Altes Rathaus Würselen: Forum Medizin zu Parkinson liefert interessante Einblicke

Würselen: Forum Medizin zu Parkinson: 160 von 100.000 Menschen sind betroffen

Es gibt Hoffnungen, die das Stadium von Ansätzen deutlich überschritten haben. Mit Hochdruck wird geforscht und auch behandelt, um der schweren Krankheit Morbus Parkinson ihren Schrecken halbwegs zu nehmen. Hoffnungsträger sind dabei auch die Kapazitäten des Rhein-Maas-Klinikums (RMK) in Würselen.

Gemeinsam mit unserer Zeitung widmeten sich Fachleute jetzt der Thematik im Alten Rathaus in Würselen. Dort wurde am Ende eines langen Vortrags- und Diskussionsabends klar: Erkrankte wie auch Begleitende sehen insgesamt optimistisch in die Zukunft.

Gezielte Übungen: Brigitte Wolf, Leitende Physiotherapeutin am RMK, demonstrierte dem Publikum, wie es geht. Referenten des Abends waren (unteres Bild v.l.) Professor Dr. Christoph Kosinski, Dr. Oliver Holger Franz und Dr. Jochen Hegemann. Moderator des Abends war Redakteur Karl Stüber (unteres Bild r.), der auch die vielen Fragen des Publikums einsammelte. Foto: eik

Drei Wissenschaftler und Mediziner sowie weitere Fachleute hatte der Moderator, unser Redakteur Karl Stüber, zum Vortrag gebeten. Das Thema lautete „Aktiv gegen Parkinson — Ursachen und Behandlung“.

Gezielte Übungen: Brigitte Wolf, Leitende Physiotherapeutin am RMK, demonstrierte dem Publikum, wie es geht. Referenten des Abends waren (unteres Bild v.l.) Professor Dr. Christoph Kosinski, Dr. Oliver Holger Franz und Dr. Jochen Hegemann. Moderator des Abends war Redakteur Karl Stüber (unteres Bild r.), der auch die vielen Fragen des Publikums einsammelte. Foto: eik

Große regionale Unterschiede

Bevor die Referate begannen, nannte Stüber den etwa 100 Besuchern Zahlen und Fakten: Die Erkrankungshäufigkeit ist je nach Land und Region unterschiedlich, liegt zwischen 18 und 194 Patienten pro 100 000 Einwohner. Besonders selten tritt Parkinson in den europäischen Staaten Schweden, Polen und Dänemark auf und auch Südeuropa, China und Japan sowie Afrika seien davon weitgehend befreit. In Mitteleuropa — also auch in Deutschland — und in Nordamerika erkranken indes von 100.000 Menschen etwa 160.

Erster Referent vor einem sehr rege angenommenen Frageblock war Neurologe Professor Dr. Christoph Kosinski. Angefangen hatte die Forschung vor exakt 200 Jahren durch den Londoner Arzt James Parkinson, der als erstes Werk das Buch „An Essay on the shaking Palsy“ veröffentlichte. Kam die Krankheitsdiagnose anfangs noch einem Todesurteil gleich, „so ist sie heute zwar immer noch unheilbar, aber von einem eventuellen Todesurteil weit entfernt“, erklärte Kosinski.

Auch Prominente wie Boxlegende Muhammad Ali, der Schauspieler Michael J. Fox oder Papst Johannes Paul II. bleiben von der Krankheit nicht verschont. Die weltweit wohl bekannteste (und wahre) Geschichte eines Morbus-Parkinson-Falles ist in dem Film „Zeit des Erwachens“ mit Robin Williams und Robert de Niro auf sehr gefühlvolle Weise festgehalten worden.

Erste Symptome

Kosinski zeigte erste Symptome auf (Langsamkeit, Steifigkeit, Gleichgewichtsstörungen, Zittern, erhöhter Speichelfluss) und berichtete, dass „die Behandlung eine besondere klinische Herausforderung darstellt“. Man könne heutzutage aber auch mit Medikamenten und Physiotherapien „Patienten lange stabil halten“. Eine ganz wichtige Erkenntnis des Forschers und Mediziners: „Die Lebenserwartung ist heute weitaus höher als noch vor Jahren.“

„Ist es wahr, dass Forscher an der Entwicklung eines Impfstoffes arbeiten?“, wollte Stüber wissen. Kosinski: „Das ist in der Tat keine Scharlatanerie. Daran wird intensiv geforscht.“

Neurologe und Nervenarzt Dr. Jochen Hegemann berichtete unter anderem, wie der Abbau des körpereigenen Stoffes Dopamin — verantwortlich für die Entstehung des Morbus Parkinson — durch Medikamente (unter anderem MAO-B-Hemmer) verzögert werden kann. Dazu stellte Hegemann verschiedene Behandlungsmöglichkeiten, unterschieden nach jüngeren und älteren Patienten, vor: „Je früher die Behandlung und die Diagnose erfolgen, um so besser sind die Prognosen.“

„Parkinson wird ein immer größeres Thema in der Gesellschaft“, zeigte Dr. Oliver Holger Franz auf. Der Facharzt für Geriatrie und Neurologie stellte auch fest: „Die Selbstständigkeit eines Patienten ist entscheidend für seine Lebenszufriedenheit.“ Um diese zu verbessern, will die Medizin „Patienten so lange wie möglich gehfähig erhalten“.

Die Industrie sei gerade dabei, einen speziellen Sportschuh mit Sensoren zu entwickeln. Dazu führte der Arzt unter anderem vor, wie Gangstörungen aussehen könnten und welches individuelle Training physiotherapeutisch angebracht ist.

Dort hakte auch Brigitte Wolf, Leitende Physiotherapeutin am RMK, mit praktischen Übungen ein. Wolf erklärte beispielsweise, wo der Unterschied zwischen Physiotherapie und Ergotherapie liegt und welche Probleme oder Beschwerden Parkinson-Patienten haben und wie diese durch gezielte Physiotherapie gelindert werden.

Mit Fragen wurde das Mediziner-Trio reichlich eingedeckt. So wollten die Besucher unter anderem wissen, wie oft man übers Jahr verteilt stationäre Aufenthalte beantragen könne.

Professor Kosinski: „Bei medizinischer Notwendigkeit bis zu dreimal jährlich.“ Eine betroffene Patientin, sie hat sich einer Selbsthilfegruppe angeschlossen, berichtete fast euphorisch: „Nach den bisherigen Behandlungen im RMK habe ich eine gute Lebensqualität erhalten. Achten Sie auf sich, dann werden Sie unter guten Bedingungen alt.“

Ob auch Umwelteinflüsse für einen Parkinson-Ausbruch in Frage kommen, wollten ein Patient wissen. Das könne man nicht ausschließen, räumten die Mediziner ein.

Aus dem Alltag einer Selbsthilfegruppe berichtete Harald Holzhäuser. Er ist seit sechs Jahren an Parkinson erkrankt. Äußerlich anzusehen war ihm das allerdings nicht. Auch das machte den vielen anderen Besuchern im Saal des Alten Rathauses schließlich Mut, den Kampf mit der schweren Krankheit aufzunehmen und ihr mindestens ein „Unentschieden“ abzuringen.

(eik)