Baesweiler: Zeitreise von Geschichtsverein und VHS mit Günter Pesler

Hitler und die Weimarer Republik : Vierteilige Reihe von Geschichtsverein und VHS

Die vierteilige Reihe von Geschichtsverein und VHS geht zu Ende. Spannende Zeitreisen mit Günter Pesler in der Baesweiler Burg.

Am 30. Januar 1933 ernannte Reichspräsident Paul von Hindenburg in Berlin Adolf Hitler zum Reichskanzler. Das Ende der Weimarer Republik und der Beginn einer für Deutschland und die Welt verheerenden zwölfjährigen Diktatur war eingeläutet. War dies die alternativlose Folge des wirtschaftlichen Niedergangs Deutschlands mit sechs Millionen Arbeitslosen und der immensen Wahlerfolge der NSDAP von 1930 bis 1932? Mitnichten. Dass die nationalsozialistische „Machtergreifung" nicht zwangsläufig sein musste, machte Günter Peisler vor dem Baesweiler Geschichtsverein mit einem eindrucksvollen Vortrag über das Ende der Weimarer Republik (Teil 4 einer Reihe über die erste Demokratie auf deutschem Boden) deutlich.

Zum Jahreswechsel 1932 bis 1933 war es ziemlich schlecht um die NSDAP bestellt. Sie hatte sich im Reich und in den Ländern 1932 „zu Tode gesiegt". Die Parteikasse war nach aufwändig-spektakulären Wahlkämpfen (“der Führer im Flugzeug über Deutschland“) leer. Trotz aller Erfolge waren die Nationalsozialisten ihrem erklärten Ziel der Machtübernahme nicht näher gekommen. Die absolute Mehrheit im Reichstag fehlte immer noch. Dennoch beharrte Hitler gebetsmühlenartig auf seinem Anspruch auf volle Macht im Reich. Der zwar greise, aber alles andere als senile Reichspräsident und Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg schien trotz seiner nationalkonservativen Gesinnung ein sicheres Bollwerk gegen die Machtgelüste des von ihm verspotteten „böhmischen Gefreiten" zu sein.

Viele stimmten der Meinung der Journalisten Carl von Ossietzky und Theodor Wolff zu. Die hatten Hitler Anfang 1933 als ein zeitlich bedingtes Phänomen beschrieben, das bald abklinge. Ausgerechnet in jenen Tagen, als Hitler als unermüdlicher „Trommler" sein Pulver scheinbar verschossen hatte, wurde seine Person wieder ins politische Spiel gebracht. Der aus der katholischen Zentrumspartei ausgeschlossene Nationalkonservative und Kurzzeit-Ex-Kanzler Franz von Papen traf sich im Hause eines Kölner Bankiers mit Adolf Hitler. Das nach Herkunft und Bildung sehr ungleiche Paar – hier der Baron mit feinen Manieren, dort der wegen seiner Wutausbrüche gefürchtete Volkstribun – fädelten in vereintem Machtinteresse einen für die Weimarer Republik tödlichen Deal ein.

Papen, 1932 durch Kurt von Schleicher als Kanzler abgelöst, aber immer noch Vertrauter Hindenburgs und dessen Sohnes Oskar, wollte den „Helden von Tannenberg" für eine Regierung unter Einschluss aller nationalen und „antimarxistischen" Kräfte gewinnen. Eine Kröte sollte Hindenburg bei Umsetzung dieser Pläne freilich schlucken: Adolf Hitler als Führer der stärksten Partei im Reich müsse – um Straßen-Unruhen zu vermeiden – zum Reichskanzler ernannt werden. Dies besage aber wenig: Ein Vizekanzler von Papen und Deutschnationale um den Medienzaren Alfred von Hugenberg würden Hitler „in Schach" halten. Dann machte auch noch der „böhmische Gefreite" (Hindenburg verwechselte permanent das böhmische Braunau mit dem gleichnamigen österreichischen Geburtsort Hitlers, der erst 1932 deutscher Staatsbürger wurde!) dem „hochverehrten Herrn Reichspräsidenten" in devoter Art seine Aufwartung. Hitler gab Hindenburg sein „Ehrenwort", dessen verfassungsmäßige Rechte zu achten. Nun war der Weg für Hitler frei.

Von Franz von Papen, der wunschgemäß in der am 30. Januar 1933 installierten „Regierung der nationalen Erhebung" Vize-Kanzler wurde, sind Sätze überliefert wie: „Hitler ist kein Kanzer, er ist nur ein Hut. Die Macht bleibt bei uns Konservativen. Wir drücken Hitler in die Ecke, bis er quietscht". Eine verhängnisvolle Fehleinschätzung! Zwar gehörten dem Hitler-Kabinett nur zwei weitere Nazis ein, doch diese nahmen Schlüsselpositionen zur Aushebelung der Weimarer Ordnung in den Jahren 1933 und 1934 ein: Wilhelm Frick als Reichsinnenminster sowie Hermann Göring als kommissarischer preußischer Innenminister und Reichsminister ohne Geschäftsbereich).

VHS-Leiterin Jana Blaney ist stolz auf den Referenten Günter Pesler vom Baesweiler Geschichtsverein. Foto: Joachim Peters

Zwar waren die Nationalsozialisten Ende 1932 stärkste Partei und ihre Regierungsbeteiligung an sich damit kein illegaler Vorgang. Doch mit Hilfe der zuvor praktizierten Notverordnungen des Reichspräsidenten hätten die Republikfeinde womöglich entscheidende Monate von der Macht ferngehalten werden können. Nachdem die letzten Weimarer Regierungen Deutschland mit Nothaushalten „kaputt gespart" hatten, leitete die Regierung Hitler mit staatlichen Wirtschaftsprogrammen einen alle Schichten betreffenden Aufschwung ein. Die Bevölkerung dankte es dem neuen Regime - und wurde blind für die darüber hinaus führenden Expansionsziele des Nationalsozialismus.

Abschließend stellte Günter Pesler die Frage, ob sich „Weimarer Verhältnisse" auf unsere Berliner Republik übertragen ließen. Die Antwort war ein dezidiertes „Nein". Strukturprobleme wie die verhängnisvolle Machtfülle eines Präsidenten, extreme Parteien-Zersplitterung oder existenzielle Not von Arbeitslosen gibt es nicht oder noch nicht wie zu Zeiten der Weimarer Republik. Doch Zuspitzung sozialer Probleme infolge neoliberaler Verwerfungen oder das Auftauchen eines – bisher nicht auszumachenden – charismatischen Politikers auf extremer Seite könnten die Gewichte bedenklich verschieben.

(jope)
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