Nordkreis: Ende des Kohledeputats: Bergleute hängen immer noch an Kohle

Nordkreis: Ende des Kohledeputats: Bergleute hängen immer noch an Kohle

Adolf Zalejski steigt auch mit 83 Jahren noch regelmäßig die steile Treppe in den Keller hinab, um Kohlen in eine Metallschütte zu schaufeln und ins Wohnzimmer zu bringen. Dort steht der Festbrennstoffofen, mit dem er das ganze Haus in Alsdorf-Kellersberg heizt. Und diese beschwerliche Art der Wärmeerzeugung will der alte Bergmann auch fortsetzen, wenn Ende 2018 die Tradition des Kohledeputats endet.

Die IGBCE und die Ruhrkohle AG haben sich im Tarifvertrag darauf geeinigt, das Deputat für ehemalige und (noch) aktive Kumpel auslaufen zu lassen. Im Jahre 2019 soll es noch eine Einmalzahlung geben. Dann ist Schluss. Hintergrund: Die Steinkohleförderung in Deutschland läuft mit der Schließung der letzten Zeche im Ruhrgebiet aus. Dann werden sich die ehemaligen Kumpel im Aachener Steinkohlerevier, die derzeit noch mit Kohle heizen, entscheiden müssen, ob sie sich anderweitig diesen fossilen Brennstoff besorgen oder ihre Heizungen umstellen. Laut Gewerkschaftssekretär und IGBCE-Bezirksvorstandsmitglied Kevin Flesch beziehen derzeit noch 377 Kumpel Deputatkohle.

Kohlelieferung anno dazumal erlebten 2001 Besucher des Tages der offenen Tür beim Bergbaumuseumsverein in Alsdorf (oben). Der Kellersberger Adolf Zalejski will auch weiterhin mit Kohle heizen (unten links). Das möchte auch der ehemalige Kohlenhändler Willi Güldenberg aus Warden. Foto: Karl Stüber

Früher bekam der ehemalige Kumpel Zalejski vom Arbeitgeber 120 Zentner Anthrazit pro Jahr. „Da zählten ja auch noch die Kinder mit.“ Jetzt sind es noch 50 Zentner, die mittlerweile ein Händler aus Hückelhoven bringt. Damit komme er ganz gut hin. Zur Not könne er sich ja Kohlepakete aus dem Baumarkt holen oder Holz verfeuern. Und nach dem Ende des Deputats? „Dann noch die Heizungsanlage groß umzubauen, lohnt sich für mich nicht mehr. Das ist mir zu teuer“, sagt er und lacht. „Außerdem geht von dem Kohleofen eine richtig wohlige Wärme aus.“ Und wenn die Leistung des Zentralofens nicht mehr ausreichen und es zu kalt werden sollte, könne er ja eine Elektroheizung zuschalten. „Ich werde schon noch weiter Kohlen bekommen, hat mein Lieferant versprochen“, sagt Zalejski. Das wird dann Importkohle sein. 43 Jahre lang hat der ehemalige Kumpel „auf“ Sophia Jacoba in Hückelhoven unter Tage gearbeitet. 1992 ist er nach Alsdorf in ein altes Bergarbeiterhaus des EBV gezogen.

Über 60 Jahre hat Willi Güldenberg diese Kohlewaage genutzt. Foto: Sevenich

Mit Pferdewagen unterwegs

Willi Güldenberg hat mit seinem Vater Josef noch Kohle mit dem Pferdewagen ausgeliefert. Nach der Volksschule fing er als 14-Jähriger im elterlichen Betrieb an. Der 81-Jährige aus Alsdorf-Warden hat sein Gewerbe erst am 31. März 2016 abgemeldet. Gegründet wurde der kleine Betrieb vom Vater im Jahre 1929 in Langweiler (Gemeinde Aldenhoven) — als zweite Erwerbsquelle neben der Landwirtschaft. Noch gut kann sich der Sohn daran erinnern, wie nach Ende des Zweiten Weltkriegs schwere Lkw der Amerikaner anrollten, um auf den Lagerplatz des Betriebs Kohle zu kippen. „Mein Vater musste direkt weitermachen, um die Versorgung der Bevölkerung aufrechtzuerhalten.“ Die Menschen seien sogar mit Handwagen gekommen, um die überlebenswichtige Kohle zu holen.

1968 zog die Familie nach Alsdorf-Warden. Willi Güldenberg hatte wie schon sein Vater zwei Jobs, weil er von der Kohle allein seine Familie nicht ernähren konnte. Er arbeitete als Gabelstapelfahrer bei Talbot in Aachen. Der erste motorgetriebene Auslieferungswagen war ein Borgward. „Ich durfte wegen der wichtigen Kohlelieferungen nach einer ärztlichen Untersuchung auf Eignung schon mit 17 Jahren den Führerschein machen“, erzählt er. In den Hochzeiten des Kohlehandels belieferte er Kunden nicht nur in Alsdorf, sondern auch in Übach-Palenberg und Aachen, brachte dort die schweren Säcke sogar bis auf den Speicher. Die heute 71-Jährige Ehefrau Käthe füllte die Säcke mit dem schwarzen Gold, wenn Not am Mann war. Auch die Söhne Jürgen und Arnd unterstützten ihn. Zuletzt half der Enkel. Bezahlt wurde in der Regel bar. Mit Überweisungen hat Güldenberg keine guten Erfahrungen gemacht, sagt er. Und natürlich heizt er hauptsächlich noch immer mit Kohle oder Holz, wenn er es günstig bekommt. Die schon längst im Haus installierte Gasheizung springt nur an, wenn es zu kalt werden sollte.

Wie viele Zentner er in seinem langen Arbeitsleben als Kohlehändler geschultert hat, weiß Güldenberg nicht. Es müssen etliche Tausend gewesen sein. Ging das nicht zu Lasten der Gesundheit? „Rückenschmerzen kenne ich nicht. Auch jetzt nicht“, sagt er. Richtiges und regelmäßiges Tragen der schweren Kohlesäcke haben offenbar die Muskulatur derart gestärkt, dass die Knochen nicht zu sehr leiden mussten.