Alsdorf: Das Spiel ist aus für Rot-Weiß Alsdorf

Alsdorf: Das Spiel ist aus für Rot-Weiß Alsdorf

Eigentlich ist alles wie immer. Die Spieler laufen sich warm. Betreuer Tobias Theis schreibt die Mannschaftsaufstellungen in den Spielbericht. Vereinswirt Guido Erkens teilt Bierchen oder Kaffee aus. In einer lauschigen Ecke der Jupp-Lürkens-Kampfbahn im Alsdorfer Siedlungsbereich Wilhelmschacht schmust ein junges deutsch-türkisches Liebespaar.

Auch Letztere haben Interesse an diesem Fußballspiel, das gleich beginnt. Es wird das letzte des traditionsreichen Vereins sein.

Einige ältere Männer tauschen Bilder aus. Schwarz-Weiß-Fotos, die mindestens 40 oder 50 Jahre alt sind. Platzkassierer Willi Steinbusch dreht seine Runde und sammelt „ein paar Kröten“ ein. Wenn‘s hoch kommt, sind es etwa 50 Zuschauer, die sich überwiegend an die Theke des schwer in die Jahre gekommenen Vereinsheims gestellt haben.

Torsten Frings als Knirps am Ball

Mitten drin steht Josef Jansen, der Vorsitzende des sterbenden Fußball-Klubs Rot-Weiß Alsdorf. Jansen fingert noch einen Wimpel aus dem Päckchen, in dem etwa 20 Stücke dieses raren Artikels sind. Eigentlich werden die Wimpel verkauft. Aber einer, der Niederbardenberger Torwart und Mannschaftskapitän Patrick Müller, bekommt den Wimpel von seinem Alsdorfer Kollegen Ugur geschenkt. Wie Ugur mit Familiennamen heißt, wissen noch nicht mal seine Kameraden so genau. Er ist einfach in der multikulturellen Alsdorfer Fußballgemeinde integriert, der „Ugur“.

Was er in der Hand hat und gleich verschenkt, ist ein besonderes Präsent. Dann läuft das letzte Meisterschaftsspiel des SC Rot-Weiß Alsdorf. Gegen Accordia Niederbardenberg. Nach Abpfiff wird nie mehr ein Team unter dem Vereinsnamen Rot-Weiß Alsdorf auflaufen. Denn RW hatte im November beschlossen den Klub zum 30. Juni 2016 aufzulösen. Nach 68 Jahren. Der Großteil des RW-Kaders spielt künftig gemeinsam mit Zoppern und Duffesheidenern unter dem Namen VfB Alsdorf e.V.

„Natürlich tut das Ende weh, aber inzwischen bin ich auch etwas darüber hinweg“, trauert Josef Jansen nicht mehr so sehr. Er sieht nach vorne. Denn seine Rot-Weißen haben immerhin dafür gesorgt, dass der neue Klub in der Kreisliga C bleiben darf. Die Partner von Duffesheide und Zopp sind abgestiegen, RW als Vorjahresaufsteiger hielt die Klasse. Etwa 50 inaktive Mitglieder und „so um die 20 Spieler“ einschließlich Trainer Musa Dogan schließen sich von rot-weißer Seite dem VfB an.

Noch ein Jahr wird dann in der Jupp-Lürkens-Kampfbahn gespielt. In dieser Zeit saniert die Stadt das Zopper Sportgelände. Zum Saisonbeginn 2017/18 zieht der VfB endgültig nach Zopp und der Platz der Rot-Weißen wird wohl Bauland. Das alles ist auch Thema in den Gesprächen der Männer und Frauen, die sich an diesem schwül-warmen Sonntag um die Theke gestellt haben.

Gerne vermerkt der Verein auf seiner „Visitenkarte“, dass der Ex-Nationalspieler Torsten Frings seine Laufbahn als siebenjähriger Knirps bei ihm begann. Zu den herausragenden sportlichen Taten des Klubs zählte der Bezirksklassen-Aufstieg in der Saison 1960/61. Als „Sensation“ wurde 1995 das Erreichen des Halbfinales im Kreispokal neben Alemannia Aachen 2, Borussia Brand und dem VfR Würselen bezeichnet. Im Wettbewerb auf Mittelrheinebene schlug man als A-Liga-Vertreter dann den Landesligisten FC Düren-Niederau mit 2:1 und erreichte die zweite Runde.

Diese bedeutete allerdings die Endstation für den SC, der seinerzeit vom Ex-Alemannia-Stürmer Josef Poque trainiert wurde. Beim Verbandsligisten SV Marienheide verlor man 0:2. Das Spiel, ach ja, ist nicht so sehr interessant. Es endet letztlich 11: 1 für die Gastgeber, die damit in der Schlusstabelle den fünften Platz erreicht haben.

Immer wieder tauchen alte Namen in den Gesprächen und Diskussionen auf. Roland und Uwe Schössow, Franz-Willi Reinartz, Horst Auffenberg oder Wolfgang Krämer. Sie und noch einige andere sind Namen, die unmittelbar mit der schöneren Seite der Geschichte des Klubs verbunden sind. Hier, wo die Integration mit den ausländischen Mitbürgern immer aktiv gefördert wurde. Auch Behar, ein junger Vater, hat das in den letzten acht Jahren erlebt — und seine Knochen für den Verein hingehalten — inklusive Bänderriss und Bruch. Aber darüber lacht der Mann sogar noch. „Ich habe hier eine neue Heimat gefunden“, sagt er und streicht seinem kleinen Töchterchen liebevoll übers Haar.

Es wird weitergehen. Denn eigentlich bleibt alles wie immer. Die Trauer um den bald verschwundenen Verein und die Spannung sowie Erwartung, was wird kommen. Denn in jedem Ende liegt auch ein neuer Anfang.

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