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Alsdorfer Geschichtsverein: die Rathausstraße im Wandel der Zeit

Alsdorfer Geschichtsverein : Die Rathausstraße im Wandel der Zeit

Die Regularien bei der Jahreshauptversammlung des Alsdorfer Geschichtsvereins mit Bestätigung des Vorstandes und Vorstellung der nächsten Veranstaltungen wurden im gut besuchten großen Sitzungssaal des Rathauses recht zügig abgehandelt.

So konnte der wie seine Vorstandskollegen einstimmig wiedergewählte 1. Vorsitzende Franz-Josef Müller pünktlich dem Referenten Dr. Franz Schneider das Wort erteilen.

Der Alsdorfer Rechtsanwalt. aktives Mitglied des Vereins und einer der Autoren der Jahresblätter, entfaltete dann ein eindrucksvolles Panorama über die Geschichte der Rathausstraße. Dr. Schneider legte viel Herzblut in seinen Vortrag. Schließlich führten einst seine Eltern eine Metzgerei in der Rathausstraße, die übrigens früher Hauptstraße und nach 1933 zwischenzeitlich Hindenburgstraße hieß. Er selbst leitete dort seit 1970 jahrzehntelang seine Kanzlei.

Ein Urteil darüber, ob die frühere Rathausstraße "schöner" gewesen sei als die heutige, wollte er in seinem Vortrag nicht fällen. Gefühlsmäßig sei dies aber schon so, ließ der Referent später im Gespräch durchblicken. Man kann es ihm nachempfinden nach dem Lichtbilder-Vortrag über "Alt-Alsdorf anno dazumal". Da gab es manchen Seufzer beim Anblick alter Gebäude, welche im Laufe der Zeit der Abrissbirne zum Opfer fielen. Als prominenteste Opfer einer neuen Stadtentwicklungspolitik sind da natürlich das alte Rathaus und das Casino Anna zu nennen.

Vor allem im Casino wurde lokale und überregionale Geschichte geschrieben. Der Ort von schönen Konzerten und legendären Karnevalsveranstaltungen diente Ende der 60er Jahre als Gerichtssaal für den Contergan-Prozess. In der ehemaligen Brotfabrik wirkten frühere Generationen dann auf ihr Abitur hin, während nach dem Abriss ihre Kinder und Enkel später Einkäufe im Globus-Center tätigten und sich noch später im Bowlingcenter vergnügten. Vieles ging verloren, anderes wurde umgebaut oder verändert. Wo früher die Tram fuhr, war später der Oberleitungs-Bus oder der jetzige Bus unterwegs. Wieder anderes – wie etwa das Möbelhaus Peka – gehört seit fast einem Jahrhundert zum unverwechselbaren Flair der Rathausstraße.

Bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts ging der Blick von Dr. Franz Schneider zurück. Und dabei zeigte sich: Alt-Alsdorf war ein Bauernort – vor dem Bergbauzeitalter, aber auch parallel dazu. Einige wenige Torbögen zeugen noch heute davon. Und die Rathausstraße entwickelte sich mit dem Beginn des industriellen Zeitalters zu einer pulsierenden Geschäftsmeile. Bäcker und Metzgereien, Bank-Filialen, Postämter, vornehme Bekleidungs- und andere Spezialgeschäfte aller Art ließen die Rathausstraße zu einer pulsierenden Geschäftsstraße werden. Angesehene Ärzte und Apotheken wie die erste der Familien Genius und Küpper ließen sich hier nieder.

Immer mit dabei bis zur Pogromnacht 1938 waren jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger. Vornehmes wie etwa die Damen-und Herrenmoden Schleibach fand sich neben Volkstümlichem wie dem Büdchen des Jean Lürkens. Die Rathausstraße sah bewegende Versammlungen und Massenansammlungen wie etwa den Leichenzug der verunglückten Bergleute von 1930, aber auch SA-Aufmärsche in der "braunen Zeit". Referent Dr. Franz Schneider: „Es gilt an beides zu erinnern: die schönen Seiten der Straßen-Geschichte, ebenso wie an die dunklen.“ Zu letzteren gehörten auch die Verwüstungen jüdischer Geschäfte in der Reichspogromnacht und die Deportation einst angesehener jüdischer Mitbürger.

Wehmut ließen alte Fotos vom Denkmalplatz zu Beginn des 19. Jahrhunderts aufkommen: Damals ein wirtschaftlicher und geselliger Mittelpunkt Alsdorfs an den Ausläufern der Rathausstraße, ist heute davon leider nicht so viel zu spüren. So ließ der zweistündige, aber wie im Fluge vergehende Vortrag von Dr. Franz Schneider auch zwiespältige Gefühle aufkommen: neben Stolz und Freude nämlich auch eine gehörige Portion Trauer. Daneben aber auch die Erkenntnis, dass Neues und Zukunftsträchtiges hinzugekommen ist, wie etwa die Stadthalle und das Seniorenzentrum in unmittelbarer Nähe hierzu. Alte Stätten menschlicher Begegnungen sind für immer verschwunden, neue sind indes hinzugekommen.

(jope)