Würselen: Altes Rathaus präsentiert: Malerei und Bildhauerei in Symbiose

Würselen: Altes Rathaus präsentiert: Malerei und Bildhauerei in Symbiose

Fast eine komplette Generation oder — formal ausgedrückt — knappe 20 Jahre trennen die beiden Künstler Wolfgang Kohl und Jin-Sook Chun. Augenscheinlich eine große Distanz, doch in ihren ebenso ungleich wirkenden Darstellungen von Kunst finden beide eine direkte Verbindung zueinander.

In Zusammenarbeit mit dem Kulturbüro der Stadt kann die Kulturstiftung Würselen seinen Besuchern nun die unkonventionelle Symbiose der Werke des Bildhauers Kohl und der Malerin Chun präsentieren.

Die Unterschiede der beiden überwiegen auf den ersten Blick enorm. Wolfgang Kohl erreichte an der Düsseldorfer Kunstakademie in den 1970er Jahren das Staatsexamen und wurde in den Rang eines Meisterschülers erhoben.

In seiner langen Karriere war er unter anderem Studienleiter der Akademie für Gestaltende Handwerke Gut Rosenberg.

Ein Sessel führt zusammen

Jin-Sook Chun kam im Jugendalter aus dem südkoreanischen Seoul nach Deutschland. Auch sie wurde Meisterschülerin in Düsseldorf. Diese erste Gemeinsamkeit wurde beiden jedoch erst spät bewusst. Ein massiver Sessel, geschnitzt aus Holz in Originalgröße und eine Hommage Kohls an die wuchtigen wie gemütlichen Sitzmöbel aus der Zeit des Wirtschaftswunders, brachte beide auf Umwegen zusammen. Einst stellten beide ihre Werke in Aachen aus. Sie lernten sich kennen und schätzen.

Bei jener Ausstellung hatte Chun ein Stillleben mitgebracht, das ebenfalls einen extravaganten Sessel zeigte. Es war diese kleine Parallele, die symbolisch für den gleichen Takt beider Künstler stand.

Chun erschafft mit sogenannten Leimfarben, ein Produkt, das schon im frühen Mittelalter Verwendung fand, „selbstsprechende“ Bilder. Auf Titel verzichtet sie, dafür wird die Imagination des Beobachters umso mehr gefordert. Menschen in Bewegung sowie ruhende Gegenstände und Panoramen erzeugen gleichermaßen einen interessanten Kompromiss aus Ruhe und Fortschritt.

Thematisch hat Kohl seine Passion in der Darstellung menschlicher Empfindungen und Seelenlagen gefunden. Aus der introvertierten Position bricht er gleichsam aus und beleuchtet zusätzlich die menschliche Existenz im Spiegel seiner Umwelt. Hohe Sensibilität bei der Beobachtung sei ausschlaggebend für seine oftmals kritischen Darstellungen und Analysen gesellschaftlicher Zustände.

Gespannte Ruhe

Dieses Vorgehen hat Kohl auch bei seiner Kollegin erkannt: „Ihr Gespür für die unterschwelligen Empfindlichkeiten des Menschen hat uns sofort vereint.“ Im Umkehrschluss erkennt Chun auch ihre Arbeit in den Skulpturen Kohls wieder. Dazu Dr. Erwin Schulz, Kuratoriumsvorsitzender der Kulturstiftung: „Unabhängig vom Motiv erfüllt jedes Bild den Beobachter zunächst mit gespannter Ruhe. Man möchte verweilen und mehr erfahren.“

Während Chun augenscheinlich subtiler agiert und die Grenzen eigener Vorstellungskraft erweitert, spricht Kohl in seinen Skulpturen direkter. In sich ruhende Skulpturen von Alltagsmenschen regen zum Nachdenken an. Sein Bezug zum Bildhauer Christoph Voll — 1938 vom NS-Regime als „entarteter Künstler“ denunziert — findet sich gut eingebettet in seine Werke.

„Mit dem Hintergrundwissen zu Voll erhalten gerade Kohls neuere Werke ein ganz neues Verständnis“, erläuterte Schulz. Dass beide Künstler noch in diesem Jahr in Würselen gastieren, verdankt Achim Großmann, Vorsitzender der Kulturstiftung, einem glücklichen Zufall. Im sonst prall gefüllten Kalender des Alten Rathauses wurde kurzfristig ein Platz frei.

Großmann und Sigrid Kerinnis, Pädagogische Leiterin des Kulturzentrums, präsentieren die unkonventionelle Ausstellung von Freitag, 27. Oktober, bis Samstag, 18. November. Der Eintritt ist frei. Die Vernissage, die am 27. Oktober um 18 Uhr beginnt, wird musikalisch vom Jazz-Quartett WELF begleitet.

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