Würselen: Gedenkstunde: Namen der Opfer im Totengebet genannt

Würselen: Gedenkstunde: Namen der Opfer im Totengebet genannt

Glockengeläut zu ungewöhnlicher Stunde. Sieben Kerzen, Synonym jüdischen Glaubens, leuchten auf dem Altar der katholischen Kirche St. Sebastian, leise Orgelmusik. „Es war mehr als Kristall, das zu Bruch ging, in der Nacht und am Tag vor 75 Jahren, als die Synagogen brannten in diesem Land, ein Pogrom sich über Städte und Dörfer zog.

Es waren Menschenleben, die zerbrochen und ausgelöscht wurden. Jüdische Menschenleben“, stimmte Pfarrer Rainer Gattys auf eine Stunde des Gedenkens an die Opfer des nationalsozialistischen Terrors ein. Er erinnerte daran, dass diesem verhängnisvollen Geschehen schon andere Ereignisse vorangegangen waren: Verbrennung von Büchern, Verbot von Komponisten und Musik, Entfernung von Bildern und Skulpturen aus Museen.

„Der Himmel unter der Erde“

„Der Rassenwahn machte vor nichts Halt, weder vor Geschäften, Wohnungen, Gotteshäusern, der Kunst, nichts war mehr heilig, auch die Friedhöfe wurden geschändet, die Namen der Toten ausgelöscht.“ Unter dem Leitwort „Der Himmel unter der Erde“ stellte Gattys die Orte der letzten Ruhe in den Mittelpunkt des Gedenkens, illustriert durch aussagekräftige Fotos von Friedhöfen in Würselen und in Berlin-Weissensee auf der Leinwand.

Die Geschichte der beiden Würselener Anlagen skizzierte Heimatkundler Rolf Rüland. Der Friedhof „An der Wambach“ in Weiden wurde 1839 von der dortigen jüdischen Gemeinde erworben. War aber schon vorher als Begräbnisstätte für verstorbene Juden aus Haaren und Würselen genutzt worden. Zwei Gedenksteine ließ die Stadt Würselen dort aufstellen, die nicht nur an jüdische Tote, sondern auch an 23 sowjetische Zwangsarbeiter erinnern, die ebenfalls dort ihre letzte Ruhestätte fanden.

Nach der Verlegung des jüdischen Bethauses 1855 von Weiden zum Lindenplatz wurde (vermutlich) von 1856 an einer bis heute abgelegenen Parzelle in Morsbach der unter Denkmalschutz stehende jüdische Friedhof angelegt. Die letzte Beerdigung fand dort 1939 statt.

Nach der fast vollständigen Zerstörung in der Zeit des Nationalsozialismus wurden die meisten der noch vorhandenen Grabsteine nach dem Ende der Schreckensherrschaft wieder aufgestellt. Eigentümer ist der Landesverband der jüdischen Gemeinde von Nordrhein-Westfalen. Die Stadt Würselen, private Personen und Institutionen haben die Pflege und Instandhaltung des Friedhofes an der Steingasse übernommen.

Von den 60 jüdischen Bürgern, die einst in Würselen lebten, verließen manche ihre Heimat und retteten damit ihr Leben, verloren — so Gattys — aber ihr Zuhause. 23 von ihnen entkamen dem Naziterror nicht und wurden ermordet. Im Gedenken an sie wurden die Stolpersteine verlegt.

Da sie kein Grab haben, auf die nach jüdischem Brauch ein Stein im Gedenken an sie niedergelegt werden kann, wurden sie von Marlene Rüland und Maria Berthel auf dem Altar von St. Sebastian niedergelegt, ein Stein für die namenlosen Opfer des Holocausts durch Pfarrer Gattys. Zuvor wurden sie bei ihrem Namen „gerufen“.

Musikalisch umrahmt wurde die stilvolle Stunde des Gedenkens durch Betttina Herbst (Querflöte) und Volkmar Michl (Orgel).

(ehg)
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