1. Lokales
  2. Nordkreis

Baesweiler: Erst einmal die eigene Identität klären

Baesweiler : Erst einmal die eigene Identität klären

„Wer sind wir, wenn wir uns Europäerinnen und Europäer nennen?” Für den Aachener Mittelalter-Forscher Prof. Dr. Max Kerner ist dies eine zentrale Frage, die noch immer nicht hinreichend beantwortet sei.

Das zeige die derzeitige Diskussion um die mögliche Aufnahme der Türkei in die Europäische Union, das zeigten auch Phänomene wie die Kopftuchdebatte.

„Europa und der Islam” - so lautete der Titel des Vortrages, den der TH-Professor auf Einladung des Baesweiler Geschichtsvereins im Pfarrheim von St. Petrus hielt. Schon vor geraumer Zeit mit Alexander Lohe, dem rührigen Vorsitzenden des Geschichtsvereins, abgesprochen, hatte das Thema durch die Umstände eine unverhoffte Aktualität erhalten.

Kerner erinnerte im Verlauf seines Vortrages unter anderem an die „Ringparabel” in Gotthold Ephraim Lessings „Nathan der Weise”, in der die eigentliche Urreligion hinter ihre verschiedenen Erscheinungsweisen zurücktritt und sich schließlich nicht mehr davon unterscheiden lässt. Der Historiker verwies auch auf den Katalanen Raimundus Lullus (1232-1316), der gleichfalls für den Dialog von Islam, Judentum und Christentum eingetreten sei. Auch der - unlängst verstorbene - Philosoph Hans-Georg Gadamer habe eine Verständigung mit dem Islam eingefordert.

Müsse das Kopftuch als ein religiöses Symbol, als ein Unterdrückungszeichen oder bloß als Kopfschmuck aufgefasst werden? Die Debatte darum zeige, wie religiöse Kulturen in einer laizistischen Gesellschaft bestünden. „Es steht nicht gut um unsere kulturelle Identität!”, befand der Professor und beklagte, dass selbst Kirchenvertreter nicht immer glaubhaft Überzeugendes zum Wesen des Christentums von sich geben könnten.

„Sofort entflammbar”

Andererseits werde der Islam auch dazu benutzt, eine „Hassindustrie gegenüber dem Westen” aufzubauen. Dabei gehe es nicht um die Inhalte des Korans, sondern um „Material, das in gewissen Konstellationen sofort entflammbar” sei. Es gehe nicht an, dass Imame eingeflogen würden, die überhaupt kein Deutsch könnten. Kerner: „So kann Gesellschaft nicht funktionieren.”

Skepsis sei angesagt bei Argumenten, eine zur europäischen Union gehörende Türkei würde eine Brücke in die arabische Welt schlagen, warnte der Historiker. Die Erinnerung an das osmanische Reich sei nämlich bei den Arabern nicht unbedingt positiv besetzt. Zudem sei die EU mehr als eine wirtschaftliche Vorteilsgemeinschaft.

„Eigentlich ist alles bekannt, was ich hier erzähle - wir tun es nur nicht”, räumte Kerner ein und verglich die Verständigungsbemühungen mit der antiken Gestalt des Sisyphos, der immer wieder den selben Felsblock den Berg wieder hinaufrollen muss.

Der TH-Professor beklagte „die Unkultur des Wegschauens”. Die Debatte müsse vielmehr offensiver geführt werden. Das griff nach Ende des Vortrages ein Zuhörer aus Alsdorf auf. Sadi Ünal, im Jahre 1995 Mitgründer des türkischen Kulturvereins in Baesweiler, lud die Anwesenden für einen späteren Zeitpunkt zu einer Tasse Tee ein - um Missverständnisse zwischen den Kulturen zu klären und auszuräumen.

Ein Beispiel hatte er gleich parat: Wenn jemand in Deutschland neu in eine Hausgemeinschaft hinzuziehe, so müsse er sich den anderen Nachbarn vorstellen. In der Türkei sei das genau umgekehrt. Da werde der Neuling von den anderen eingeladen. Wenn man die Gepflogenheiten in der Kultur des jeweils anderen aber nicht kenne, komme es nie zu einem gegenseitigen Kennenlernen.