeutet eben das Bohren dicker Bretter. Neben der politischen Arbeit des Ortsverbandes und der Ratsfraktion sucht man das Gespräch mit der breiter werdenden Basis und Sympathisanten, bedienen die Akteure auch den „vorpolitischen Raum“ und luden zuletzt zum Beispiel zu einem Boule-Turnier ein. Horst-Dieter Heidenreich, Vorstandsmitglied und Fraktionsvorsitzender im Alsdorfer Stadtrat, spricht von ein paar Neumitgliedern.

„Im eher ländlichen Raum macht sich der aktuelle Trend nicht so stark bemerkbar“, zieht er den Vergleich zu Aachen. Dort habe man bei einer Veranstaltung auf einen Schlag 30 bis 40 Zugänge in die Partei aufgenommen. Von den Neuen in Alsdorf hätte sich leider kaum einer bei Treffen der Grünen bislang sehen lassen. In den meisten Fällen informiert der Landesverband den Ortsverband über den Zuwachs, da der Beitritt per Online-Formular erklärt wird, es also keinen persönlichen Kontakt vor Ort gibt. Offenbar wollen viele durch ihre bloße Mitgliedschaft die Grünen in ihrer Haltung und ihrem Tun bestärken – und durch die Mitgliedsbeiträge. Sie denken aber nicht in erster Linie daran, aktiv mitzumachen, so Heidenreich.

Zu den (aktiven) Ausnahmen bei den Alsdorfer Grünen gehört Janine Ivanic, die erst die Funktion des im vergangenen Jahr gestorbenen Fraktionsgeschäftsführer Harald Perlitius übernahm und anschließend Mitglied bei den Grünen wurde. Zwar sei die studierte Historikerin und junge Mutter familiär durchaus grün geprägt, so ist der stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Grünen in Alsdorf, Hartmut Malecha, ihr angeheirateter Onkel, wie sie sagt. Im Jahr 2009 half sie bereits beim Wahlkampf der Grünen. „Eigentlich wollte ich mich nie in ein festes Parteikonzept pressen lassen.“ Letztendlich habe sie sich doch anders entschieden angesichts des Driftens der Gesellschaft nach Rechts und des voranschreitenden Populismus in Europa. „Da muss man was aktiv dagegen tun und die Grünen unterstützen“, hat sie sich entschlossen: „Es muss ein Zeichen gesetzt werden – für ein vereintes Europa!“

Seit Ende Dezember 2018 hat Ivancic, die auch Geschäftsführerin des Ortsverbandes ist, sechs Neumitglieder verzeichnet. „Interessant ist hierbei noch, dass drei davon bereits länger mit den Grünen sympathisierten und mitarbeiteten. Für mich sieht das so aus, dass bereits Interessierte nun mobilisiert werden können.“

Auch Erwartungen steigen

Dabei könnte der Mitgliederzuspruch und die Bereitschaft zur Mitarbeit auf lokaler Ebene laut Heidenreich durchaus noch größer sein, um der Wählergunst und den damit verbundenen Erwartungen entsprechen zu können. „Wenn sich das sehr gute Ergebnis der Europawahlen auch bei den Kommunalwahlen wiederholen würde, dann brauchen wir Leute, die mitmachen und auch Verantwortung übernehmen“. Davon abgesehen würde Heidenreich nach Jahren der ehrenamtlichen politischen Arbeit in Alsdorf gerne die Arbeit in jüngere Hände legen und kürzer treten.

Marietheres Mimberg, Vorstandssprecherin des Würselener Ortsverbandes, differenziert zwischen Mitgliederzuwachs und vermehrtem Zuspruch und Nachfrage. „Im letzten Jahr haben wir drei neue Mitglieder aufgenommen. Das ist für uns viel.“ Mit Stand Ende Dezember 2018 zählte der Ortsverband in Würselen 30 Mitglieder. Der Aufnahme gehen immer persönliche Gespräche voraus“, betont sie. „Darauf legen wir Wert.“ Eine große Rolle spielten auch die sozialen Medien. Es sei festzustellen, dass lokale Themen eine große Rolle spielen, so etwa „gefahrloses Radfahren“ (Radwegeplanung) und die Frage, wie man den Öffentlichen Personennahverkehr verbessern kann, „aber nicht vor der eigenen Haustüre wegen der Abgase“. Diskutiert werden die Bewahrung von Grünflächen im Stadtgebiet und Wohnraum. „Es geht um die Frage, wie wir leben wollen und wie wir die Zukunft gestalten.“ Hierfür würden die Grünen zunehmend als Ansprechpartner wahrgenommen.

Die Grünen in Herzogenrath zählen derzeit 32 Parteimitglieder. Vier wurden innerhalb der letzten sechs Monate neu aufgenommen, wie Fraktionsvorsitzender Dr. Bernd Fasel sagt. Hinzu kommen rund 15 „aktive Sympathisanten“, die mitarbeiten. „Wir haben festgestellt, dass die Neuen mit Ideen kommen und frischen Wind bringen.“ Als Hauptbeweggrund werde der Klimawandel angegeben, verbunden mit der Frage und Aufgabe, was zumindest dagegen auf kommunaler Ebene getan werde könnte.

„Es gibt ja klare Vorzeichen, was alles noch auf uns zukommen kann, selbst wenn Herzogenrath CO2-neutral wäre.“ Fasel nennt als Beispiel die Überschwemmung von Teilen der Innenstadt. „Wir haben das im Stadtrat schon oft gesagt. Aber da wird weitergemacht wie bisher: Straßen werden gebaut und weitere Neubaugebiete ausgewiesen. Das macht vor allem jüngere Leute zornig.“ Dagegen würden verstärkter Populismus und Rechtsradikalismus nicht als Motive genannt, um sich den Grünen anzuschließen. „Das mag daran liegen, dass derzeit keine ultrarechte Partei im Stadtrat vertreten ist.“ Fasel befürchtet jedoch, dass sich dies im Zuge der anstehenden Kommunalwahl wohl ändert.

Hans-Dieter Deserno, Mitglied der Grünen-Fraktion im Baesweiler Stadtrat, weiß von drei Neumitgliedern, die in letzter Zeit eingetreten sind. Allerdings geschah dies wohl vorrangig, um die Grünen zu stärken, aber nicht um auch mitzuarbeiten. So wünschenswert dies auch wäre, so hat Deserno durchaus Verständnis für die Zurückhaltung. Die Arbeitsbelastung sei bei vielen sehr hoch.

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