Herzogenrath: Dieter Kohnen setzt sich für die rechte Behinderter ein

Herzogenrath: Dieter Kohnen setzt sich für die rechte Behinderter ein

Dieter Kohnen will über die Straße. Minutenlang wartet er, endlich winkt eine freundliche Fahrerin. Kohnen rollt beherzt los — und kommt bis zur Straßenhälfte. Ein Lkw brettert noch schnell und gefährlich nahe vor ihm vorbei. Dann bremst auch hier ein Wagen. Kohnen ruppelt weiter übers Kopfsteinpflaster — bis zum Rinnstein.

Der erscheint zwar nicht besonders hoch, doch der Elektrorollstuhl braucht seine ganze Power, um Senke samt Bordstein zu überwinden. Das dauert. Unterdessen staut sich der Autoverkehr.

Lange Wunschliste

Dieter Kohnen bremst andere buchstäblich aus, zwangsläufig Tag für Tag. Er kann nicht anders. Manchmal will er auch gar nicht anders, immer dann, wenn es um die Rechte Behinderter geht. Wenn er Verantwortlichen ins Bewusstsein rufen will, wo leicht zu beseitigende Hindernisse ihm und Leidensgenossen das Leben schwer machen. Deshalb engagiert er sich, sitzt als Mitglied des Behindertenforums unter anderem im Bau- und Verkehrsausschuss.

Wohlgemerkt: Die geschilderte Straßenszene spielte sich nicht etwa auf der Bundesstraße 57, sondern mitten in Kohlscheid ab. Auf dem Markt, da, wo doch eine gewisse „Aufenthaltsqualität“ herrschen soll. Wie wichtig die nunmehr konkret angestoßene, aber schon seit Jahrzehnten angestrebte städtebauliche Umstrukturierung samt Osttangente hier ist, wird am Beispiel „Rollifahrer“ besonders deutlich. Der Bau eines Radschnellwegs über Herzogenrath nach Kerkrade wird zurzeit ebenfalls heiß diskutiert. Aber was ist mit jenen, die gar nicht schnell können? Die froh sind, wenn sie es stressfrei über eine Fahrbahn schaffen?

Immerhin: ein Vorschlagsrecht für Maßnahmen im Volumen für rund 45.000 Euro jährlich hatte das Behindertenforum, bevor das Haushaltssicherungskonzept (HSK) griff, erläutert dessen Sprecherin Anne Fink. Absenkungen von Bordsteinen stehen ganz oben auf der eingereichten Wunschliste. Vieles ist vor allem in Herzogenrath auch schon auf den Weg gebracht worden — aber noch lange nicht genug, finden die Forumsmitglieder. Zwar wird jede neue Straßenquerung behindertengerecht ausgebaut, aber die Nachrüstung älterer Kreuzungen ist überfällig — da teuer.

Und das HSK weist Grenzen auf. Ebenso die Baupreise. Als 2013 die Ausschreibung für die gewünschten Absenkungen erfolgte, seien die Preise sprunghaft gestiegen, sagt Anne Fink. Die Folge: Die Maßnahmen seien vertagt worden — und das Vorschlagsrecht fürs vergangene Jahr war vertan gewesen, wie Dieter Kohnen bedauert.

Seit 16 Jahren sitzt er im Rollstuhl. Ein Schicksal, wie es jeden treffen kann. Ihn riss eine Aorten-OP aus dem bisherigen Leben. „Es könne zu Komplikationen kommen, hatte man uns gesagt“, erinnert sich Ehefrau Henrica Kohnen auch an den seinerzeitigen Optimismus ihres Mannes. Doch nach der OP war nichts mehr wie vorher. „Das Leben ändert sich nicht nur für den Betroffenen, sondern auch in gleichem Maße für die Angehörigen — und den Freundeskreis“, führt Dieter Kohnen vor Augen.

Nichts mehr geht mal eben so. Etwa mal kurz aufs Klo gehen. Das „stille Örtchen“, auf das eigentlich jeder ein Anrecht hat, ist daher ein weiteres großes Thema im Behindertenforum. Zwar wird in jedem Stadtteil — auch auf Initiative des Forums — ein barrierefreies WC vorgehalten. Doch halten diese den Anforderungen stand? Dieter Kohnen macht mit seinem E-Rolli gleich einmal den Praxistest in Kohlscheid: Seit kurzem ist das WC-Häuschen hinter der Bushaltestelle am Markt wieder zugänglich. Dieter Kohnen hat einen Euro-Schlüssel, den man bei der Stadt beantragen kann.

Das Schloss ist leicht zu bedienen, doch die schwere Stahltür aufzuziehen und gleichzeitig hinein zu rollen ohne Hilfe unmöglich. Ebenso das Rangieren im engen Innenraum. Zudem fehle eine Ablage, und der einzige Haken an der Wand ist vom Rollstuhl aus nicht zu erreichen. Überdies lässt sich die Tür nicht verriegeln, gibt es auch kein „Besetzt“-Zeichen. Das Schloss lässt sich jederzeit von außen öffnen, selbst wenn von innen abgeschlossen wurde und der Schlüssel steckt. Als „stilles Örtchen“ ist der quadratische Bau somit glatt durchgefallen.

Dauerbrenner-Thema

Dieter Kohnen lässt sich durch so etwas aber nicht unterkriegen. Und weiß unter anderen Anne Fink als beharrliche Mitkämpferin an seiner Seite. Im Schatten von Burg Rode, dem Wahrzeichen der Stadt Herzogenrath — die jedoch für Behinderte in Eigenregie trotz aller Bemühungen immer noch unerreichbar ist. Auch ein Dauerbrenner-Thema der unermüdlichen Forumsmitglieder...

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