Herzogenrath: „Fahrenheit 451“: Eindrucksvolles Spiel mit dem Feuer

Herzogenrath: „Fahrenheit 451“: Eindrucksvolles Spiel mit dem Feuer

Pyrotechnik, Videoinstallationen und Darsteller, die sich unter das Publikum mischen — das klingt wie eine nur auf Effekte ausgelegte Geschichte, die sich so auch im Privatfernsehen abspielen könnte. Doch weit gefehlt. Unter künstlerischer Leitung von Tanz- und Theaterpädagogin Nicole Jacobi wurde Ray Bradburys ewig junge Dystopie „Fahrenheit 451“ durch den Literaturkurs der Europaschule Herzogenrath in ein neues Gewand gepackt.

Eine wirklich packende, dramatische und multivisuelle Aufführung erlebten die Gäste im Forum der Schule.

Dreh- und Angelpunkt der Geschichte ist der Feuerwehrmann „451“ (Christian Hoppe), der — entgegen unserem Verständnis von Feuerwehrleuten — für die Verbrennung von Büchern zuständig ist. Er scheint ein einfacher Geist zu sein, doch unter der Oberfläche steckt viel mehr. So beginnt er nach einem Treffen mit der etwas anderen, aber sehr attraktiven und anziehenden Clarisse (Maike Jungen), über sich, sein Tun und sein Leben nachzudenken. Auch sein Beruf steht plötzlich im Fokus seiner Gedanken, die vorher immer davon beseelt waren, mit dem Titel Feuerwehrmann ja die von Großvater und Vater begonnene Familientradition fortzusetzen.

Seinen Gegenpart findet „451“ aber nicht in seiner Frau (Isabell Gawron), die wie ein Abklatsch der Gesellschaft, in der beide leben müssen, wirkt: oberflächlich, fade, lenkbar und unverrückbar mit dem System verbunden. Vielmehr findet „451“ seinen Widerpart in dem Feuerwehrhauptmann „666“ (brillant in Szene gesetzt von Darya Montebassem), der sich zunächst als strenger Ziehmeister seiner Getreuen gibt.

Doch unter der Oberfläche von „666“ brodelt ein Feuer, das sich nicht nur durch das zur ständigen Angewohnheit gewordene Schnippen mit dem Sturmfeuerzeug Bahn bricht. Vielmehr konfrontiert der Hauptmann seinen Untergebenen mit Büchern, zeigt ihm seine Bibliothek. Es stellt sich heraus, dass der Hauptmann selbst vom Bücherliebhaber zum Bücherhasser wurde, aber seine Bücher wohl kaum abgeben will.

Der Feuerwehr, die in diesem von Francois Truffaut 1966 auch verfilmten Buch eine Hauptrolle spielt, wurde im Vorfeld der Aufführung natürlich auch die Möglichkeit zu geben, sich mit ihrem Element Feuer auseinanderzusetzen. „Die Institution Feuerwehr wird in Fahrenheit 451 als staatliches Kontrollinstrument missbraucht und hat ein diktatorisches Negativimage“, sagt Nicole Jacobi.

Die Wehr trägt zum Gelingen bei

Umso toller fand sie es, dass die Jungs von der Feuerwehr Herzogenrath sich gleich für die auch filmische Umsetzung als Teil des Theaterstücks erwärmen konnten. Denn sie spielen nicht nur die für eine Projektion während des Stücks benötigten Wehrleute im Film. „Neben dem alltäglichen, dem Gemeinwohl unserer Gesellschaft dienenden Tätigkeitsfeld der heutigen Feuerwehr, zeigt sie durch die Beteiligung an der Aufführung an einem solch gesellschaftskritischen Stück, dass sie gerade mit der Feuerwehr von Ray Bradbury absolut nichts gemeinsam hat, sondern vielmehr auch für die Meinungsfreiheit voll einsteht“, so Jacobi.

Die Umsetzung auf der Bühne und die ständig am Rande der Zuschauerränge mitlaufenden Filme und Sequenzen — mit dem didaktischen Leiter der Schule, Jens Klein, den professionellen Filmern Kai Gusseck und Conar Crowe, — sowie Pyrotechniker Marc Speer forderten zwar viel Aufmerksamkeit vom Publikum.

Aber dank der überragenden Umsetzung, die sich auch in kleinsten Details wie der scheinbar nebensächlichen Musik, die unter anderem auch von Max Richter stammte, oder den eingefärbten Bühnenszenen in Rot für Gefahr und Konflikt, Grün für den richtigen Weg und Weiß für die bloße Darstellung der Dystopie widerspiegelte, wurden die einzelnen Bausteine zu einem unvergleichlichen Großen. So konnte es nur viel Lob und Beifall geben, den die begeisterten Gäste an diesem heißen Abend gerne spendeten.

(mabie)
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