Würselen: „Baby-Bedenkzeit-Projekt”: Auch Eltern auf Probe müssen nachts raus

Würselen: „Baby-Bedenkzeit-Projekt”: Auch Eltern auf Probe müssen nachts raus

Die erste Nacht war kurz. „Eine Katastrophe”, sagt Alain Rodriguez, während er vorsichtig die Baby-Puppe in seinem Arm wiegt und dann verhalten gähnt. Viermal ist er aufgestanden, hat gewickelt und das Fläschchen gegeben, zuletzt morgens um sechs Uhr. „Ich hoffe, die nächste Nacht wird besser.”

Alain Rodriguez ist einer von neun Schülern der Albert-Schweitzer-Schule, Förderschule für die Schwerpunkte „Lernen” und „emotionale und soziale Entwicklung”, die derzeit für vier Tage einen „Baby-Simulator” behüten.

„Real-Care-Baby” heißen die realitätsnahen Puppen, die Teil des „Baby-Bedenkzeit-Projekts” sind, das im Rahmen von „Vor dem Anfang starten” der Städteregion Aachen jungen Menschen Erziehungskompetenz vermitteln soll. Elf weitere Schulen sind in der Städteregion mit den Simulatoren ausgestattet worden, in Würselen ist die Premiere.

Und so tragen vier junge Frauen und fünf junge Männer eine Puppe im Arm über den Schulhof. Die Blicke der Mitschüler sind neugierig, bisweilen sogar etwas neidisch. „Ich will auch eine”, ruft ein Junge, den Simone Greco-Ritter, Schulsozialarbeiterin der Schule, vertrösten muss. „Beim nächsten Mal”, sagt sie, denn das in drei Bausteine aufgeteilte Konzept ist auf ein Schuljahr ausgelegt und wird im nächsten Jahr erneut angeboten.

Es ist eine freiwillige Aktion, die zeitintensiv ist und den Schülern viel Geduld abverlangt. Sie machen es gerne, „es macht Spaß”, sagt Jasmin Arzt. Aber sie muss zugeben: „So anstrengend habe ich es mir nicht vorgestellt. Ich dachte, das wäre lockerer.”

Unterricht, Hausaufgaben, Nachhilfe, Sport- und Freizeitaktivitäten - alles muss so organisiert werden, dass das Baby rundum gut versorgt wird. Mit einem Chip, den die Schüler mit einem Band am Handgelenk tragen, können sie das Gegenstück im Simulator aktivieren. Das ist notwendig, damit die Puppe auf die Handlungen der Bezugsperson reagiert. Die Babys geben verschiedene Geräusche von sich.

Und ganz wie ein echtes Kleinkind haben sie unterschiedliche Bedürfnisse, wollen gewickelt und gefüttert werden oder ein Bäuerchen machen. Drei Minuten haben die Schüler, um herauszufinden, was das Baby möchte. „Man kann es mit der Zeit heraushören”, erzählt Brian Jarosch. „Manchmal nörgeln sie auch und wollen nur herumgetragen werden.” Besonderes Augenmerk legen die Schüler stets auf den Kopf des Simulators.

Wird dieser nicht gehalten, sondern kippt nach hinten weg, gibt es drei Minuten Geschrei und einen negativen Vermerk auf dem Behütungsprotokoll. Dieses wird im Chip der Puppe gespeichert und am Ende ausgewertet. Im Rahmen des Projekts werden den Schülern ebenfalls Puppen gezeigt, die einem drogen- oder alkoholabhängigen Baby nachempfunden sind.

Ein Simulator mit durchsichtigem Kopf gehört zudem dazu. „Wenn man es schüttelt, leuchten die Hirnregionen rot auf, die geschädigt werden”, erklärt Sozialpädagoge David Braune vom Haus St. Josef, mit dem das Projekt in Kooperation veranstaltet wird. So wird den Schülern das Ausmaß von Misshandlung und Unachtsamkeit vermittelt.

Zwei Mütter und eine Schwester sind ebenfalls in das Projekt einbezogen. Sie haben sich gemeldet und wurden mit einem Chip ausgestattet, so dass sie eine reale „Babysitting-Situation” nachempfinden können.

Sich selber die Frage stellen, ob man die Verantwortung für einen Menschen tragen kann und will, ist das zentrale Ziel. „Es ist eine gute Vorbereitung für die Zeit, wenn man selber Mutter oder Vater wird”, findet Marcel Herpers. Jacqueline Goerres ist sich sicher, dass ein Baby erst dann in Frage kommt, wenn Schule und Ausbildung abgeschlossen sind: „Ich will meinem Kind etwas bieten können und richtig für es da sein.”

Einige der Schüler hatten vor der Konfrontation mit dem Simulator erste Betreuungserfahrung durch Geschwister oder Cousins. „Aber da ist die Verantwortung größer”, findet Marcel Herpers. Dann beginnt seine Puppe zu glucksen, bevor die Geräusche in ein zartes Weinen übergehen. „Ich muss es füttern”, entschuldigt er sich und holt ein Plastikfläschchen hervor. Behutsam hält er den Simulator im Arm und legt die Flasche an den Mund der Puppe.

Zufrieden guckt er in die Runde. Papa auf Probe - so schlecht fühlt sich das gar nicht an. Und wenn es soweit ist, ist er bestens vorbereitet.

Mehr von Aachener Zeitung