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Unterstützung für Nordkreis-Kitas: Wie man die Strategien von Sexualstraftätern erkennt

Unterstützung für Nordkreis-Kitas : Wie man die Strategien von Sexualstraftätern erkennt

Obwohl die Statistik eindeutig ist, glauben die meisten, sexuelle Gewalt an Kindern gebe es in ihrem Umfeld nicht. Die Alsdorfer Caritas-Beratungsstelle will mit dem Präventionsprogramm „Echte Schätze“ gegensteuern. 64 Kitas im Nordkreis können von einer roten Metallkiste profitieren.

Eine rote Metallkiste steht seit drei Wochen in der Turnhalle des städtischen Familienzentrums Kellersberg. Darin sind keine Bälle für die Turnstunde der Kindergartenkinder gelagert, sondern „echte Schätze“: ein rotes Stoppschild, eine Stoffkatze, ein rotes Herzkissen, ein Bilderbuch. Das Material gehört zum Präventionsprogramm „Echte Schätze“ der Fachstelle bei sexueller Gewalt, die an die Alsdorfer Caritas-Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche angegliedert ist. Das Ziel: die Sensibilität für sexualisierte Grenzverletzungen bei Kindern, Eltern und Kita-Fachpersonal fördern.

Die Zahlen hat wohl schon fast jeder mal gehört. Statistisch ein bis zwei Kinder pro Schulklasse sind Opfer von sexueller Gewalt. Dreiviertel der Fälle geschiehen in der eigenen Familie oder im sozialen Nahfeld der Kinder. Trotzdem glauben 85 Prozent nicht, dass es in ihrem eigenen Umfeld sexuelle Gewalttaten an Kindern gibt. „Schieb den Gedanken nicht weg!“ lautet daher der Appell der neuen Kampagne der Bundesregierung gegen sexuelle Gewalt gegen Kinder. Denn nur wer den Gedanken zulasse, dass es sexuelle Gewalttaten an Kindern im eigenen Umfeld geben kann, nimmt Verdachtsmomente wahr und handelt im Notfall.

Um die Prävention bereits im Elementarbereich zu verankern, hat die Caritas-Beratungsstelle jetzt dank einer Finanzspritze vom Land die Fachstelle um sieben Arbeitsstunden aufgestockt und das Programm „Echte Schätze“ des Vereins „Petze Kiel“ für 64 Kitas in Alsdorf, Baesweiler und Würselen angestoßen. Dafür wird zunächst das Kita-Team in den Bereichen sexuelle Entwicklung von Kindern, Basiswissen über sexualisierte Gewalt, Präventionsprinzipien und Täterstrategien geschult.

Thematisiert wird auch, wo man sich mit einem Verdacht oder nur einem komischen Gefühl wenden kann. „Jeder und jede kann eine anonyme Fallberatung in Anspruch nehmen. Dabei braucht niemand zu befürchten, dass ein komisches Gefühl zu unangemessenen Verdächtigungen führt. Lieber einmal zu viel als einmal zu wenig bei uns anrufen“, erläuterte Verena Steinbusch, Beraterin der Caritas-Fachstelle.

Im nächsten Schritt werden die Eltern ins Boot geholt. „Eltern brauchen ein offenes Ohr für betroffene Kinder und müssen ebenfalls Täterstrategien kennen, um Taten erkennen zu können“, sagte Carolin Strasser, die Leiterin der Beratungsstelle. „Wir wollen keinen Generalverdacht und keine absolute Sorglosigkeit, sondern die Eltern in ein Feld dazwischen holen.“ Etwaige Vorbehalte, mit so kleinen Kindern müsse über Geschlechtsteile und (sexuelle) Gefühle noch nicht gesprochen werden, können so in der Regel abgebaut werden.

Dann kommt die rote Metallkiste für sechs Wochen in die Kita, damit die Vorschulkinder angeleitet von den geschulten Erziehern und Erzieherinnen damit arbeiten können. Was sind gute, was schlechte Geheimnisse? Was nehme ich eigentlich mit dem eigenen Körper wahr? Wo fühlt es sich gut an, berührt zu werden, wo nicht? Gibt es falsche Gefühle? Wo kann ich Hilfe bekommen? Und, ganz wichtig: Ich bin nicht schuld, wenn mir etwas passiert. Das Programm endet mit einem Reflexionsgespräch. Drei Kisten konnte die Caritas-Beratungsstelle anschaffen. Zuständig ist sie für 64 Kitas. „Deshalb können wir die Kiste nicht jedes Jahr wieder in alle Kitas geben und regen deshalb an, zur Verstetigung selbst Kisten über den Träger zu erwerben, denn man muss an dem Thema unbedingt dran bleiben. Den Elternabend leiten wir aber weiterhin“, erklärte Strasser.

Dass sich das Programm für alle Einrichtungen lohnt, davon zeigte sich Dennis Hünten, Leiter des städtischen Familienzentrums Kellersberg, noch während der Projektzeit überzeugt: „Das Projekt begegnet den Kindern auf Augenhöhe und die Kinder beschäftigen sich gern damit, ohne Angst zu entwickeln. Und im Team hat es viele positive Prozesse angeregt.“ Er stellte fest: „Das tolle an ‚Echte Schätze‘ ist, dass es die gesamte Kita-Gemeinschaft anspricht. Meistens richten sich Angebote nur an die Kinder, das Team muss sich selbst ums Thema kümmern und die Eltern werden oft vergessen.“ Der ganzheitliche Ansatz ist auch Beraterin Verena Steinbusch wichtig: „Kinder sind nie schuld. Erwachsene sind zuständig für den Schutz von Kindern.“