Herzogenrath: Biomüll-Entsorgung im Hochsommer: Eine besondere Erfahrung

Herzogenrath : Biomüll-Entsorgung im Hochsommer: Eine besondere Erfahrung

Biomüll stinkt — je heißer es draußen ist, umso heftiger der Odor in der Tonne. „Deshalb schauen wir auch nicht rein, wenn es nicht unbedingt nötig ist“, erklärt Dirk Baumanns. Klingt logisch. Denn sieben Stunden Biomüll-Entsorgung bei deutlich über 30 Grad sind eine besondere Erfahrung.

Während Baumanns (41) — seit 2008 Fahrer und Lader bei der Regio-Entsorgung und seitdem mit seinem Kollegen Stefan Sendscheid auf einem Müllwagen in Herzogenrath unterwegs — erklärt, blickt er auf einen kleinen Bildschirm neben dem Lenkrad des Lastwagens. Darauf ist der Heckbereich des 26-Tonners zu sehen, und Sendscheid und Jens Bickel, die gerade Biotonnen zur Elektropresse des Mercedes schieben. Bickel (22) ist Azubi, will Fachkraft für Kreislauf- und Abfallwirtschaft werden. Die Touren auf dem Müllauto sind eine Station seiner Ausbildung bei der Regio-Entsorgung. Heute sammelt er eine besondere Erfahrung: sieben Stunden Biomüll-Entsorgung bei deutlich über 30 Grad.

Sie haben die Biomüll-Lage in Herzogenrath im Griff: Dirk Baumanns (41, Mitte), Stefan Sendscheid (54, r.) und Azubi Jens Bickel (22, l.) stehen am Heck ihres Mercedes Econic 2635 L. Die grünen Tonnen auszuleeren kann bei hochsommerlichem Wetter zuweilen sogar von außen recht unappetitlich sein, weil Maden- und Fliegenbefall mit steigenden Temperaturen stark zunehmen. Foto: Thomas Vogel

Drei Achsen, 260.000 Euro

Aktuell sind 35 Abfallfahrzeuge für die Regio-Entsorgung unterwegs, 14 von ihnen teilelektrifiziert. Die interkommunal über einen Zweckverband organisierte Abfallentsorgung betreibt die Regio-Entsorgung seit 2006. Damals übertrugen die Kommunen Langerwehe, Linnich, Inden und Würselen die Aufgabe an die Anstalt öffentlichen Rechts. Alsdorf und Herzogenrath kamen 2007 dazu, ein Jahr später Baesweiler, Roetgen und Simmerath. 2009 wuchs das Aufgabengebiet um Niederzier und in Sachen Altpapier um Eschweiler und Stolberg (dort seit 2015 alle Abfälle). 2015 wurde Nideggen Teil des Verbandsgebiets, 2017 kamen Monschau und Vettweiß dazu.

Im Fahrerhaus ist ein dumpfes Poltern zu hören, wenige Augenblicke später setzt der Lkw sich langsam in Bewegung. Der Müllwagen, mit dem Baumanns und Sendscheid unterwegs sind, ist ihr festes Fahrzeug. Den Mercedes vom Typ „Econic 2635 L ENA 6x2/ 4 E08“ — Baujahr 2018, 354 PS, Preis rund 260.000 Euro — haben die beiden Mitte Mai bekommen. Der Pressmüllaufbau ist besonders: Die Mülltonnen werden von einem Elektrolifter nach oben gewuchtet und ausgekippt. Damit ist der Lastwagen im Betrieb viel leiser, als die älteren Modelle, deren Lifter nicht elektrisch laufen. Wegen der Sicherheit kann Baumanns vorne nicht in den Rückwärtsgang schalten, wenn seine Kollegen hinten auf den Trittbrettern stehen. Vorwärts geht es dann nicht schneller als 30 km/h.

Wenn die Touren gegen 6 Uhr morgens im Wohngebiet starten, dann gibt es ab und zu Reaktionen aus der Bevölkerung. Manchmal meckert jemand. „Ich kann das ja auch verstehen, wenn man von der Nachtschicht kommt, schlafen will, und direkt vor dem Fenster halten wir mit dem Lastwagen“, sagt Baumanns. Auf der anderen Seite: Müll nicht entsorgen ist auch keine Lösung. Und die große Mehrzahl der Reaktionen, gerade bei diesem heißen Wetter, sind positiv. „Man glaubt gar nicht, wie oft jemand mit einem kalten Glas Wasser oder gleich einer ganzen Flasche aus dem Haus gelaufen kommt und uns etwas anbietet. Das beeindruckt mich jedes Mal.“ Von der Regio-Entsorgung bekommt jedes Team eine Kühltasche mit Wasserflaschen mit auf den Weg.

Nicht nur Pipi

Natürlich gibt es Dinge, von denen die Müllwagen-Besatzung niemals Fan werden wird. Wenn mal wieder eine Tonne umfällt zum Beispiel, und sich die Männer um die Beseitigung der Sauerei kümmern müssen. „Wenn was aus der Mülltonne fällt, dann ist es eine Windel“, sagt Baumanns. Darauf könne man wetten. „Und wir sprechen hier nicht von der Windel, wo nur Pipi drin ist.“ Auch der bei dem Wetter heftige Maden- und Fliegenbefall an und in einigen grünen Tonnen sei kein Highlight. Oder uneinsichtige und unvorsichtige Autofahrer.

Baumanns lacht. All dem zum Trotz. Dem großen, kräftigen Mann mit Glatze verdirbt das offenbar nicht die positive Einstellung zum Job. Der Spaß ist ihm bisher nur selten so richtig vergangen. Eine jener Begegnungen mit einem gedankenlosen Autofahrer auf der Geilenkirchener Straße war einmal der Grund dafür. Er war gerade aus seinem Laster ausgestiegen und auf dem Weg zum Heck des Wagens, als ein Auto ankam, dessen Fahrer irgendwas im Fahrgastraum nestelte und nicht auf die Straße schaute. „Er hat mich mit dem Außenspiegel erwischt und ist abgehauen“, erzählt er. Ein Krankenwagen kam, die Polizei, und Baumanns konnte zwei Wochen nicht arbeiten.

Geruch, Fliegen, „die körperliche Belastung für die Jungs“ — den Nachteilen der Hitze, in der die Drei unterwegs sind, steht immerhin auch ein Vorteil gegenüber: „Die Tonnen sind dann nicht so voll, weil die Leute nicht so viel im Garten arbeiten“, sagt Baumanns. Die Tour muss trotzdem gefahren werden. Die Abholung schleifen zu lassen, um die Mitarbeiter zu schonen, ist auch im Hochsommer keine Option. „Kürzere Touren können wir nicht machen, die sind durchgeplant.“ Aber zur Entlastung werde manchmal ein Auto mehr eingeplant. Spricht Baumanns und lenkt den Lkw rückwärts in eine Stichstraße — so, wie er es immer macht, wenn sich anders schlecht wieder davonkommen lässt. Es gibt sogar noch engere Straßen, die mit dem 26-Tonner gar nicht zu machen sind. Da kommt extra ein kleinerer Müllwagen.

Zweimal werden Baumanns, Sendscheid und Bickel auf der Deponie in Würselen abgekippt und Herzogenrath damit um rund 15.000 Kilo Biomüll erleichtert haben, bevor sie ihren Dreiachser am Nachmittag wieder auf dem Hof in Warden abstellen. Frisch gewaschen. In strahlendem Orange.