Herzogenrath: Flüchtlingsschicksale bewegen die Helfer der Tafel

Herzogenrath: Flüchtlingsschicksale bewegen die Helfer der Tafel

Neulich passierte es wieder, die Gefühle waren stärker, Waltraud Lecher nahm Reißaus. Ins Büro, zu ihrem Mann. Um den Tränen freien Lauf zu lassen. Innehalten. Luft holen. Weitermachen. In den zehn Jahren ihres sozialen Engagements hat die zweite Vorsitzende der Herzogenrather Tafel viel erlebt, schwere Schicksale kennen gelernt, Trost gespendet, Wege gewiesen und Hilfen vermittelt.

Doch in der jüngsten Zeit übersteigen manche Schilderungen das emotional Fassbare. Wie der stockende Bericht einer Mutter, die mit ihren vier Kindern unter Lebensgefahr aus Syrien flüchten musste, nachdem der Ehemann verhaftet worden war. Traumatisiert von Kriegsereignissen und Strapazen der Flucht muss sie nun ihr neues Leben im fremden Land meistern. Ob sie ihren Mann jemals wiedersehen wird? Sie selbst glaubt es nicht. Menschen wie Waltraud Lecher und deren Mann Dieter sind nicht nur dieser Syrerin zur Zuflucht geworden.

Kunden aus 25 Nationen

Die weltweiten Flüchtlingsströme haben auch das Leben am Schürhof 8 verändert, Adresse der Tafel seit November 2009. Bis zu 70 Prozent der Kunden haben mittlerweile Migrationshintergrund, 25 Nationen kommen da zusammen. Und viele der Hilfesuchenden müssen Schreckenserlebnisse aus Krieg und Vertreibung verarbeiten.

„Wir sind alle Menschen“, sagt Tafel-Vorsitzender Dieter Lecher. Sich gegenseitig zu unterstützen, muss da Programm sein. Ebenso wie der gegenseitige Respekt voreinander. „Unseren Kunden soll man nicht ansehen, dass sie Hilfeempfänger sind“, sagt er. „Unsere Messlatte ist: Die Würde des Menschen ist unantastbar.“

Als es um eine neue Bleibe für die Tafel ging, die vor Jahren in den Räumen des Pfarrzentrums St. Gertrud aus allen Nähten platzte, hatte er deswegen bewusst Ausschau gehalten nach einer Immobilie, die zentral und dennoch etwas versteckt gelegen ist.

Ein wenig Geborgenheit und Schutz vor den Blicken Außenstehender — für die Menschen, die sich das Nötigste fürs Leben aus eigenen Mitteln nicht mehr leisten können. Der ehemalige Sitz einer Elektrofirma bot sich an, schnell war der Vertrag unter Dach und Fach, Vermieter Hans Lentz kam und kommt den Tafel-Machern in vielerlei Hinsicht entgegen.

Für zwei Euro einen Tagesbedarf an Lebensmitteln decken zu können — für viele Menschen in Herzogenrath ist dieses Angebot der Tafel unverzichtbar geworden. Rat und Hilfe in allen Lebenslagen inklusive.

Und das Netz der Spender aus der großzügigen Kaufmannschaft ist eng geknüpft. „Zum Glück“, sagt Waltraud Lecher. Denn nur so kann über das Notwendigste hinaus auch schon einmal Süßes für die Kinder oder Schokolade für besondere Gelegenheiten herausgegeben werden („Lindt ist einer unserer Hauptsponsoren.“)

Dennoch ist die Tafel eine Einrichtung, die aus eigener Kraft existieren muss, auf Spenden (Sparkasse Aachen, IBAN: DE 52 3905 0000 1070 5205 54; BIC: AACSDE33XXX) und Sponsoren genauso angewiesen ist wie auf den unternehmerischen Weitblick des Vorsitzenden. Aktionen wie die Fünf-Euro-Tüten-Initiative der Rewe-Märkte (bis 15. November) sind da ebenso wertvoll wie Zuwendungen der örtlichen Rotarier oder der Baesweiler Lions. Mit einem durch Werbung finanzierten Transporter fährt ein eingespieltes Fahrer-Duo die Supermärkte ab, um stets reichlich einzusammeln. Viel aufzuladen hat auch Dieter Lecher, wenn er die gespendeten Waren aus den Bäckereien abholt. Und am 18. Dezember beginnt die Weihnachtskistenaktion.

Der gute zwischenmenschliche Kontakt ist den Lechers überall wichtig. Dass mittlerweile Unternehmen weit über Herzogenrath hinaus zu den Spendern gehören — wie ein Betrieb aus Baden-Württemberg, der regelmäßig eine Euro-Palette Hygieneartikel liefert — sowie die Anfragen von Firmen in der Vorweihnachtszeit, was sie für die Tafel tun können, spricht für den unermüdlichen Einsatz der Eheleute. Der gilt nun verstärkt auch den Flüchtlingen. Apropos: Warme Winterkleidung brauchen die jetzt ganz besonders ...

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