Frauenwahlrecht Würselen

Dokumentation über Kampf der Würselenerinnen: Vor 100 Jahren für Frauen stark gemacht

Würselener Frauen der ersten Stunde. Der Geschichtswerkstatt Würselen und der Gleichstellungsbeauftragten der Stadt Würselen ist etwas ganz Großes und Einzigartiges gelungen.

Eine akribische Dokumentation über das aus heutiger Sicht fast unglaubliche Wirken und Engagement von Würselener Frauen, die sich vor genau 100 Jahren für die Rechte der Frauen stark gemacht und für das Frauenwahlrecht gekämpft haben. Herausgekommen ist zum Jahrestag des Jubiläums „100 Jahre Frauenwahlrecht“ in Deutschland nicht nur eine sehr ausdrucksstarke und damit unbedingt anzuschauende Ausstellung im Kulturzentrum Altes Rathaus, die jetzt in festlichem Rahmen eröffnet wurde, sondern auch die 100 Seiten starke Publikation der Geschichtswerkstatt und des Kulturarchivs „Schlaglichter – Geschichten und Geschichte aus Bardenberg, Broichweiden & Würselen“, die sich ausschließlich dem Thema Frauenwahlrecht widmet. Vorgestellt wurde an diesem Abend ein Stück Demokratiegeschichte der Stadt Würselen.

Idee geboren

Die Idee zu diesem Projekt hatte die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Würselen, Silke Tamm-Kanj, anlässlich des Jahrestages der Einführung des Frauenwahlrechts. In der Geschichtswerkstatt Würselen, die jetzt ein Jahr „alt“ geworden ist, fand sie Mitstreiterinnen und Mitstreiter.

Achim Großmann, Vorsitzender der Geschichtswerkstatt, und Silke Tamm-Kanj, zeigten sich beeindruckt von der Resonanz an diesem Abend, der alte Ratssaal platze förmlich aus allen Nähten. Doch die vielen Interessierten, unter ihnen Bürgermeister Arno Nelles und die Landtagsabgeordnete Eva-Maria Voigt-Küppers und viele Ratsvertreter, wurden nicht enttäuscht: „Sie werden heute Abend teilhaben an einem denkwürdigen Ereignis und einem stolzen Jubiläum der Demokratie. Besonders schön ist es, dass dieses Projekt auch Familiengeschichten wieder lebendig werden lässt“, sagte Tamm-Kanj. Der Vorsitzende der Geschichtswerkstatt Achim Großmann zeigte sich zurecht stolz über das Erreichte: „100 Jahre Frauenwahlrecht – Die Würselener Frauen der ersten Stunde ist unser erstes großes Projekt. Was wir angestrebt haben, hat geklappt: Mitglieder unseres Vereins haben in einer Projektgruppe ein heimatgeschichtliches Thema aufgearbeitet, zu dem es bisher keinerlei Erkenntnisse gab.“ Es folgten viele Monate akribischer Detailarbeit. „Am Anfang hatten wir wenige Namen aus früheren Recherchen zu den 1920er Jahren in Würselen. Ende März 2018 hatten wir 22 Namen – aber noch keine biografischen Daten und kein Foto. Und oft kannten wir keine Vornamen: Da stand dann nur Ww. Peter Birk – Ehefrau Franz Schäfer oder so ähnlich.“ Anfang April wurde gemeinsam mit der Gleichstellungsbeauftragten Silke Tamm-Kanj eine Projektgruppe wurde ins Leben gerufen. Und das jetzt präsentierte Ergebnis ist eindrucksvoll: „Nach acht Monaten hatten wir 35 Frauen identifiziert, von 28 Frauen mindestens eins, oft mehrere Fotos, viele biografische Informationen und viel Wissen über das Geschehen in den 1920er Jahren in unserer Stadt.“ Großmann nannte die ausschlaggebenden Dinge für diesen Erfolg: Umfangreiche Recherche in Archiven, Zeitungen, Adressbüchern und die „fantastischen Möglichkeiten“, die wir durch die Nutzung der Familienforschungsseite Familienbuch-Euregio hatten. Hinzu kommen „unser generationenübergreifendes Netzwerk und die tiefe Verwurzelung einiger Projektgruppenmitglieder in der Bevölkerung unserer Stadt – wobei das Team des Kulturarchivs Würselen unter der Leitung von Heinz Josef Küppers uns hervorragend unterstützt hat.“

Ins Jahr 1919 mitgenommen

„Wie sah es in Würselen aus im Jahr 1919?“ fragte Silke Tamm-Kanj, und gab gleich die Antwort. Sie nahm ihre Zuhörerinnen und Zuhörer mit in das Jahr 1919. Bei der Wahl zur Nationalversammlung im Januar 1919 kandidierte in Würselen noch keine Frau. Dies änderte sich jedoch schlagartig, auch zu ihrer Überraschung: „Bei den Ende 1919 stattfindenden Kommunalwahlen gab es auch hier Frauen, die politisch aktiv waren, sich engagiert haben und sich aufstellen ließen, bereit waren, politische Verantwortung zu übernehmen, trotz Anfeindungen, Spott und sicherlich auch Hohn. Und viel mehr Frauen als wir anfänglich vermutet haben.“ Diese Ausstellung zeige eine bisher verborgene starke Seite Würselens, „die weibliche Seite in der damaligen Politik“! Die Projektgruppe der Geschichtswerkstatt hat 35 Frauen ausfindig gemacht, die von 1919 bis 1933 bei den Kommunal- und Kreistagswahlen kandidierten. Es gab zehn Ratsfrauen, vier Kandidatinnen, die aber leider nicht gewählt worden sind. Weitere 21 waren in Ausschüssen, Parteien oder politischen Gremien aktiv.

Tamm-Kanj: „Der heutige Abend ist diesen Frauen gewidmet, stellt sie in den Mittelpunkt und soll zugleich ermutigen für unsere demokratischen Grundwerte – der Gleichberechtigung und Gleichstellung von Frauen und Männern einzutreten, das Wahlrecht aktiv zu nutzen und Frauen in politischen Ämtern zu stärken. Wir haben viel erreicht, aber die Chancengleichheit von Frauen und Männern in unserer Gesellschaft ist in vielen Bereichen noch nicht erfüllt, daher müssen wir weiterhin für den gesellschaftlichen Fortschritt und gleichberechtigte Teilhabe kämpfen“.

Frauen seien immer noch in Führungspositionen unterrepräsentiert, verdienen weniger Bruttostundenlohn als Männer, sind Opfer von Gewalt. Silke Tamm-Kanj: „Diese Ausstellung zeigt, dass nichts einfach so kommt. Wir hoffen, dass die Geschichte und die hier ausgestellten Frauenbiographien Kraft geben, die Rechte, die wir haben, zu nutzen und wertzuschätzen.“

Die Schauspielerin Ingeborg Meyer lass zu dem Thema Ernstes und Erheiterndes für den Kampf um das Frauenwahlrecht, Prof. Dr. F. Lummer und Dr. Frank Carpentier entführten mit Songs und Musik in die 1920er Jahre.

Zu sehen ist die Ausstellung im Kulturzentrum Altes Rathaus bis zum 9. März 2019; Führungen werden angeboten von der Geschichtswerkstatt Würselen und der Gleichstellungsbeauftragten. (ro)

(ro)
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