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Kabul/Herzogenrath: „Das war ein Aufbau aus dem Nichts”

Kabul/Herzogenrath : „Das war ein Aufbau aus dem Nichts”

„Vom Hightech der Technischen Schule des Heeres in Aachen muss man sich hier schnell verabschieden”, sagt Detlef Gerth.

Der 41-jährige Hauptfeldwebel aus Merkstein ist Instandsetzungsspezialist der Bundeswehr und derzeit mit einer großen Herausforderung in Afghanistan betraut: Er ist einer der Bundeswehr-Experten, die in Kabul afghanische Soldaten schulen, Panzer zu nutzen und zu warten.

Gerth gehört zum „Embedded Training Team”, dem Teil der Internationalen Sicherheits- und Unterstützungstruppe (ISAF), der Aufbauarbeit in Afghanistan leistet. Dabei hat es der Dozent der Technischen Schule des Heeres in Aachen nicht mit modernem Kriegsgerät zu tun, sondern mit veralteten russischen Panzern vom Typ T 62.

Doch es sind in erster Linie die allgemeinen Rahmenbedingungen, die einen Start bei Null erforderlich machten. „Das war ein Aufbau aus dem Nichts”, berichtet Gerth. Der Ort des Geschehens ist eine verkarstete Stein- und Staubwüste beim deutschen Camp Warehouse östlich von Kabul. Seit einigen Monaten entsteht dort nach amerikanischem Vorbild ein Militärlager für das Zentralkorps der afghanischen Nationalarmee. Das afghanische Heer soll am Ende 70.000 Mann umfassen.

Beim Start der Ausbildung war das Gelände noch stark vermint; außer ein paar „Panzerfriedhöfen” gab es nichts. Eine Infrastruktur musste geschaffen, Munition und Ersatzteile für die öl- und spritfressenden russischen Panzer mussten beschafft werden.

Dabei sahen sich Gerth und seine Kollegen auch mit kulturellen Unterschieden konfrontiert. Nach dem freitäglichen muslimischen „Sonntag” fehlten häufig über 20 Prozent. „Das wurde erst besser, als wir den Sold um die Fehltage gekürzt haben”, erinnert sich der Hauptfeldwebel. Außerdem können etwa zwei Drittel der Afghanen nicht lesen und schreiben. Wenn sie ihr Monatsgehalt in Empfang nehmen, das zwischen 70 und 335 Dollar je nach Dienstgrad liegt, wird häufig mit Fingerabdruck quittiert.

Schließlich ging es um das Gerät selbst. Die Panzer, häufig Beutestücke von der russischen Armee aus dem Krieg bis 1989, wurden von den Afghanen als eingegrabene „Festungsartillerie” ihrem Zweck entfremdet. Heute, 22 Wochen nach Ausbildungsstart, hat sich vieles verändert. Die afghanischen Soldaten beherrschen ihr Kriegsgerät jetzt. Von selbst tragenden Strukturen ist die Truppe aber noch entfernt.

„Das Zwischenziel ist erreicht. Es wäre aber fatal, die Unterstützung jetzt einzustellen”, erklärt Gerth. Für ihn ist klar: „Wenn reduzieren, dann schrittweise.” Dabei sieht er eine moralische Verpflichtung: „Wir stellen Verteidigungskräfte auf, eine Armee, die aus dem Volk für das Volk den künftigen Präsidenten Afghanistans befähigt, die Sicherheit nach außen und innen zu gewährleisten.”

Für Detlef Gerth sind es allerdings nur noch wenige Wochen in Kabul, dann kehrt er nach Merkstein zurück. Er freut sich schon auf seine Frau und seinen Sohn. Und darauf, seinen Hobbys, vor allem dem Langstreckenlauf, wieder unbeschwert nachgehen zu können.