Baesweiler: Baesweiler Migranten erzählen vom Start in Deutschland

Baesweiler: Baesweiler Migranten erzählen vom Start in Deutschland

Vor denen, die im Buch stehen, hat Saniye Kol großen Respekt. „Das sind alles sehr mutige Menschen“, sagt die Leiterin der Integrationsagentur im Haus Setterich. Mutig, weil sie erzählt haben. Von sich und ihrem Weg nach Deutschland. Vom Gefühl, dort nicht gewollt zu sein. Gemeinsam mit Günter Pesler vom Geschichtsverein Baesweiler hat sie 19 Interviews geführt, in denen Migranten schildern, wie sie in den 1960er Jahren im Land ankamen.

Das Ganze ist jetzt im Druck. Ende September soll das Buch erscheinen. Dessen Titel ist zwar lang — weil vieles in ihm steckt, das in den Gesprächen Thema war: „Woher kommen die Baesweiler und Settericher? Geschichte und Geschichten — Missverständnisse, Begegnungen, Gemeinsamkeiten.“ Vor allem um die Missverständnisse ging es, weniger um die Gemeinsamkeiten.

Weil da immer eine Barriere war, die die Deutschen von ihren neuen Nachbarn trennte. „Mich hat überrascht, dass die Interviewpartner trotz vieler negativer Erfahrungen immer eine positive Grundeinstellung gegenüber Deutschland und den Deutschen behalten haben“, sagt Pesler. Andere Erkenntnis: „Da war eine große Selbstkritik. Viele haben bedauert, die deutsche Sprache nicht früher gelernt zu haben.“ Damals, als man noch dachte, in wenigen Jahren in die Heimat zurückzukehren. . .

Intime Schilderungen

Die teils sehr intimen, persönlichen Schilderungen der Menschen aus Baesweiler stehen im Buch neben historischen Fakten, Zahlen, der Entwicklung in ganz Deutschland. Das große Ganze neben dem ganz Menschlichen. Das Nachwort hat Ahmet Özdemir geschrieben. Im Mai hat der 40-Jährige, der in Baesweiler aufwuchs und seit 13 Jahren der Liebe wegen in Kerpen wohnt, sein erstes eigenes Buch veröffentlicht. „Irritiert statt integriert“ heißt es und er beschreibt darin, dass auch 2015 in Sachen multikulturellem Miteinander längst nicht alles glatt läuft.

„Das Leben als Ausländer in Deutschland ist nicht so einfach, wie das öffentlich behauptet wird. Ich bin erst integriert, wenn darüber nicht mehr geredet werden muss.“ Sein Appell: Aufeinander zugehen, miteinander sprechen — nicht übereinander. Und weil das Buch mit den Interviews ebenfalls als Beitrag zur besseren Verständigung verstanden werden kann und soll, hat er es gern mit einem Beitrag abgerundet.

350 Exemplare werden in der ersten Auflage gedruckt, die aus Mitteln des Verfügungsfonds Soziale Stadt Setterich-Nord bezahlt wird. So kann das 210 Seiten starke Buch im Din-A4-Format für nur drei Euro angeboten werden. Zu haben ist es im DRK-Stadtteilbüro, dem „Haus Setterich“ an der Emil-Mayrisch-Straße. Dessen Leiterin Ute Fischer hofft, dass viele es lesen und darüber sprechen werden. Miteinander. „Die Idee ist doch so banal, dass Menschen öfter aufeinander zugehen sollen. Die Lebensgeschichten, die in diesem Buch enthalten sind, sind ein guter Anlass dazu.“

Menschen, die ihre Geschichten erzählen wollten, waren anfangs nicht leicht zu finden. „Als wir die Leute angesprochen haben, kam gerade die Pegida-Bewegung auf“, erinnert sich Günter Pesler. „Da hat es einige gegeben, die nicht erzählen wollten aus Angst, in solch einem Buch aufzutauchen.“ Mutige fanden sich dann aber doch. Um mit ihren Gesichtern und Geschichten zu zeigen, dass die Skepsis, die ihnen einst entgegengebracht wurde, längst überwunden sein sollte.

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