Podiumsdiskussion zur Kohlscheider Markttangente: Gleiche Antworten, aber neue Fragen

Podiumsdiskussion zur Kohlscheider Markttangente : Gleiche Antworten, aber neue Fragen

Ob die Zündschnur erloschen ist und das Projekt Markttangente in Kohlscheid in trockenen Tüchern oder ob die Planungen jeden Moment hochgehen können, ist ungewiss. Nach Mittwochabend vielleicht sogar noch ein wenig ungewisser als zuvor. Die Bürgerinitiative Kohlscheid 2020, die an dem Vorhaben wie berichtet in etlichen Punkten Kritik übt, ließ das Thema auf dem Podium diskutieren — gekommen waren Vertreter der Ratsfraktionen, Einzelhändler und Anwohner.

Aber nicht, dass gleich zu Beginn Missverständnisse aufkommen: Die Tangente ist nach wie vor gewollt. Der politische Wille ist eindeutig artikuliert und fußt auf einer breiten Mehrheit.

Bei der Podiumsdiskussion wurde viel Kritik geäußert und Sorgen wiederholt vorgebracht. Vor allem, ob die Tangente auch mit Anbindung förderfähig ist, wollen die Politiker in Erfahrung bringen. Foto: Thomas Vogel

Allerdings haben die Politiker Redebedarf mit der Verwaltung ausgemacht, vor allem darüber, was eigentlich förderfähig ist und was nicht. Wie die Tangente am Ende aussehen wird, speziell ob sie Anbindungen haben wird oder anbindungsfrei bleiben muss, weil sie sonst vom Land nicht gefördert würde (mit 80 Prozent) und damit für Herzogenrath außhalb finanzieller Reichweite geriete, könnte in der Folge für weitere Diskussionen sorgen.

Ob die Markttangente am Ende in der Form kommen wird, wie sie aktuell geplant ist, ist ungewiss. Foto: ZVA-Infografik — Kartendaten: Google, Digitalglobe, Quelle: Stadt Herzogenrath

Denn genau darauf bezogen sich einige Wortmeldungen von Besuchern der Veranstaltung, die an einem nicht neuen, aber wesentlichen Kritikpunkt festmachten: undurchsichtiges Verwaltungshandeln. Was hat die Stadt genau beantragt und wie sah die Antwort aus? Das Podium konnte darauf keine Antwort geben. Selbst er als Ratsvertreter habe bisher weder den Antrag noch ein Antwortschreiben der Bezirksregierung gesehen, sagte Bruno Barth (UBL). Auf die Feststellung des Moderators Prof. Hans-Willi Schroiff, dass man schlecht beraten sei, eine Straße zu bauen, nur weil sie gefördert werde, brandete im Publikum Beifall auf.

In welcher Form die Tangente umgesetzt wird, hat Auswirkungen nicht nur auf ihr äußeres Erscheinungsbild — die Straßenbreite etwa. Auch die Beteiligung von Anwohnern an Erschließungskosten spielt eine Rolle. Eine Anwohnerin: „Mich interessiert vor allem, ob ich für die Straße zahlen muss oder nicht. Wenn ich nicht zahlen muss, dann ist mir egal, ob die Straße fünf Zentimeter breiter oder schmaler wird.“

Riskantes Vorgehen

Für Kritik sorgte die Planung an der Kreuzung Kaiser-/Südstraße. Um dort einen Kreisverkehr bauen zu können — ohne den die Tangente laut Dieter Gronowski (CDU) keinen Sinn mache —, fehlt der Stadt noch ein Grundstück an eben jener Straßenecke. Die Gespräche zum Kauf laufen dem Vernehmen nach gut. Dennoch die Frage aus dem Publikum, wie man das alles schon planen könne, ohne das Grundstück für den Kreisverkehr sicher zu haben. Ein Risiko. Wirkliche Alternativen zu einem Kreisverkehr gibt es nicht, weil sie alle gavierende Nachteile mit sich brächten — etwa erheblich negative Auswirkungen auf den Verkehr in der Süd-, aber auch der Kaiserstraße, wie Birgit Meyer, Anwohnerin der Kaiserstraße, vorhersagte.

Kritik hüben wie drüben

So groß der Andrang in der Gaststätte Kempchen war, so klein war die Überraschung darüber, dass dieses Projekt eine emotionale Bugwelle vor sich herschiebt. Allerdings nicht als Einbahnstraße in Richtung Politik und Verwaltung. Vorwürfe kamen aus dem Publikum auch in Richtung Initiative Kohlscheid 2020. Die versuche, alles zu verhindern, dabei solle man auch die vielen anderen Bürger hören, wurde aufs Tableau gebracht. Ein anderer echauffierte sich an die gleiche Adresse, dass es endlich mal einen Plan gebe, an dem man nun auch festhalten solle.

Sonst passiere wieder gar nichts. Oder: „Mir fehlt weiterhin eine klare Aussage der Initiative, was sie selbst will. Ich höre viel, was nicht gemacht werden soll, wo man dagegen ist, aber wo ist die eigene Vision?“ Der Fragensteller erhielt Replik von Dr. Klaus Schillings, Anwohner und Vertreter der Initiative: „Wir wollen auf jeden Fall eine Entlastungsstraße für die Südstraße, und zwar als angebundene Straße — also wo die Anlieger angebunden sind —, und wir wollen eine Stärkung des Marktes.“

Genau das sei es, filterte Schroiff heraus, das emotionale Oberziel, das alle Beteiligten verbinde: das Zentrum von Kohlscheid zu stärken. Das Problem bestehe jedoch darin, dass es so viele unterschiedliche Ansichten über die Umsetzung dieses Anliegens gebe. Den gordischen Knoten vermochte auch die Podiumsdiskussion nicht zu lösen.

Begriffsgewirr

Und auch zu diesem Thema waren zuvor viele Worte gewechselt worden: einem neuen Nahversorger. Oder Vollsortimenter? Einem kleinen Supermarkt, Einzelhandel oder einem großen Supermarkt? Schon die vielen unterschiedlichen Bezeichnungen, die die Diskussion durchwaberten, sorgten für Kritik aus dem Publikum und führten zu der Frage, worüber man denn jetzt eigentlich spreche. Die Meinung der politischen Vertreter aber einhellig: Ein großer Supermarkt sei kein Thema.

„Das wäre der Tod der kleinen Geschäfte“, sagte Bruno Barth (UBL). Maria Pütz, Einzelhändlerin in der Südstraße, exemplarisch für das, was bei den Beteiligten offenbar konsensfähig ist: kleiner Einzelhandel am Langenberg Ja, Einkaufszentrum Nein. Die großflächigen Einzelhändler seien nacheinander alle abgezogen, erklärte Bernd Fasel (Grüne). Der letzte (Kaiser’s) sogar, obwohl man ihm die Miete geschenkt habe. Insofern sei die Diskussion darüber obsolet, weil kein Händler dieser Art mehr an den Standort wolle. Ein Einzelhandel, warf Manfred Fleckenstein (SPD) ein, spiele im Moment sowieso keine Rolle, deshalb sei er auch nicht in den Bebauungsplan mit aufgenommen worden.

Im Großen und Ganzen und im Detail

Am 10. Oktober steht nun eine offizielle, freiwillige Bürgerinformationsveranstaltung auf dem Plan, an der dann auch Vertreter der Stadtverwaltung teilnehmen werden und sich den Fragen von Mittwochabend sicher stellen müssen. Spannend wird, wie ausführlich die Antworten dort ausfallen. Übrigens nicht nur zur großen Planung, sondern auch auf Detailfragen, die den Bürgernerv im Zweifel aber heftig treffen können: Auf die Forderung eines Besuchers, „die Pflastersteine am Markt sollten unbedingt entfernt werden“, gab es tosenden Applaus und „Bravo“-Rufe.

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