Baesweilerin Elke Herten Buchautorin seit einem Schlaganfall

Baesweilerin Elke Herten : Buchautorin seit einem Schlaganfall

Elke Herten sitzt an ihrem geliebten Meer. Vor einem Café in Wyk auf Föhr. Sie schaut zu, wie das Wasser langsam kommt. Die Flut setzt ein. Es ist trotz der Sonnenstrahlen kalt. Nur neun Grad, die Finger sind klamm. Die Hände werden durch den heißen Kaffee gewärmt.

Hier ist Elke Herten glücklich. Für einige Stunden vergisst sie ihr schweres Schicksal, den Kampf gegen die Krankheit. Sie weiß, Ebbe und Flut haben etwas gemeinsam mit dem, was sie durchmacht. Nach einem Schlaganfall im Jahr 2013 sind ihre Gedanken, das Erinnerungsvermögen, manchmal immer noch weg.

Poetisch und burschikos

So wie es bei den Gezeiten passiert. Die Ebbe ist in ihrem Kurzzeitgedächtnis. Dann kommt das Erinnerungsvermögen wie die Flut  wieder. Sie findet Worte, baut feine Sätze zusammen und verblüfft alle, die die vergangenen Jahre dieser starken Frau eng mit ihr erlebt haben. Manchmal wird sie bei der Schilderung ihres Lebens poetisch, dann wieder burschikos, nachdenklich, einmal weint sie inmitten ihrer Lesung, die sie vor gut 30 Zuhörern in der Seniorenresidenz Kuijpers am Carl-Alexander-Park hält.

Die 55jährige Frau aus Oidtweiler ist mutig. Sie lässt mit ihrer Lesung aus ihrem zweiten Buch, das noch nicht fertig ist, tief in ihre Seele schauen. Ende des Jahres soll es fertig, mit einer weiteren Lesung dann komplett vorgestellt werden. Die Vorab-Lesung der Aphasikerin in der Seniorenresidenz fand im Rahmen des Aktivurlaubs, den die Stadt Baesweiler derzeit anbietet, statt.

Elke Herten ist nicht geistig behindert, vielmehr ist sie hoch intelligent, leidet aber nach ihrem Schlaganfall vor knapp sechs Jahren an Sprechstörungen. Und wie sie mit ihrer Krankheit umgeht, wie sie ihr begegnet, wie sie ihre Mitmenschen beobachtet, sich in ein neues Leben zurückkämpft, das hat sie protokollarisch notiert. Manchmal mit Datum und auch schon mal mit Uhrzeiten.

Mit in der Lesung befindet sich auch Hertens Logopädin Sabrina Schunk. Sie hat, neben anderen Medizinern, großen Anteil daran, dass sich Elke Herten wieder zurecht findet und riesige Fortschritte bei der Bewältigung ihrer Krankheit gemacht hat. Denn Elke Herten konnte „zeitweilig gar nicht mehr reden und ich war auch gelähmt“. Momente, in denen man bei ihren Schilderungen schlucken muss, weichen den Augenblicken, in denen sie mit Witz, Charme und Muße ihre Geschichte vorträgt.

Das hat sie schon einmal erfolgreich getan, in dem sie 2016 ihren ersten Band herausbrachte. Sie erzählt von der Umstellung ihrer medikamentösen Therapie. Weg von den Psychopharmaka und hin zu homöopathischen Mitteln. „Seitdem geht es mir besser“, findet sie den Satz „als dieser Nebel in meinen Gedanken weg war, wollte ich die ganze Welt küssen“. Manchmal kommt ihr das letzte Jahr „wie ein ganzes Jahrzehnt vor“. Dann sagt sie: „Wir Aphasiker sind ein Teil von Euch. Wir denken und fühlen wie ihr.“ Damit rührt die ausgebildete Bauzeichnerin ihre Zuhörer sichtlich.

Grundehrliche Darstellung

Immer bleibt sie in ihrer grundehrlichen Darstellung, auch mit dem Satz „ich habe oft das Gefühl, die Menschen haben Angst vor mir“. Leise schiebt sie hinterher, „ich bin so, wie ich bin“. Da wischt sich auch Elke Hertens Tochter Simone – unter den Zuhörerinnen – einmal dezent durch die Augenwinkel. Alles hat sie aufgeschrieben. Auch aus einer Angst heraus, „ich würde mein Leben vergessen“. Zum Schluss der Lesung sagt Therapeutin Sabrina Schunk das, was wohl alle Teilnehmer an diesem außergewöhnlichen Nachmittag dachten: „Elke ist ein ganz besonderer Mensch.“ Nicht nur, weil sie so viel positive Energie verströmt. Man kann ihr neues Glück fühlen. Denn auch die Spontanität kehrt Stück für Stück in Hertens Leben zurück.

Mehr von Aachener Zeitung