Alsdorf: Fahrt in Bankfiliale: War der Linienbus manövrierunfähig?

Alsdorf : Fahrt in Bankfiliale: War der Linienbus manövrierunfähig?

Einen Tag, nachdem ein Bus im Filialleiterraum der Bank am Mariadorfer Dreieck zum Stehen kam, lautet die einhellige Meinung: Das hätte auch ganz anders ausgehen können. Sowohl, was die Zahl der Verletzten anbelangt, als auch den Schaden am Gebäude.

Normalerweise sind zwischen der Kreuzung und dem Nahversorgungszentrum um diese Uhrzeit, gegen 18.30 Uhr, noch viele Fußgänger anzutreffen.

Am Freitagmittag standen Bankangestellte in der recht zugigen Filiale, durch die sich ein Trümmerfeld aus Glas, Dämmmaterial, Stahlbeton, Mauerwerk und Büromöbelresten zieht. „Eine halbe Stunde vorher hatten wir noch geöffnet“, sagt eine Angestellte. Nicht auszudenken, wenn in dem Filialleiterbüro, das auch für Beratungszwecke genutzt wird, gerade ein Gespräch stattgefunden hätte.

Der Baufachberater und Statiker des Technischen Hilfswerks (THW), Dr. Ing. Helmut Heuser, war Donnerstagabend vor Ort. Der Ehrenamtler aus Düren, der beruflich als Baumanagementleiter einer Forschungsanstalt tätig ist, wird gerufen, wenn wie in diesem Fall unklar ist, ob das Gebäude einstürzen könnte. Schäden solchen Ausmaßes erlebt er, wie er am Freitag am Telefon sagt, durchschnittlich einmal im Jahr.

„Man konnte zunächst nicht erkennen, ob der Bus das Haus an der Stelle stützt, wo er einen Träger getroffen hatte“, erklärt der 57-Jährige. Die Restkonstruktion erschien in den Augen des Bauingenieurs aber tragfähig. Es gebe zwar immer eine rein statische, rechnerische Tragfähigkeit, dazu käme dann aber die „Dummheit des Materials“ wie Heuser es mit einfachen Worten umschreibt.

Als Beispiel nannte er das Fachwerkhaus in Hergarten. Damals, im Jahr 2014, war ein Lkw in die Ecke eines Wohnhauses gerast. Normalerweise hätte das das Haus zum Einsturz bringen können oder müssen. „Aber Fachwerkhäuser halten mehr aus als sie dürften.“ In Mariadorf handelt es sich aber um Stahlbeton mit Mauerwerk. „Wäre der Bus hier nur zwei Meter weiter auf die Ecke geprallt, hätte das ganz anders ausgesehen.“

So konnte Heuser der Feuerwehr „mit kleinem Restrisiko“ sagen, der Bus könne geborgen werden, bevor provisorische Stützen eingesetzt und das Loch mit Holzverkleidung geschlossen wurde. Gegen 23 Uhr waren alle Arbeiten beendet. Am Morgen darauf durften die unmittelbar darüberliegenden Praxisräume wieder genutzt werden, die Bewohner, deren Wohnungen etwas von der Straße zurückversetzt liegen, durften bereits am späten Abend zuvor wieder zurück.

Für Montag hat die Bank einen Sachverständigen beauftragt, die Schadenshöhe am Gebäude zu ermitteln, noch am selben Tag sollen die Aufräumarbeiten und Instandsetzungsmaßnahmen beginnen. Vonseiten der Polizei wird alleine der Schaden am Gebäude auf über 100.000 Euro geschätzt.

Man sei darum bemüht, die Geschäftsstelle so schnell wie möglich wieder zu öffnen, hieß es vonseiten der VR Bank. Der Raum mit den Bankautomaten kann weiter genutzt werden, für alles andere verweist das Kreditinstitut auf die Filialen an der Rathausstraße, in der Broicher Siedlung und in Linden-Neusen.

Die Unfallursache ist nach wie vor unklar, sagt die Pressestelle der Polizei unterdessen auf Nachfrage. Zeugen sagten nur übereinstimmend, dass der Bus der Linie 220 „schlitternd“, „recht zügig“ beziehungsweise „schnell“ von der Jülicher Straße links auf die Eschweiler Straße abgebogen war. Dort touchierte er den Bordstein, fuhr in den Gegenverkehr und prallte frontal in die Wand des Eckhauses, in dem sich unten eine Bank, oben eine Zahnarztpraxis und Wohnungen befinden. Die Busfahrerin, zwei der fünf Insassen und ein Autofahrer, der auf der Eschweiler Straße unterwegs war, wurden verletzt. Der Bus riß ein rund 3,50 Meter breites und drei Meter hohes Loch in die Wand, ragt anderthalb Meter in den Beraterraum hinein.

Am Unfallort hieß es, die Busfahrerin sei unerfahren gewesen. Das wollte Polizei-Sprecher Paul Kemen weder bestätigen noch dementieren. Die Frau habe sichtlich unter Schock gestanden, so viel könne er sagen. Die Polizei habe nun in Absprache mit der Staatsanwaltschaft einen Sachverständigen eingeschaltet. Er soll klären, ob der Bus in einem technisch einwandfreien Zustand war oder ob eine technische Ursache für den Unfall vorlag. Dass der Bus möglicherweise manövrierunfähig war, hatte die 42-jährige Fahrerin aus Geilenkirchen in einer ersten Aussage angegeben.

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