Brände in Alsdorf: Die Folgen der Taten am Englerthring

Brände in Alsdorf : Die Folgen der Taten am Englerthring

Innerhalb von zwei Wochen brennt am Englerthring in Alsdorf zwei Mal dasselbe Haus. Nun stehen ein Mann und eine Frau vor Gericht. Sie müssen sich wegen 33 versuchten Morden verantworten.

Andreas P. macht nicht den Eindruck, als wenn er wüsste, mit wem er es am Aachener Landgericht zu tun hat, er plaudert einfach mal ein bisschen drauf los und sieht mal, was passiert. Mal erzählt er dies, mal erzählt er jenes, und bevor ihm fürs Erste das Wort abgeschnitten wird, duzt er gar den Richter. Doch der Richter, mit dem Andreas P. es zu tun hat, ist Roland Klösgen (60), Vorsitzender des Schwurgerichts und eher nicht dafür bekannt, seine Verfahren im Plauderton zu führen. „Wenn Sie mich das nächste Mal duzen, kostet das 500 Euro. Klar?“ Andreas P. schaut auf den Tisch vor der Anklagebank. „Ob Sie das verstanden haben, will ich wissen?“, fährt ihn Klösgen an, da nickt Andreas P. und verzieht das Gesicht.

Seit Montag müssen sich Andreas P. (45) und Martina R. (38) am Aachener Landgericht wegen achtfacher gemeinsamer Brandstiftung in Alsdorf im Januar und Februar und vor allem wegen 33 versuchten Morden verantworten. Allem Anschein nach haben weder Andreas P. und noch Martina R. so recht begriffen, was für sie auf dem Spiel steht. Entscheidet Richter Klösgen tatsächlich, dass einer oder beide des versuchten Mordes schuldig sind, droht theoretisch eine lebenslange Haftstrafe.

Erst gestehen, dann abstreiten

Am 20. Januar und am 3. Februar brannte jeweils dasselbe Mehrfamilienhaus mit 48 Mietparteien am Englerthring 3 in Alsdorf, beide Male wurden große Notarzt-, Polizei- und vor allem Feuerwehreinsätze erforderlich. Beide Male, so sieht es die Aachener Staatsanwaltschaft, haben Andreas P. und Martina R. die Brände gemeinschaftlich gelegt, obwohl sie bis zu ihrer Festnahme am 21. Februar selbst im dritten Stock des Hauses am Englerthring gelebt haben.

Jeden Abend kontrollierten Andreas P. und Martina R. in den Fluren des Mehrfamilienhauses, ob die Fenster geschlossen waren. Dabei sei Andreas P. in der Nacht des 20. Januar nach großem Ärger mit einer früheren Lebensgefährtin aus Wut spontan auf die Idee gekommen, den Sperrmüll im Hausflur anzuzünden. Er sprach von einer „Kurzschlusshandlung“. Da der Müll nicht sofort Feuer gefangen habe, seien Andreas P. und Martina R. wieder hoch in die gemeinsame Wohnung gegangen. Erst als der Rauch schon in den Fluren stand, habe er die Feuerwehr gerufen, sagte Andreas P.

P. nahm am Montag die alleinige Schuld für die meisten angeklagten Brandstiftungen auf sich, insbesondere für den Brand am 20. Januar. Nachdem er auch die Brandstiftung am 3. Februar gestanden hatte, widerrief er in der Verhandlung sein Geständnis. Er habe die Matratzen im Keller des Hauses am 3. Februar doch nicht angezündet. Klösgen lachte und riet ihm, sich mit seiner Verteidigerin zu beraten. P. blieb bei seinem Widerruf.

Urteil am 16. September

In jedem Fall waren beide Angeklagte bei allen Taten einigermaßen stark alkoholisiert, nicht zum ersten Mal. Martina R., eine vom Leben und vom Alkohol gezeichnete Frau, befand sich in einer Entziehungskur, als sie Andreas P. 2017 übers Internet kennenlernte. Obwohl P. noch in einer Beziehung lebte, wurde sie von ihm schwanger und gebar, kurz bevor sie zu ihm nach Alsdorf zog, im Mai 2018 ihr viertes Kind. Auch dieses Kind wurde, wie schon ihre drei anderen, in eine Pflegefamilie gegeben. Andreas P., der mit drei Frauen fünf Kinder zeugte, hat die Tochter, die Martina R. vergangenes Jahr zur Welt brachte, noch nie gesehen.

Martina R. stammt aus dem Elbe-Elster-Kreis im Süden Brandenburgs, Andreas P. wuchs hörbar in Berlin auf. Beide sind weder vorbestraft noch hatten sie in ihrem Leben jemals mit der Polizei zu tun. P. arbeitete zuletzt als Lagerist und hat eigenem Bekunden nach noch nie Sozialhilfe in Anspruch genommen.

Für die Bewohner des Hauses hatten die Brände am 20. Januar und am 3. Februar weitreichende Folgen. Einige mussten ins Krankenhaus, einige übernachteten in der Sporthalle der Gesamtschule in Alsdorf. Und fast alle von ihnen hatten noch Wochen später Angst, dass es zu einem dritten Großbrand kommen könnte.

Das Urteil über Andreas P. und Martina R. soll nach derzeitiger Planung des Gerichts am 16. September gesprochen werden.

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