Die Tafeln im Nordkreis verzeichnen mehr Kunden und Bedürftige

Altersarmut großes Problem : Tafeln im Nordkreis haben alle Hände voll zu tun

Sie unterstützen die Menschen, die nicht genug Geld haben, um sich viele Lebensmittel zu kaufen: Die Tafeln im Nordkreis. Vor allem Altersarmut beschäftigt die Hilfsorganisation. Mehr Senioren lassen sich als Kunden registrieren.

Die Tafeln im Nordkreis haben alle Hände voll zu tun. Viele Menschen sind auf die Unterstützung der Lebensmitteltafeln angewiesen, um genügend Essen auf den Tisch zu bekommen. Die Tendenz ist steigend, so heißt es von Verantwortlichen der Hilfsorganisationen im Nordkreis. Der bundesweite negative Trend, den der Dachverband der Tafeln in Deutschland kürzlich bekannt gab, spiegelt sich also auch in der Region wider. Demnach gab es in Deutschland 2018 rund 1,65 Millionen Tafel-Kunden und damit zehn Prozent mehr als im Vorjahr. Vor allem der Anteil der Senioren steige.

„Es wird immer schlimmer. Die Zukunft sieht nicht gut aus“, sagt Diakon Joachim Stümpel, der in St. Castor den „Alsdorfer Tisch“ betreut, ein Pendant zur Tafel. „Wir merken schon deutlich, dass mehr ältere Menschen zu uns kommen“, sagt er. Mehr als 600 Personen seien beim Alsdorfer Tisch registriert, ergänzt Angela Wöllenweber, die unter anderem für die Kundenadministration zuständig ist. „Ich würde schätzen, dass sich im Laufe des Jahres etwa zehn bis 15 Prozent mehr Menschen angemeldet haben, die vor allem von einer kleinen Rente leben oder Grundsicherung beziehen.“ Altersarmut und Krankheit sind laut Diakon unter anderem die Gründe der Alsdorfer, den Tisch aufzusuchen. „Wenn wir sehen, mit wie wenig Geld die Menschen auskommen müssen, die ihr Leben lang hart gearbeitet haben, dann ist das ein Schlag ins Gesicht“, sagt er. Problem sei nicht allein das fehlende Einkommen, um im Leben auszukommen, sondern auch die Folgen daraus. „Die Isolation aus der Gesellschaft und die daraus resultierende Anonymität ist für die Betroffenen sehr schlimm.“ Um der steigenden Nachfrage gerecht zu werden, sucht der Alsdorfer Tisch noch Ehrenamtler, die helfen, die Kunden zu versorgen.

Auch in Würselen zeigt sich Ursula Best, Vorsitzende der dortigen Tafel, überrascht von den vielen Senioren, die die Hilfe aufgrund von Altersarmut in Anspruch nehmen (müssen). „Bei der Neuaufnahme von Kunden ist mir das vor allem in diesem Jahr stark aufgefallen, dass viele Senioren dabei sind“, sagt sie. Genaue Zahlen konnte Best nicht nennen, insgesamt würden in Spitzenzeiten rund 120 Kunden wöchentlich die Tafel aufsuchen.

Auch die Zahl von Nutzern im Kindes- und Jugendalter wächst. Ihr Anteil liegt laut Dachverband der Tafeln bei knapp einem Drittel. Hier setzt die Würselener Tafel an. „Mir ist es ein wichtiges Anliegen, vor allem die Kinder aus der Armutsspirale zu holen, und das geht am besten mit Bildung“, sagt Best. Förderangebote wie Nachhilfe, sportliche Aktivitäten wie Schwimmkurse und musisch-kulturelle Kurse können die Kinder besuchen. Finanziert wird dies durch einen Flohmarkt, der an jedem ersten Samstag im Monat an der Aachener Straße veranstaltet wird. Zehn Prozent der Kosten müssen die Eltern tragen, um unter anderem das Pflichtgefühl an der regelmäßigen Teilnahme zu gewährleisten.

Für die Zukunft wünscht sich Best vor allem Gespräche über die Regelung zur Verwertung von Lebensmitteln, die das Mindesthaltbarkeitsdatum überschritten haben. „Wir unterliegen dem Veterinäramt und dürfen abgelaufene Ware nicht ausgeben. Dabei sind die Lebensmittel noch gut. Es geht auch darum, nichts wegzuwerfen, was noch verwertet werden kann.“

Anders als seine Kollegen will Dieter Lecher, Vorsitzender der Herzogenrather Tafel, die Aussage zum Anstieg der Kunden, wie vom Dachverband beschrieben, nicht bestätigen. Konkrete Zahlen möchte er nicht nennen. „Ich verzeichne sowohl Abgänge als auch Zugänge. Viel wichtiger als die Zahlen sind doch der Mensch und das Gefühl. Wir wollen für die Kunden da sein, sie auf andere Gedanken bringen. Das sollte im Vordergrund sein.“ Rund 1000 Menschen (Familienmitglieder wurden hier einzeln gezählt) versorgt die Tafel in Herzogenrath, der Migrantenanteil sei hoch, sagt Lecher. „Ich würde mir wünschen, dass es bald keine Tafeln mehr geben muss“, sagt der Ehrenamtler. Vor allem der Staat sei gefragt, die Menschen vor der Altersarmut zu schützen. „Es muss ein anderer Betrag der Grundrente, basierend auf anderen Kriterien, errechnet werden. Gerade die älteren Menschen brauchen mehr Geld, um für sich zu sorgen.“ Laut Lecher versorgt die Tafel in Herzogenrath jeden siebten bis achten Armen in der Stadt. Die Tafeln könnten nur unterstützen, das Problem der Armut aber nicht lösen. „Ich bin seit 15 Jahren dabei. Wir machen weiter, weil es sinnvoll ist und es noch keine andere Lösung gibt.“

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