Baustelle an der L223 führt zu Ärger und Umsatzeinbußen

Dauerbaustelle L223 : Großer Unmut und Umsatzeinbußen

Neuer Ärger an der Dauerbaustelle Landesstraße 223: Geschäftsleute in Bardenberg verzeichnen teils dramatische Umsatzeinbußen, und Anwohner der Niederquartiere fühlen sich abgehängt.

„Huur... Baustell’!“ Keineswegs jugendfrei flucht der Mann auf dem Traktor. Aber er hat keine Wahl: Weil sein üblicher Weg über die Landesstraße 223 gesperrt ist, muss er mit seinem Gefährt samt Heuwender durch Bardenbergs enge Dorfstraße. Wenige Minuten zuvor hat hier einer seiner Kollegen einen Trecker mit Mähmaschine am Haken um zwei hintereinander geparkte Paketzusteller gezirkelt. Am anderen Ende der Straße blockiert ein Lastwagen die Fahrbahn, die Autoschlange dahinter reicht bis in die Heidestaße. „Im Moment haben wir hier verkehrsmäßig aber eigentlich Ruhe“, sagt der örtliche Ratsverordnete Heinz Viehoff (SPD) mit Blick auf die Dauerbaustelle der L223, die in die zweite Runde gegangen ist.

Seit Mitte Mai ist der Abschnitt zwischen K1 und Schulzentrum Herzogenrath fertig und freigegeben. Im Gegenzug wurde von der K1 bis Birk gesperrt. Auch alle Zufahrten an diesem Teilstück sind abgebunden. Dazu haben die Bauarbeiter sogar massive Erdwälle aufgehäuft, weil Autofahrer – die Hinweisschilder „L223 gesperrt“ geflissentlich missachtend – die Absperrgitter an der Einmündung frech zur Seite schoben, um verbotener Weise durchzufahren. „Das waren nicht wir Anwohner“, betont eine Anliegerin des Duffesheider Wegs, die das Treiben am Wochenende nach der Schließung beobachtet hat. „Die ersten Autofahrer haben die Gitter wieder zugeschoben, irgendwann aber blieb die Absperrung einfach offen.“ Überdies werde auf der nunmehr gegenverkehrfreien Straße ganz schön gerast.

„Tempo rausnehmen“

Unter anderem an zwei Kreisverkehren gleichzeitig wird seitens des Landesbetriebs Straßen NRW gearbeitet, um das Großbauprojekt bis Jahresende über die Bühne zu bringen. „Der erste Teil der neuen L223 ist gut geworden“, sagt Viehoff, der die Entwicklungen in seinem Umfeld unermüdlich im Blick hält. „Aber das Tempo muss rausgenommen werden, vor allem wegen der vielen radfahrenden Schulkinder“, findet er und fordert stärkere Kontrollen. Einen Antrag dazu hat er schon formuliert, denn: „Wer da 70 fahren darf, der fährt auch 100.“ Der neue Straßenverlauf lade dazu ein. In Herzogenrath aber bleibe das stauträchtige Nadelöhr Schütz-von-Rode- respektive Dammstraße. „Warum gibt es hier keine grüne Welle Richtung Kohlscheid?“, sagt Viehoff und ist wohl nicht der erste, der sich das fragt.

Stadtverordneter Heinz Viehoff fragt sich, ob der zweite Bauabschnitt nicht nochmal hätte unterteilt werden können, um die Situation für die Anwohner zu entschärfen. Foto: Beatrix Oprée

Doch zurück in seinen Stadtteil, nach Bardenberg. Auf keinen Fall sperren dürfe man die Dorfstraße, wie es von Anwohnern hier und da gefordert worden sei. Das würde den Geschäftsleuten, die das Leben im Ort aufrecht halten, das Wasser abgraben. Und die haben zurzeit genug zu kämpfen. Bereits rund die Hälfte des Umsatzes verloren hat etwa die Metzgerei Prepols, wie Metzgermeister Gerald Bertram darlegt. Nicht nur aus Bardenberg, auch aus Alsdorf, Herzogenrath und Kohlscheid stamme seine Kundschaft. Und natürlich aus den Niederquartieren. Doch wer bislang etwa von Duffesheide kommend faktisch nur die L223 zu kreuzen brauchte, um in der Dorfstraße einzukaufen, müsse jetzt rund sieben Kilometer Umweg fahren, sagt Bertram. Das täten die wenigsten.

Die Ortsteile Wefelen, Reifeld und Duffesheide sowie Niederbardenberg seien regelrecht abgeschnitten. Warum man den zweiten Bauabschnitt nicht noch einmal unterteilt habe, von der K1 bis zum Friedhof und dann erst bis Birk, fragt sich Heinz Viehoff. „Dann wäre alles entzerrt gewesen. In Kerkrade, beim Bau des Buitenrings, hat man das ja auch hinbekommen!“

Bardenberg lebe von den Auswärtigen, stellt Viehoff weiter klar. „Es ist erstaunlich, wo die Leute herkommen.“ Und das soll auch so bleiben. Optikermeister Thomas Becker hat deswegen mit Beginn der Bauarbeiten an der L223 die Firmen-Homepage angepasst, mit praktischen Hinweisen zur Anreise in die Dorfstraße. Von Niederbardenberg aus über den neuen Kreisverkehr und die K1 zum Kreisverkehr Pley, von hier über die Pleyer Straße ins Ortszentrum. Und von Alsdorf oder der Autobahnabfahrt Broichweiden kommend über den Kreisverkehr Birk weiter Richtung Würselen, um am Parkhotel nach rechts über die Bardenberger Straße zu fahren. Die man am besten auch von Aachen oder Würselen aus nutzen sollte. Umsatzeinbußen habe er auch, sagt Becker, „aber nicht so dramatisch, da wir nicht so viel Laufkundschaft haben“. So setzt Becker auf Flexibilität bei den Terminvergaben, damit Kunden nicht zu den verkehrsreichsten Zeiten anfahren müssen.

In Friedrichstraße ausgebremst

Von Niederbardenberg aus hatten sich die Autofahrer neue Wege Richtung Aachen gesucht. Einer führte über K1, Kohlscheider Markt, West-, Einstein-, Josef-Lambertz- und Berensberger Straße. Der ist nun aber auch verbaut, weil der Landesbetrieb Straßen die (vor Ort langersehnte) Sanierung der Friedrichstraße in Kohlscheid begonnen hat. Bei der Stadt Herzogenrath allerdings, so berichtet eine Niederbardenbergerin im Gespräch mit unserer Zeitung, sei sie auf wenig Verständnis für das Stauproblem gestoßen: Vielmehr sei der Hinweis auf die Zuständigkeit des Landesbetriebs mit der Empfehlung gekrönt worden, doch zu einer anderen, ruhigeren Tageszeit zu fahren... Die Anwohnerin fragt sich derweil, ob die Stadt nicht vielmehr im Sinne ihrer Bewohner koordinierend eingreifen müsse, damit Baustellen eben nicht gleichzeitig in Angriff genommen werden.

Statt bislang höchstens 25 Minuten ist sie morgens mittlerweile 45 bis 60 Minuten pro Strecke unterwegs, Staus an den Einmündungen zur B57 inklusive. Um das Verkehrschaos in Richtung Aachen in den Stoßzeiten zu entzerren, so ihr Vorschlag, wären vorübergehende Halteverbote entlang der Umleitungsengpässe in Bardenberg respektive Kohlscheid sicherlich sinnvoll. „So etwas darf Stadtverwaltungen doch nicht egal sein!“

Derweil versuchen ortsfremde Autofahrer immer noch, über die L223 nach Herzogenrath zu gelangen, müssen in der Baustelle wenden und bremsen so den Baustellenverkehr aus. Foto: Beatrix Oprée