Herzogenrath: Das blaue Wunder mit dem roten Faden

Herzogenrath: Das blaue Wunder mit dem roten Faden

„Ich mag Theater total gerne.“ Erwartungsvoll schaute Raphael (7) gemeinsam mit 169 anderen Kindern auf die Bühne in der Europaschule. Dort stand eine große Papierwand — bestimmt dreimal so groß wie eine aufgeklappte Tafel. Das sollte die Spielfläche von „Verflixt und zugenäht“ werden, einer Produktion, mit der das Papiertheater aus Nürnberg schon seit sieben Jahren international tourt.

Das Theaterstück für ab Fünfjährige bestand aus einem Schnittmuster. Das war ein Ausschneidebogen für das Nähmaschinen-Theater, das mal als Schattenspiel, mal als ausgeklügelte One-Man-Show die Kinder in den Bann ziehen sollte. Dazu nähten Susanne Winter, Textilkünstlerin, und Johannes Volkmann, Bildhauer, Stich für Stich Bilder. Sie entwickelten Schnitt für Schnitt Formen, erzählten Wort für Wort Geschichten.

Die verstanden gar nicht alle Kinder der Kindergärten und Grundschulen, weil es viel zu laut war. Die Unruhe der Kinder schluckte die Geschichten der Schauspieler, die sich in ihrer Spiellaune selbst in dem Moment, als ein defektes Kabel das Licht in der Aula und damit die Grundlage für das Schattenspiel nahm, nicht stören ließen.

Sollte das Theaterstück eigentlich ein Spiel rund um die Schneiderei werden, bei dem die Kinder staunend und ruhig vor der Bühne sitzen, konnte so keine Fantasie aufkommen — und die Frage blieb am Ende: „Was haben die uns da eigentlich gezeigt?“, wollte Lisa (7) wissen.

Der rote Faden sollte sein blaues Wunder erleben, hatte Johannes Volkmann noch angekündigt, und er musste am Ende gestehen, „dass wir noch nie solch eine schlechte Vorstellung hatten“.

Dabei war eigentlich schon zu Beginn des Stückes klar, dass dieser „Theaterstarter“ wieder mal mit Sorgfalt ausgesucht war. Nicht nur, dass das Papiertheater schon viele Preise erhalten hat, sondern auch die Idee, die Kinder vor der Türe abzuholen, ist wirklich prima. Die persönliche Begrüßung, die siebenjährige Elena aus dem Publikum, die kurzerhand mit ins Spiel genommen wurde, waren gute Ideen, die die Kinder mit Zwischenapplaus belohnten. Als das Licht ausging, als die beiden Schauspieler in einer fremden Halle nicht ganz schnell den Schaden beheben konnten, da gab es Buh-Rufe, die sich sofort durch die Reihen vervielfachten.

Das Ende kam unerwartet. Kaum ein begleitender Lehrer traute sich, Kritik zu üben, war doch klar, dass irgendwie alles schief gelaufen sein musste. Der Applaus am Ende des Stücks war zaghaft, aber die Kindern, die ganz vorne gesessen hatten, die riefen am Ende „Zugabe“.

„Wir hätten niemals vor 170 Kindern in so einem großen Raum spielen dürfen“, sagte Johannes Volkmann selbstkritisch.

Schon seit 1995 spielt das Papiertheater mit den bildhaften, klanglichen und theatralischen Möglichkeiten des Materials. Eine große Papierfläche ist aufgespannt und steht zwischen dem Publikum und den Spielern. Eine Leinwand, auf die gemalt und projiziert wird, in die Löcher und Fenster geschnitten und gerissen werden, aus der gefaltet und geknickte Formen entstehen. Die Inszenierung lebt durch ihre Bildsprache und kommt eigentlich ohne viel Worte aus.

Leider verschluckte die Geräuschkulisse der Kinder ganz viele mystische Nähgeräusche, aber auch Wörter der Schauspieler, weshalb vieles unklar blieb. Am Ende war das Resümee von Raphael gar nicht so schlecht: „Ich habe vieles nicht verstanden. Aber ich fand das Schnittmuster gut und die Idee mit dem Papier sowieso.“

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