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Alsdorf: Ein Philips-Schicksal: „Unsere Welt ist kaputt”

Alsdorf : Ein Philips-Schicksal: „Unsere Welt ist kaputt”

Industriepark Rothe Erde, 27. Januar 1987, die Nachtschicht beginnt. Orhan Tiz ist nervös. Sein erster Arbeitstag beginnt. Er hat einen Sechs-Monate-Vertrag bekommen, ist „einer der wenigen Glücklichen, die bei LG Philips anfangen dürfen”.

Für den 21-jährigen Türken, der seit 1978 in Deutschland lebt, beginnt „ein beruflicher Traum”. Dieser endet am 2. Dezember 2003 abrupt: Werksleiter Christoph Klaus verkündet der gut 1000 Mann starken Belegschaft die Katastrophen-Nachricht. Das Bildröhrenwerk macht dicht. Mitte nächsten Jahres. Aus, vorbei.

Der Alsdorfer Orhan Tiz, heute 38 Jahre alt, hat „bis zuletzt gehofft”, dass sich die seit langem kursierenden Gerüchte vom Aus für den Produktionsstandort in Aachen nicht bewahrheiten würden. Vergeblich.

Auslaufmodell

Das Schwesterwerk in Tschechien produziert billiger, und neue Flachbildschirm-Technologien auf Flüssigkeitskristall-Basis machen die in Rothe Erde hergestellten Kathodenstrahlröhren mehr und mehr zum Auslaufmodell. Orhan Tiz war selbst in Tschechien. „Zwei Wochen lang habe ich dort das Werk mit aufgebaut und Leute angelernt.”

Orhan Tiz hat sich in den fast 17 Jahren bei Philips „so richtig hoch gearbeitet”: Ohne echte Berufsausbildung qualifizierte er sich - wie so viele seiner Kollegen - betriebsintern kontinuierlich weiter, machte eine „multifunktionale Tätigkeitsausbildung”, wurde Leiter von Arbeitsteams, stieg zum Schichtleiter als Meister-Vertreter und sogar Produktionsmeister auf. Zurzeit arbeitet er im Prozess-Engeneering, wertet am PC Produktionsdaten aus, sorgt dafür, dass Produktionsfehler vermieden oder behoben werden. Noch.


































Seine Kündigung hat Orhan Tiz noch nicht bekommen. Die kommt bis zum Jahresende, heißt es. Zum Jahresende, an dem Güler Tiz, seine 33-jährige Frau, ihr drittes Kind erwartet. Es wird ein Mädchen. Güler Tiz macht sich große Sorgen: „Um unsere Kinder, unser Haus, unser Auto.” Beim Einkaufen überlegt sie „zweimal, ob wir uns das noch leisten können”, seit die Hiobsbotschaft vom Philips-Aus kam. „Unsere Welt ist kaputt.”

Was ist mit den Söhnen Dogan (14) und Ennis (9)? Reicht bald das Geld noch für so einfache Dinge wie das heiß geliebte Fast-Food bei McDonalds? Ist das Haus, das Familie Tiz 1999 kaufte, noch zu halten? Was ist mit dem vier Monate alten Wagen? „Im Moment des ersten Schocks bin ich zum Händler gefahren und habe gefragt, ob er das Auto zurücknimmt”, sagt Orhan Tiz, den Existenzangst und ein Gefühl von Hilflosigkeit plagen.

Wie kann er nach „dem Tag, von dem keiner dachte, dass er je kommen würde”, für seine Familie sorgen? Kommt er in eine Auffanggesellschaft? Kann er eine Umschulung machen? Orhan Tiz „weiß, dass auf dem Arbeitsmarkt meistens nur Leute mit Berufsabschluss gesucht werden”, und fürchtet die drohende Arbeitslosigkeit. „Ein Job bei Cinram (vormals Warner, d. Red.) beispielsweise - das wärÕs”, sagt Orhan Tiz. „Ich mache aber jede Arbeit, bin nicht wählerisch.” Dem Arbeitsamt will er „nicht auf der Tasche liegen, so lange ich zwei gesunde Hände habe”.

Die Suche nach einem neuen Arbeitsplatz hat der 38-Jährige bereits am heimischen Internet-PC begonnen, fündig geworden ist er noch nicht. Ohnehin will er erst einmal „mit der Familie ein bisschen Weihnachten feiern” und die Geburt seines Töchterchens abwarten. Und wenigstens die Gedanken daran machen Orhan Tiz in diesen bitteren Tagen „so richtig happy”.