Alsdorf/Aachen: Ein „unbeendeter” Mordversuch

Alsdorf/Aachen: Ein „unbeendeter” Mordversuch

Er stach am 18. Februar 2010 abends auf einem Spielplatz in Hoengen bis zu 18 Mal auf seine schwangere Frau ein. Ein Handyanruf ihrer Freundin rettete ihr das Leben.

Der Täter, ihr Ehemann Rainer E. (28), wurde für diese Tat im September 2010 zu zehn Jahren Haft wegen versuchten Mordes verurteilt.

Obgleich E. seiner Frau schwerste Verletzungen zufügte, sie ihr Kind verlor und nur durch ein Wunder, wie die Richter feststellten, überlebte, ging der Facharbeiter aus Alsdorf beim Bundesgerichtshof (BGH) gegen das Urteil der 1\. Schwurgerichtskammer am Aachener Landgericht in Revision. Der Täter, also Rainer E., so die Revisionsbegründung, sei nach dem Handyklingeln von dem Mordversuch „zurückgetreten”, wie es juristisch heißt.

Und diese spontane Besinnung eines Täters, dieses Ablassen vom Opfer, ist in der deutschen Rechtsprechung „strafbefreiend”, er kann dann nicht mehr wegen eines heimtückischen Mordes verurteilt werden.

Das heißt nicht, dass er gar nicht verurteilt wird. So sprachen am Mittwoch die Richter der 2\. Aachener Schwurgerichtskammer unter Vorsitz von Wolfgang Diewald ein Urteil wegen schwerer, gefährlicher Körperverletzung aus. Nach Abwägung aller Gründe gegen und für den Angeklagten ist er jetzt in der neuerlichen Entscheidung mit acht Jahren Haft besser davongekommen. Diewald folgte den Erkenntnissen des BGH. Danach werteten die Bundesrichter wie die Aachener Kammer die Tat als „unbeendeten” Mordversuch. E. habe im Moment des Handyklingelns von seinem Opfer abgelassen. Er habe auch nicht den Eindruck gehabt, alles getan zu haben, um seine Tötungsabsicht bis zum Ende zu vollenden.

Richter Diewald ließ keinen Zweifel daran, dass die schrecklichen und noch heute zu Spätfolgen führenden Verletzungen der zweifachen Mutter (29) nicht aufzuwiegen seien. Diewald erklärt, dass das Geständnis des Angeklagten letztlich nicht ausreichend von Reue und Einsicht getragen sei. „Wir haben den Eindruck”, so der Vorsitzende in der Urteilsbegründung, „der Angeklagte beschönigt einige Tatsachen. Aber vielleicht kann er auch nur seinen Gefühlen keinen richtigen Ausdruck geben.”

Der Angeklagte hatte damals seiner Frau unterstellt, sie sei von einem anderen schwanger. Ein Test stellte zunächst überhaupt keine Schwangerschaft fest. Trotzdem kaufte sich Rainer E. ein 30 Zentimeter langes Küchenmesser und verschwand für einige Tage. Dann rief er seine Frau an und bat um eine Aussprache an besagtem Spielplatz in der Nähe ihrer Wohnung.

Beide Seiten verzichteten auf weitere Rechtsmittel, das Urteil ist ab sofort rechtskräftig.

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