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Eurode: Einmaliges Projekt: Praktikum beim Nachbarn

Eurode : Einmaliges Projekt: Praktikum beim Nachbarn

Gut möglich, dass Reinier Smeets seine Bewerbungsmappen für den gewünschten Ausbildungsplatz in der Kfz-Branche demnächst auch mit deutschen Adressen versieht. Der niederländische Schüler des Kerkrader College Rolduc hat jüngst für zwei Wochen in den Berufsalltag auf deutscher Seite hinein geschnuppert.

Und zwar im Rahmen eines bisher einmaligen Projektes, an dem sich 16 Schüler der neunten Jahrgangsstufen des College Rolduc und der Kohlscheider Erich-Kästner-Hauptschule beteiligten. Jeweils zu zweit absolvierten die Schüler ihre Praktika, unter anderem in einem Frisörbetrieb, in einer Tischlerei und im Kohlscheider Seniorenpark. Das Ungewöhnliche: Für einen von beiden war es täglich ein Besuch im Nachbarland.

„Zeitalter von Eurode”

Als „Schritt ins Zeitalter von Eurode” begrüßte Barbara Ertel-Angerhausen, Konrektorin der Hauptschule, diesen beruflichen Grenzgang. „Wir wollen Jugendlichen mehr berufliche Perspektiven eröffnen und das Miteinander unserer Städte und Schulen fördern.”

Nach gemeinsamen Lernprojekten zu den Themen Nationalsozialismus und Bergbau waren die Praktika der nächste ehrgeizige Schritt.

„Mandy vorgeschickt

Einer, der schon ein wenig Mut von den Schüler forderte. So bei Virginia Eschweiler. Strähnchen färben, Haare waschen oder den Boden putzen - alles kein Problem für die Herzogenratherin, die zwei Wochen Praktikantin in einem Eygelshovener Frisörsalon war. Bloß bei Gesprächen mit den Kunden war sie unsicher, „da hab ich immer die Mandy vorgeschickt”.

Und Mandy Arends, ihre Praktikumskollegin und neue Freundin aus den Niederlanden, half gern als Dolmetscherin aus. „Alleine”, resümiert Virginia Eschweiler ihre insgesamt positive Erfahrung, „hätte ich mir ein Praktikum in Holland nicht zugetraut.”

Mit Händen und Füßen

So sehen es auch ihre Mitschüler, die von den Sprachkenntnissen ihrer beruflichen Teamgefährten profitierten. Manche versuchten sich gern in der Sprache des anderen - wenn nötig auch mit Händen und Füßen -, manche scheuten ein wenig davor zurück.

Reinier Smeets gehörte ganz klar zur ersten Gruppe. „Richtig fasziniert” ist der hoch gewachsene Schüler von der deutschen Sprache, in der er sich beim Praktikum ganz nebenbei geübt hat. Im Autohaus Bähr hat er Ölstände kontrolliert, beim Reifenwechsel geholfen und gelernt, dass die ihm bekannte „Hebebrücke” für Fahrzeuge in Deutschland „Hebebühne” genannt wird. Nicht nur für ihn war das Praktikum Neuland.

Zweifel ausgeräumt

„Zunächst waren wir aufgrund der Sprachbarriere skeptisch”, erinnert sich Thomas Ebert, Betriebsleiter des Autohauses, an den Start. Doch schnell waren die Zweifel ausgeräumt, hatte Reinier Smeets durch Tatkraft überzeugt. Gern würde der Schüler eine Ausbildung in Kohlscheid beginnen. Ausgeschlossen ist das nicht. „Für uns zählt Qualifikation”, bekräftigte Thomas Ebert, „nicht die Herkunft.”

Ein niederländisches Ausbildungsmodell erleichtert den beruflichen Start im Nachbarland in besonderer Weise. Möglich ist beispielsweise, die Praxis in einem deutschen Betrieb zu erlernen und ein Berufskolleg im Heimatland zu besuchen. Für deutsche Schüler gilt dies - noch - nicht. Auch hier mehr Miteinander zu realisieren, will das Projekt der beiden Schulen weiterhin antreten.

Besondere Vision

Eine besondere Vision nimmt am Horizont bereits Formen an: Die Gründung einer gemeinsamen Schule. „Wir überlegen sehr laut”, sagt Barbara Ertel-Angershausen.

Fest steht indes, dass im November erneut grenzübergreifende Praktika stattfinden werden. Um den in Roda üblichen Grenzgang noch ein Stück selbstverständlicher zu machen.