Würselen: Glocken von St. Sebastian schlagen Alarm

Würselen: Glocken von St. Sebastian schlagen Alarm

Es rumort mächtig in Teilen der Großpfarrei St. Sebastian. Gemeindemitglieder kritisieren die Entscheidung des Bistums Aachen, drei Gemeindereferenten zu versetzen: Thomas Krieger, Dorothee Wakefield und Michael Loogen, der selbst um die Versetzung gebeten habe. Dies wurde den Gemeindemitgliedern am Ende von Gottesdiensten verkündet und (zeitweise) auf der Homepage der Pfarre verbreitet.

Teilnehmer der Messe in St. Lucia, bei der die Nachricht bekannt wurde, berichten von lautstarken Zwischenrufen und großem Unverständnis. Noch lange nach der Messe sei von Besuchern über die Maßnahme diskutiert worden. Von Kirchenaustritten sei die Rede.

Die in Würselens Zentrum gelegene Pfarre St. Sebastian (l.) hat der Großpfarrei den Namen gegeben. Mitglieder anderer Gemeinden, wie etwa von St. Lucia in Broichweiden (r.), fühlen sich benachteiligt, wie Proteste gegen die Versetzung von Gemeindereferenten deutlich machen. Foto: Stüber

Aus Reihen der Gemeindemitglieder wird auf die Folgen der Versetzungen verwiesen. So heißt es in einer Stellungnahme des Gemeindeausschusses St. Lucia: „Die in der Begründung für die Versetzung angeführten Argumente, dass die drei Gemeindereferenten in ihren Tätigkeiten nicht die Pfarrei im Blick haben, können wir mit Sicht auf deren Arbeitsfelder absolut nicht nachvollziehen.“

Kinderferienmaßnahmen und -glaubenswochen, Erstkommunion- und Firmvorbereitung, Begleitung von Familiengottesdiensten, Messdienerarbeit und Schulgottesdienste, Begleitung der Wortgottesdienstleiter sowie das „Lotsenmodell“ würden durch die Versetzung qualitativ und quantitativ leiden. „Diese Personalentscheidung zerstört die Wurzeln der Großpfarrei“, ist zu lesen. Diözesanadministrator Weihbischof Karl Borsch und die Abteilung Personalpastoral des Bistums werden aufgefordert, die getroffene Entscheidung zurückzunehmen.

Eine Mitarbeiterin fragt: „Warum wird ein funktionierendes Gemeindeleben durch solche Entscheidungen unterbunden? “ Die Leitung der Pfarrei St. Sebastian und Bistum würden „den Ast absägen, auf dem eigentlich die nachfolgenden Priester sitzen sollen“.

Besonders Gemeindemitglieder aus dem sogenannten Osten der Großpfarrei St. Sebastian — also St. Willibrord Euchen, St. Nikolaus Linden-Neusen und St. Lucia Weiden — fühlen sich benachteiligt. „Wir sehnen uns nach der Gemeinschaft der Gemeinden Broichweiden!“, schreibt ein empörtes Gemeindemitglied. Es wird gemutmaßt, dass die drei Gemeindereferenten „ihre Meinungen, Positionen und Gewissensentscheidungen zu vehement, zu beharrlich vertreten“ und nicht zurückgewichen seien, „wie es den Vorstellungen der (direktiven?) Pfarrleitung entspricht“.

Auf Nachfrage unserer Zeitung beim Bistum Aachen nimmt der Leiter der Abteilung Kommunikation, Stefan Wieland, Stellung: „Das Pastoralteam der GdG St. Sebastian in Würselen hat sich Anfang Dezember 2015 in einem gemeinsamen Schreiben an das Bischöfliche Generalvikariat gewandt. Nach der Fusion der acht Pfarreien und nach einem mehrjährigen, extern moderierten Teamprozess, ist das Pastoralteam selber zu dem Schluss gekommen, dass die derzeitige Team-Konstellation nicht zukunftsfähig ist.

Das Pastoralteam bat das Bischöfliche Generalvikariat um eine Lösung. Daraufhin hat die Personalabteilung für das Pastoralpersonal Einzelgespräche mit den Mitgliedern des Pastoralteams geführt, um zu einer Lösung zu kommen. In der Folge hatte das Generalvikariat eine Änderung in der Zusammensetzung des Teams beschlossen. Dieser Entscheidung hat der Leiter der GdG St. Sebastian, Pfarrer Rainer Gattys, zugestimmt.“

In einem Antwortschreiben an ein besorgtes Gemeindemitglied wird das Generalvikariat am Beispiel von St. Lucia Broichweiden deutlicher. Das Generalvikariat zitiert aus besagtem Brief des Pastoralteams an den Personalverantwortlichen des Bistums: „Wir stellen fest, dass die Arbeitsfähigkeit eingeschränkt, sehr schwierig und zum Teil unmöglich ist: In der Konstellation ist Arbeit so nicht weiter möglich! Wir bitten Sie um Hilfestellung bei einer möglichen Lösung.“ Dieses Schreiben sei von allen Mitgliedern des Teams unterzeichnet worden. Die Personalabteilung sehe ihre Aufgabe darin, für alle Mitarbeiter Bedingungen zu schaffen, „die ein gutes kollegiales Arbeiten ermöglichen“.

Da dies nicht mehr zu ermöglichen gewesen sei, habe es zu einer Änderung in der Zusammensetzung des Teams kommen müssen. Das Team habe die Problematik „schon seit geraumer Zeit in einem Coachingprozess ohne erkennbare Lösung bearbeitet“. Das Bistum legt Wert darauf, die Kollegen nicht zu beschädigen, hebt die Vertraulichkeit der geführten Gespräche hervor und schreibt, „... dass wir der Auffassung sind, dass die betroffenen Mitarbeiter gute Arbeit geleistet haben“. Die Entscheidung der Versetzung sei mit Pfarrer Gattys, Leiter der Gemeinschaft der Gemeinden St. Sebastian, getroffen worden.

Gattys, der sich zur Zeit zu Exerzitien in einem Kloster aufhält, antwortete dennoch umfassend auf die Anfrage unserer Zeitung. Seine Ausführungen entsprechen weitgehend der Darstellung des Bistums. Gattys bedauert die Art der Öffentlichkeitsarbeit der Kirche in dieser Angelegenheit: „Unglücklich ist die gleichzeitige Veröffentlichung und auch Durchführung dieser unterschiedlichen Vorgänge.“

Er bittet zugleich um Verständnis: „Über interne Vorgänge kann und darf nichts gesagt werden. Denn der Pfarrer hätte, wenn er dem Ansinnen einiger Mitglieder des GdG-Rates früher gefolgt wäre oder jetzt folgen würde, massiv gegen Persönlichkeitsrechte von Bistumsangestellten verstoßen. Dies wäre sogar außerhalb des kirchlichen Rechtsrahmens rechtswidrig.“

In einem Brief an alle Mitglieder der Gemeindeausschüsse bittet Gattys zugleich, „den Blick nach vorne zu richten“. Er berichtet von Bemühungen, die Arbeitsfelder und Themenbereiche zusammenzufassen und neu zu organisieren. „Sicher werden Veränderungen mit diesem Prozess verbunden sein ... Ich kann nur einladen, mitzugestalten.“ Und: „Vertrauen wir auf die Kräfte und Talente, die uns gegeben sind.“ Pfarrer Gattys warnt vor langwierigen Auseinandersetzungen: „Wir können die verbleibende Zeit in sinnlosen Auseinandersetzungen vergeuden. Wir können uns dabei in einem Trauerspiel zerfleischen und Gräben aufreißen. Wir werden dabei die Gefühle vieler frommer Seelen verletzen. Wer werden eine Entwicklung kreieren, deren Folge weitere Glaubensverdrossenheit sein wird.“ Dagegen solle man sich besser an einen Tisch setzen und die Zukunft gestalten.

Die drei betroffenen Pastoralreferenten verzichteten auf Nachfrage unserer Zeitung auf eine Stellungnahme — aus arbeitsrechtlichen Gründen. Wo werden die drei Pastoralreferenten eingesetzt? Werden die Stellen wieder besetzt? Bistumssprecher Wieland: „Hierbei geht es nicht um die Reduzierung eines pastoralen Stellenplans, sondern um eine vom gesamten Pastoralteam angefragte Klärung der Teamkonstellation. Die Versetzung kommt erst im Sommer zum Tragen, Details zur Nachbesetzung und zum neuen Einsatzort stehen noch nicht fest.“

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