Herzogenrath: Alter Bergbauschacht zerstört Lebensplanung

Herzogenrath : Alter Bergbauschacht zerstört Lebensplanung

Es sollte die Absicherung fürs Alter sein und die Erfüllung des Traums vom Eigenheim, das Wohn- und Arbeitsstätte vereint: Ein altes Mehrfamilienhaus samt Brachland, insgesamt 825 Quadratmeter Grund, haben die Eheleute Del Castillo vor gut zwei Jahren gekauft.

Am Krummen Weg. Voller Tatendrang machten sie sich zunächst an die Sanierung des rückwärtigen Anbaus der alten Immobilie — als neue Adresse für Miguel Del Castillos Hard- und Softwarefirma, die er bis dahin im Kellergeschoss des Mietshauses betrieben hatte, in dem die Eheleute bis heute wohnen. Auf dem Brachland davor sollte ein Eigenheim errichtet werden, gerade passend für die dreiköpfige Familie. Die Konfirmation der 14-jährigen Tochter im vergangenen Mai sollte im neuen Wohnzimmer gefeiert werden. Doch es kam anders: Am selben Tag, so berichtet Miguel Del Castillo, an dem ihnen die Stadt eine Hausnummer für ihr neues Domizil zuteilte, sei auch die Hiobsbotschaft aus dem Rathaus gekommen: Die Stadt teilte den Eheleuten mit, die Baugenehmigung für das Stück Land am Krummen Weg könne nur mit massiven Auflagen erteilt werden. Der Grund: Unter dem ringsum mit Wohnhäusern bebauten Areal befinde sich ein alter Schacht aus längst vergangenen Zeiten des Grundeigentümer-Bergbaus.

Teure Bodensanierung nötig

Ohne aufwändige und über ihre Möglichkeiten teure Bodensanierung dürfte hier nicht mal ein Gartenhaus errichtet werden. Für Familie Del Castillo brach eine Welt zusammen. Mit diesem Bescheid geriet ein Lebensentwurf ins Wanken: Der Kaufpreis von 140 000 Euro zuzüglich Sanierung des Anbaus, Planung des Neubaus, Gebühren, etc. insgesamt 200 000 Euro, waren in den Sand gesetzt. „Jetzt sind wir pleite“, sagt Ulrike Del Castillo. Ihre Eigentumswohnung in München hatte sie verkauft, alle Ersparnisse eingesetzt — „und nun besitzen wir ein Stück wertlose Wiese!“ Bittere Vorwürfe erhebt sie gegen die Stadt, weil diese offensiver und zeitiger auf einen mittlerweile für Bauvorhaben notwendigen Auszug aus der so genannten „Positivkarte“ hätte verweisen sollen: „Davon hatten wir noch nie etwas gehört“, sagt Ulrike Del Castillo. Ihr Architekt und Vermieter, der in unmittelbarer Nachbarschaft sein Mietshaus saniert und überdies sein eigenes Einfamilienhaus gebaut hatte, offenbar auch nicht. Vor dem Ankauf besagter Parzelle habe er die grundsätzliche Bebaubarkeit durch mündliche Vorsprache im Bauamt abklären sollen, berichtet Ulrike Del Castillo. Anfang Januar 2012 war das. Ein bis zu zweigeschossiges Wohnhaus könne auf besagtem Flurstück errichtet werden, habe der Sachbearbeiter ihrem Architekten damals gesagt. Und dabei zwar darauf hingewiesen, dass es sich um Bergbaugebiet handele, doch von der „Positivkarte“ sei „definitiv nicht“ die Rede gewesen.

Die „Positivkarte für Hinterlassenschaften des tages-/oberflächennahen Altbergbaus“ konnte seitens der finanziell klammen Stadt Herzogenrath erst dank der Finanzspritze aus dem Stärkungspakt 2 beim Aachener Ingenieurbüro Heitfeld-Schetelig in Auftrag gegeben werden. Sie wurde nach detailreicher jahrelanger Analysearbeit Anfang 2012 fertig, just in dem Zeitraum, als die Del Castillos mit ihren Bauwünschen im Rathaus vorstellig wurden. Kartographisch dargestellt auf Basis eines modernen EDV-Geo-Informationssystems stellt die Positivkarte eine Auswertung aller verfügbaren Unterlagen sowohl zu den geologischen als auch den bergbaulichen Verhältnissen dar. Bewertungskriterien und Vorgehensweise seien mit der zuständigen Bergbehörde bei der Bezirksregierung Arnsberg abgestimmt, weist die Stadt Herzogenrath auf ihrer Homepage ausdrücklich hin.

Vor der Existenz dieser Referenzkarte hatte es bei Bauwünschen für Bergbau-Verdachtsgebiete allgemein warnende Auskünfte seitens des EBV gegeben, wie sie auch der Architekt der Del Castillos für seine früheren Bauvorhaben erhalten hatte: „Im Bereich des Baugrundstücks ist alter oberflächennaher Grundeigentümerbergbau nicht auszuschließen, für den wir nicht haften.“ — „Früher wurden dann halt ein paar Stahlträger mehr eingezogen — und gut war es“, sagt Ulrike Del Castillo. „So hat es uns der Architekt erklärt.“ In ihrem Fall habe sich die Tochter des früheren Grundstückseigners am Krummen Weg vor dem Verkauf Anfang 2012 noch bei der Stadt kundig gemacht, welcher Quadratmeterpreis für besagte Parzelle vertretbar sei. Dabei sei mit rund 150 Euro keine Summe für Acker- sondern für Bauland genannt worden, sagt Del Castillo. Am 7. März 2012 habe es ein weiteres Gespräch des Architekten im Bauamt zwecks Abstimmung des Planungsstands für das Wohnhaus gegeben. Ende Mai 2012 habe sich eine Verkaufsagentin einer alternativ angefragten Fertigbau-Firma an denselben Sachbearbeiter gewandt und gleichfalls eine positive Antwort in Sachen Bebaubarkeit des Grundstücks am Krummen Weg erhalten. Ebenfalls im Mai 2012 habe Ulrike Del Castillo, nun handelseinig mit einer anderen Baufirma, selbst noch einmal im Bauamt vorgesprochen. Die Sachbearbeiterin habe auch da erklärt, es gebe keine Einschränkungen.

Auch Nachbarn „perplex“

Der entscheidende Hinweis auf einen fehlenden Auszug aus der Positivkarte sei erst im August 2013 gegeben worden, bei einem weiteren Gespräch Del Castillos im Bauamt, in dem es eigentlich um Abstandsflächen des im Juli zuvor eingereichten Bauantrags ging. Die folgende Prüfung anhand des aktuellen Kartenmaterials hatte dann — anderthalb Jahre nach der ersten Kontaktaufnahme mit dem Bauamt — die schockierende Nachricht zur Folge. Ulrike Del Castillo: „Keiner unserer Nachbarn hat je von der Positivkarte gehört. Alle sind perplex, dass in diesem Umkreis nicht mehr gebaut werden darf, obwohl hier in den 90er Jahren etliche Neubauten entstanden sind, die jetzt eigentlich nicht mehr stehen dürften.“

Die Korrespondenz in der Streitfrage zwischen Familie Del Castillo, ihrem Anwalt, der Stadtverwaltung und dem kommunalen Versicherer GVV, der eine Entschädigung ablehnt, füllt mittlerweile ganze Ordner. Ihre letzte Hoffnung setzen die Eheleute nun auf eine Klage gegen die Stadt, zu der sie sich schweren Herzens entschieden haben.

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