Herzogenrath: Fünfmal Zivilcourage auf 500 Metern

Herzogenrath: Fünfmal Zivilcourage auf 500 Metern

Dass sie sich selbst hätte in Gefahr bringen können, darüber hat Christa Reuss keine Sekunde nachgedacht. Und es ist ja auch gut gegangen. Bis auf einen geschwollenen Knöchel ist die 58-Jährige glimpflich davongekommen, als sie dazu beitrug, einen Taschendieb zu stellen.

Christa Reuss wohnt in Herzogenrath An der Wurm gegenüber dem Möbelhaus. Sie stand gerade auf ihrem Balkon im zweiten Stock, um Ausschau nach ihrem Besuch zu halten. Es war Mittagszeit, eine alte Dame ging langsam auf der leeren Straße entlang, in der einen Hand die Handtasche, in der anderen einen Einkaufsbeutel. „Auf einmal denke ich: Was macht denn der Typ da hinter der Frau? Warum wird der immer schneller?“, erzählt Christa Reuss. Sie sitzt, eine knappe Woche später, wieder auf ihrem Balkon, blickt auf den Tatort.

Als der Mann — ein 33-jähriger Stolberger, wie sich später herausstellen wird — seitlich hinter der 81-jährigen Frau nach deren Taschen greift, schaltet Christa Reuss sofort, schreit: „Hilfe! Polizei! Rufe jemand die Polizei!“ und rennt quer durch die Wohnung, durch den Flur, die zwei Treppen runter auf die Straße. Irgendwo auf dem Weg dorthin muss sie umgeknickt sein, wie und wo, weiß sie nicht mehr. „Ist nicht schlimm“, sagt sie und winkt ab. „Ich kühle.“

Durch ihr Rufen wird ein Ehepaar auf den Vorfall aufmerksam, das an der nächsten Ecke wohnt und gerade vom Einkaufen zurückgekehrt ist. Während die Frau die Polizei anruft, rennt der Mann, ein 54-jähriger Niederländer, hinter dem Täter her.

Als Christa Reuss unten angelangt ist, ist sie zunächst ratlos, wohin der 33-Jährige gerannt sein könnte. Und von dem Ehepaar weiß sie auch noch nichts. Sie hätte es also theoretisch mit dem Dieb alleine aufnehmen müssen. „Ich habe immer nur an die arme Frau gedacht“, sagt Christa Reuss. Wiedererkannt hätte sie ihn auf jeden Fall, beide Arme tätowiert, im Nacken ebenfalls, so etwas falle in Herzogenrath auf.

Rechts oder links? Ihre Intuition täuschte sie nicht — oder sie hatte einfach nur Glück — links runter war die Richtung, die der Täter eingeschlagen hatte. Die Kirche im Rücken, an der Bushaltestelle an der Schütz-von-Rode-Straße, lagen Tasche und Beutel. Direkt vor den Füßen eines Mannes, der dort auf der Bank auf den Bus wartete. Der habe nur teilnahmslos dreingeblickt. „Wo isser hin?“ habe sie gefragt und schnell die Sachen der alten Dame an sich genommen.

„Ja, da war einer, der hat die Taschen einfach fallen lassen“, lautete die lapidare Antwort. Christa Reuss hält sich damit nicht lange auf und läuft weiter. Am Jugendzentrum der Pfarre St. Gertrud wird sie Zeugin einer fast filmreifen Szene: Zwei Männer in einem Auto sehen die Verfolgungsjagd auf dem Gehweg und lenken kurzerhand den Wagen in den Eingangsbereich des Jugendzentrums HOT. Und tatsächlich gelingt es ihnen so, den 33-Jährigen zu stoppen. Rund 500 Meter vom Tatort entfernt.

Sie halten ihn fest, bis die Polizei eintrifft, Christa Reuss nimmt ihm das Portemonnaie und den Schlüsselbund, den er aus der Tasche der 81-Jährigen gestohlen hat, ab.

„Alleine hätte ich den Täter gar nicht fassen können“, sagt die 58-Jährige. „Das war ein glückliches Zusammenspiel von mehreren Menschen, die beherzt eingegriffen haben.“ Eigentlich sollte Zivilcourage eine Selbstverständlichkeit sein, meint sie, „aber ich glaube, dass das leider nicht der Fall ist. Viel leichter ist es, den Kopf abzuwenden und zu sagen: ,Was geht mich das an?‘“

Die beiden jungen Männer begleiten die sichtlich erschütterte alte Dame bis aufs Polizeirevier, fahren sie nach dem Erstatten der Anzeige auch nach Hause. „Die arme Frau hat gezittert. Die hat noch nie in ihrem Leben jemanden angezeigt und wollte erst nicht mit aufs Präsidium“, erzählt Christa Reuss. Sie habe sie beruhigt und ihr gesagt, dass das schnell erledigt sei.

„Was das alles noch für Folgen hätte haben können . . .“, überlegt Christa Reuss heute. Die alte Dame hätte nicht ins Haus gekonnt, man hätte einen Schlüsseldienst rufen und die Schlösser austauschen müssen, damit der 33-Jährige sich nicht auch noch Zutritt zur Wohnung hätte verschaffen können. Von der Neuanschaffung aller Ausweise und dem Verlust des Bargeldes einmal ganz abgesehen. „Der Täter wollte sich bei der Seniorin entschuldigen“, erzählt Christa Reuss. „Aber die antwortete nur: ,Hau bloß ab.‘ Der weiß gar nicht, was er der Frau angetan hat.“

Bei dem Stolberger scheint es sich um einen Ersttäter zu handeln, wie die Polizei auf Nachfrage dieser Zeitung sagte. Das Strafverfahren gegen ihn laufe, er sei aber auf freiem Fuß. Vermutlich habe er die Gelegenheit, die sich ihm bot, ausnutzen wollen.

Als „Heldin“ sei sie bislang nicht in Erscheinung getreten, sagt Christa Reuss. Es habe sich einfach bislang nicht ergeben, dass sie irgendwo hätte zu Hilfe eilen müssen. Weder in ihrem Job beim Friedhofsamt der Stadt, noch privat. Und auch wenn ihre Tochter mit ihr geschimpft habe — „Mama! Was da alles hätte passieren können! Der Mann hätte ja bewaffnet sein können!“ — sie würde es heute genauso wieder machen.

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