Alsdorf: Grenzlandkarneval: Brauchtum dient auch der Integration

Alsdorf: Grenzlandkarneval: Brauchtum dient auch der Integration

Alle, zumindest fast alle, sind sie kommen. Die Präsidenten, die Elferräte, die Gönner. Denn Karneval, genauer: das Haus des Grenzlandkarnevals in der alten Schule von Würselen-Morsbach, gehört für sie zu den Herzensangelegenheiten. Und darum kommen sie zur Benefizgala für das Haus, auch wenn die nächste Session noch etwas auf Distanz liegt.

Eingeladen hat sie Reiner Spiertz, der Präsident des Verbands der Karnevalsvereine Aachener Grenzlandkreise (VKAG). Sein Wort besitzt in der närrischen Szene Gewicht — und Zugkraft, wie sich an diesem Abend in der Alsdorfer Stadthalle herausstellt.

Benefizverabstaltung für Haus des Grenzlandkarnevals: Bernd Stelter (oben links) bewies einmal mehr seine Qualitäten als Stimmungsmacher. Dem standen „Klaus & Willi“ (Bauchredner Klaus Rupprecht, oben rechts) nicht nach. — VKAG-Präsident Reiner Spiertz ehrte Ralf Dünzer für dessen selbstlosen Einsatz bei einer Messerattacke auf Besucher des Sommerfestes der KG Stadtgarde Alsdorf (unten links). Historiker Dr. Frank Pohle, Landeskundlerin Dr. Dagmar Hänel sowie Moderator und Redakteur René Benden (v.l., rechts unten) befassten sich mit der Sammlung des Hauses des Grenzlandkranevals. Foto: Dagmar Mexer-Roeger

Schwere des Alltags entfliehen

© : Dagmar Meyer-Roeger : KKU / Kultur / Unterhaltun / Stadthalle Alsdorf / Verband der Karnevalsvereine Aachener Grenzlandkreise (VKAG) veranstaltet Benefizverabstaltung für Haus des Grenzlandkarnevals : Bernd Stelter, ein Karnevalist, Fernseh-Comedian, Moderator und Schriftsteller Foto: Dagmar Mexer-Roeger

Nicht nur, dass in der Pause und nach Abschluss manche Spende dem VKAG, dessen Vertreter in ihren roten Jacketts im Foyer wie im Saal der Stadthalle sehr um das Wohl ihrer Gäste bemüht waren, zufloss — Ausrichter und Freunde feierten gemeinsam das heimatliche Brauchtum, das sie zu pflegen so sehr bemüht sind.

© : Dagmar Meyer-Roeger : KKU / Kultur / Unterhaltun / Stadthalle Alsdorf / Verband der Karnevalsvereine Aachener Grenzlandkreise (VKAG) veranstaltet Benefizverabstaltung für Haus des Grenzlandkarnevals : "Klaus & Willi" - Bauchredner Klaus Rupprecht liefert sich mit dem frechsten Affen Deutschlans schnelle und witzige Wortgefechte. Foto: Dagmar Mexer-Roeger

Prominente, die in der Welt des Kabaretts so sehr zu Hause sind wie im Karneval, halfen Reiner Spiertz und seinen Mitstreitern wie den Zuhörern im Saal dabei, der Schwere des Alltags zu entfliehen. „Änne aus Dröplingsen“ alias Monika Badtke riss ihr Publikum ein ums andere Mal mit Anekdoten aus dem Leben einer quietschfidelen Sauerländer Rentnerin hin. Bauchredner Klaus Rupprecht und seine Puppe, der Affe Willi, amüsierten die Menschen im Parkett und auf der Empore mit gezielten Frechheiten.

Ein besonderer Moment

Und Bernd Stelter dokumentierte als Sänger wie als Redner, dass er mit Recht zu den Markenartikeln des rheinischen Karnevals gezählt wird.

Ein besonderer Moment: VKAG-Präsident Reiner Spiertz verleiht Ralf Dünzer in Würdigung und Anerkennung für dessen beherzten, persönlichen Einsatz beim Sommerfest der KG Stadtgarde Alsdorf am 9. August den VKAG-Verdienstorden in Silber. Er dankt ihm für seine Zivilcourage unter Gefahr für sein eigenes Leben und zur Abwehr weiterer Gefahren für Leib und Gesundheit anderer Besucher. Dünzer — ganz Polizist auch außerhalb jeglicher Dienstzeit — war einem jungen Mann, der auf dem Sommerfest der Stadtgarde Alsdorf Reizgas versprühte und mit einem Dolch und einem Messer bewaffnet war, entgegen getreten und dabei mit drei Stichen in den Bauch lebensgefährlich verletzt und im Klinikum Aachen notoperiert worden.

Das Herzstück des Abends jedoch blieb das Gespräch, das René Benden, Redakteur unserer Zeitung, mit Dr. Dagmar Hänel vom Institut für Landeskunde des Landschaftsverbandes Rheinland und Dr. Frank Pohle, seines Zeichens Juniorprofessor für die Geschichte und Kultur der Euregio Maas-Rhein, führte. Der Journalist und die beiden Wissenschaftler legten ihren Zuhörern das Haus des Grenzlandkarnevals mit seinen Schätzen ans Herz. Dass die Sammlung „Grundlage für Forschung“ (Frank Pohle) ist: Daran ließ auch Dagmar Hänel keinen Zweifel mehr noch: Orden und andere Exponate, insgesamt rund 74 000 an der Zahl, seien von entscheidendem Wert, denn: „Diese Dinge erzählen Geschichte.“

Den Karneval müsse kennen, wer das Land zwischen Rhein und Maas mit seinen Menschen verstehen wolle, führte Juniorprofessor Pohle aus: „Feste sind Rituale, und von diesen Ritualen will die Gesellschaft sich bestätigt fühlen.

Ähnlich Dr. Dagmar Hänel. Die Kenntnis des Fastelovvend sei „spannend, denn sie erzählt etwas über Menschen wie du und ich.“ Die gemeinschaftsstiftende Wirkung des Karnevals beurteilte sie ein wenig ambivalent: „Bräuche sind abschließend und integrierend“, schaffen also Gemeinschaft ebenso wie sie Individuen vor ihr auf Distanz halten.

Trotzdem und sowieso ist für den Historiker Pohle die vielteilige Sammlung von unbedingtem Wert — und darum formulierte der gebürtige Geilenkirchener einen Appell an seine Studenten: „Geht da hin; da wird euch der rote Teppich ausgerollt.“

Die Menschen in der Alsdorfer Stadthalle und ihre Gastgeber haben das mit Sicherheit gerne gehört.