Nordkreis: Bazillen gegen die Raupe mit den Brennhaaren

Nordkreis: Bazillen gegen die Raupe mit den Brennhaaren

Eines Tages hatte Dieter Mertens, Baumkontrolleur der Stadt Baesweiler, sie entdeckt, die typischen faustgroßen Gespinste unterhalb der Baumkrone. Unverkennbar: Der Eichenprozessionsspinner drohte, sich auszubreiten. Sofortige Maßnahmen waren angesagt gegen die gefürchtete Raupe, die nicht nur ein fressfreudiger Baumschädling ist, sondern wegen ihrer Brennhaare auch eine erhebliche Gesundheitsgefahr für Mensch und Tier darstellt.

„Anfangs haben wir die Nester abgeflämmt“, schildert Mertens beim Ortstermin an der Aachener Straße. Dies ist zwar eine wirkungsvolle, aber auch arbeitsintensive Methode. Die Arbeiter tragen Schutzanzüge, und alle Eichenbäume müssen gründlich untersucht werden, wobei immer die Gefahr besteht, ein Nest zu übersehen. Letztlich bekomme die große Hitze des Gasbrenners dem Baum selbst nicht besonders gut.

Bildnummer: 52134898 Datum: 16.05.2007 Copyright: imago/McPHOTO/Spiering Ast mit Eichenprozessionsspinnern (Thaumetopoea processionea), Tiere; 2007, Wirbellose, Insekt, Insekten, Raupe, Raupen, Schmetterlingsraupen, Schmetterlingsraupe, Prozessionsspinner, Eichenprozessionsspinner; , quer, Kbdig, Einzelbild, Deutschland, , Natur, Europa Foto: imago/McPHOTO/Spiering

So setzt Baesweiler schon seit drei Jahren auf biologische Schädlingsprophylaxe bei seinen rund 700 städtischen Eichen — im Verbund mit den Kommunen im Kreis Heinsberg sowie Linnich im Kreis Düren. Insgesamt werden hier 5400 Bäume entlang von Verkehrsstraßen und auf öffentlichen Grünflächen behandelt.

In Reih und Glied: Bei Einbruch der Dunkelheit ziehen die Raupen des Eichenprozessionsspinners zu den frischen Blättern in die Baumkrone hinauf. Häutungen und Verpuppung erfolgen in Nestgespinsten. Dieter Mertens und Iwan Hendriks (unten v.l.) mischen die Spritzbrühe mit dem Bacillus thuringiensis, die mit einer Sprühturbine von unten ins Blattwerk geblasen wird. Foto: imago/Blickwinkel/Schwenk

„Der Eichenprozessionsspinner ist von den Niederlanden über den Kreis Heinsberg zu uns herübergekommen“, sagt Mertens. Iwan Hendriks, Mitarbeiter der niederländischen Fachfirma, die mit der Aufbringung des Biozids beauftragt ist, nickt zustimmend: „Der kennt halt keine Grenzen!“ Er verweist auf die große Erfahrung in seinem Land mit dem Schädling.

In Reih und Glied: Bei Einbruch der Dunkelheit ziehen die Raupen des Eichenprozessionsspinners zu den frischen Blättern in die Baumkrone hinauf. Häutungen und Verpuppung erfolgen in Nestgespinsten. Dieter Mertens und Iwan Hendriks (unten v.l.) mischen die Spritzbrühe mit dem Bacillus thuringiensis, die mit einer Sprühturbine von unten ins Blattwerk geblasen wird. Foto: Beatrix Oprée

Dann setzt er sich wieder auf den Traktor. Die Eichen entlang der Bundesstraße 57 sind an der Reihe: Lärmend springt die Sprühturbine an, Hendriks gibt Gas, rollt den Radweg entlang, weißer Nebel wird von unten auf das Blattwerk geblasen. Ein Durchgang reicht. Ab zur nächsten Baumgruppe. Bis in den späten Abend werden Mertens und Hendriks beschäftigt sein.

Fünf Jahre hintereinander, so erläutert Baesweilers Technische Dezernentin Iris Tomczak-Pestel, gelte es, das Biozid aufzubringen, um eine Population sicher auszurotten.

Der Eichenprozessionsspinner ist ein nachtaktiver, graubrauner Falter mit weißgrauen Hinterflügeln und einer Spannweite von 25 bis 35 Millimetern. Er besiedelt alle Eichenbaumarten. Die frisch geschlüpften Raupen sind grau und häuten sich fünfmal. Erst ab dem dritten Stadium treten die mikroskopisch kleinen Brennhaare auf, die das Nesselgift Thaumetopoein, ein Histamin freisetzendes Toxin, enthalten.

Die Berührung mit den zerbrechlichen Härchen kann eine Raupen-Dermatitis auslösen. Symptome sind Ausschläge, Schwellungen, extremer Juckreiz, Brennen und Quaddeln am ganzen Körper. Reaktionen können überdies Fieber und beim Einatmen Bronchitis, Asthma und sogar allergische Schocks sein.

Auch an den Larvenhäuten in den ab Mitte Juni gebildeten bis zu einem Meter langen Nestern findet sich eine hohe Konzentration an Brennhaaren, die leicht vom Wind weitergetragen werden. Unter anderem durch Mäharbeiten können die Haare aufgewirbelt werden.

Die vorsorgliche Bekämpfung wird daher als sinnvollste Lösung angesehen. Spritzbeginn ist Mitte Mai, wenn das dritte Raupenstadium schlüpft. Zum Einsatz kommt „Dipel ES“, eine Ölsuspension, als Spritzbrühe angesetzt und laut Umwelt-Bundesamt das zurzeit einzige zugelassene Produkt zu diesem Zweck. Wie der Kreis Heinsberg mitteilt, hat „Dipel ES“ die Zulassung der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin. 1800 Liter Spritzbrühe werden in Baesweiler benötigt, basierend auf Stämmen des Bacillus thuringiensis (BT), der seine Toxizität nur bei bestimmten Raupen, nicht aber bei Marienkäfern oder Schlupfwespen entfalte, so der Hersteller: Der Bazillus wird beim Fraß der Eichenblätter aufgenommen, er perforiert den Raupendarm, führt dadurch zum Fraßstopp und zur Vergiftung.